https://www.faz.net/-gqz-74lhf

Mozarts „La Finta Gardiniera“ in Berlin : Schlüssel zur Glückseligkeit

  • -Aktualisiert am

Es bleibt ein Rätsel zurück, ganz wie bei den drei Nebensonnen Schuberts: Annette Dasch und Joel Prieto im Berliner Schlussbild von „La Finta Giardiniera“ Bild: Ruth Walz

Viel Buhs und Bravi gab es für Mozarts „La Finta Gardiniera“ in der Berliner Lindenoper, inszeniert von Hans Neuenfels. Nur Langeweile gab es nicht.

          3 Min.

          Achtzehn war Mozart, als er „La Finta Gardiniera“ komponierte. In diesem Alter wird man heute, jedenfalls im hochindustrialisierten Teil der Welt, zu den Kindern gerechnet. Zur Mozart-Zeit jedoch war mit achtzehn das Leben zur Hälfte schon vorbei, was ja keineswegs nur und ausnahmsweise Wolfgang Amadeus Mozart persönlich betraf. Wir sollten uns, wenn uns eines seiner Werke wieder einmal heiß erwischt, diese Diskrepanz der Lebensgeschwindigkeiten immer wieder kurz vor Augen führen, es hilft.

          Man lebte schneller damals, man dachte endlicher. Von Anfang an ist in den Musiken Mozarts der Tod mit anwesend, als ein „wahrer, bester Freund“. So nannte er selbst ihn einmal in seinem berühmten Todesreflektionsbrief an den Vater. Weiter heißt es in dem Brief: Zu wissen, man sterbe, habe etwas Beruhigendes, Tröstendes, es sei der „Schlüssel zu einer wahren Glückseligkeit“. Und Hans Neuenfels, der jetzt „La Finta Gardiniera“ für die Berlin Lindenoper neu inszeniert hat, führte, in Kenntnis dieses Schlüssels, vor Jahren in einem seiner Musikbücher ein etwas einseitiges Zwiegespräch mit Mozart, das in dem schönen und wahren Satz gipfelt, dessen Musik kümmere sich „um alles, was der andere Mensch für alle Zeiten tagtäglich zum Leben braucht.“

          Diese neue Berliner „Finta“ ist bereits die sechste Mozart-Opern-Inszenierung von Neuenfels. Aber noch nie zuvor hat er mit seiner Regie so tief eingegriffen in ein Werk, wie dieses Mal. Text und Handlung sind ganz neu erfunden. Offen gesagt: Ohne große Verluste. Das italienische Original-Libretto, welches Mozart sich nicht aussuchte, sondern von seinem Auftraggeber, dem Münchner Hofopernintendanten Graf von Seeau, zugewiesen bekam, ist sowieso ein unglaublicher Schmarren und die Original-Handlung eine nicht nacherzählbare Albernheit, zusammengesetzt aus Commedia-dell’Arte-Klischees.

          Etliche Damen im Publikum lachen sich schlapp

          Es geht also jetzt, in der Neuenfels-„Finta“, nicht mehr um den (Schein-)Tod einer schönen Marchesa, ihre Verkleidung als Gärtnerin und die bizarren Folgen daraus. Statt dessen wird viel gestorben auf der Bühne, von Figuren, die einander freundlich zurufen: „Signorina, haben Sie keine Furcht. Ich bin eine erfundene Figur, wie Sie!“ Es gibt orgiastische Messerstechereien und zwei Herzinfarkte. Es gibt aber auch viele gute, teils mozärtlich kalauernde Gründe, zu lachen. Etwa so: Zu der funkensprühenden Zornarie der Koloratursopranistin (virtuos gesungen von Alex Penda, in der Rolle der Arminda), die, da sie den tollen Tenorhelden (ebenfalls glänzend: Joel Prieto, in der Partie des Belfiore) nun doch nicht kriegen kann, am liebsten alle Männer in die Tonne treten würde, bringt sie, in Androhung, sie zunächst mal zu kastrieren, eine Saftpresse mit auf die Bühne. Schon führen drei hübsche Jünglinge einen Veitstanz um sie auf. Sie opfern sich, holen, zu den von heftigen Stößen der Hörner untermalten Tiraden der Dame, aus ihren Boxershorts Mandarinen und Möhren hervor und legen sie auf den Küchentisch.

          Etliche Damen im Publikum lachen sich schlapp. Andere Mozartliebhaber äußern Unmut. Mozart selbst hätte diese Szene aber sicher gefallen. Seine Musik wird jedenfalls nicht im geringsten angetastet, sogar die Reihenfolge der Arien, Duette und Ensembles hat Hans Neuenfels weitgehend beibehalten. Wie in einer Revue steht jede Nummer für sich, zu jeder werden jeweils andere Requisiten hereingeschoben oder sie fliegen aus dem Schnürboden ein: der Geier, die Taube, der Dompfaff, die Sitzgruppe aus Instrumentenkoffern, eine Rokoko-Kulisse. Kostüme und Bühnenbild (Reinhard von der Tannen) sind zeitlos, das Ambiente ein Nicht-Ort in Anthrazit, dessen neongeschwungene Linie an das Design heutiger Bankfilialen oder Laptops erinnert. Dass das Bärtchen des Kastraten (klar und flammend gesungen von Stephanie Stansov, in der Hosenrolle des Ramiro) nur angeklebt ist und irgendwann abgerissen wird, versteht sich.

          Außer den bereits gepriesenen Sängern ist unbedingt Stephan Rügamer (als sonorer Podésta) hervorzuheben. Annette Dasch in der Hauptrolle der Marchesa Violante zieht, der Wahrhaftigkeit ihrer Darbietung wegen, alle Sympathien auf sich. Regula Mühlemann (als zuckerplätzchen-pinke Serpetta) und Argiris (als Naturbursche Nardo) fallen in der sängerischen Leistung etwas ab. Mit Eleganz ersetzen Elisabeth Trissenaar und Markus Boysen, in Sprechrollen, die Rezitative. Wie Neuenfels selbst: Er raunt aus dem Off.

          Wir gehen wie im Traum hinaus

          Die Berliner Staatskapelle spielt unter der Leitung von Christopher Moulds schnell, kontrastreich und farbenfroh. Herrlich vor allem: die Holzbläser. Aber es sind auch etlichen Unschärfen zu hören, keine synchronen Einsätze zum Beispiel. Im Graben sitzen diesmal auffallend viele junge Leute aus der Orchesterakademie.

          Und ganz am Schluss wird doch noch die Musik umgestellt. Erst absolvieren alle ordnungsgemäß das Finale: ein Jubelchor. Mond und Sonne stehen gleichzeitig am schwarzen Bühnenhimmel. Folgt das große Duett, das vorher weggelassene: dieses rätselhaft zerrupfte „Komm-her-Geh-Weg“-Duett der Liebenden Violante/Belfiore, das mit einem Arioso anfängt und in eine Apotheose der Liebe mündet, deren Melodieerfindung vom späten „Figaro“- Mozart stammen könnte.

          Ein dritter Himmelskörper erscheint, ein langer Tunnel tut sich auf. An dessen Ende brennt Licht. Diesen fremden Planeten betreten die beiden, die noch gerade eben Bisse und Küsse tauschten, und sich gegeneinander und gegen das Leben so heftig gewehrt hatten. Sie gehen Hand in Hand. Wohin? Das wüssten wir gern. Und gehen selbst wie im Traum hinaus und kriegen diese Ohrwurm-Melodie nicht mehr los.

          Weitere Themen

          Keine Anklage gegen RTL-Team

          Punkt-12-Bericht zu Pädophilie : Keine Anklage gegen RTL-Team

          Männer prügeln auf einen Unschuldigen ein, den sie versehentlich für einen Pädophilen aus einem „Punkt 12“- Beitrag halten: Dass RTL-Journalisten dafür Verantwortung zuzuweisen sei, hat ein Gericht nun verneint.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.