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Russisches immersives Theater : Bremse dein Begehren, sonst wird dein Herz zum Lotterbett

Frau Diogenes kommt aus der Tonne: Nikita Schetinin, Ludmila Kornienko, Ulyana Vaskovich und Marina Karlysheva provozieren Berlin-Neukölln. Bild: Elena Kyubbarsep

Kinder der Galaxie: Der Moskauer Theatererneuerer Vsevolod Lissovsky bringt die Performance-Gruppe „Transformator“ nach Berlin, um den Stadtraum zu erforschen.

          3 Min.

          Was die grazile junge Frau von einem Baugerüst in Berlin-Neukölln herab verkündet, klingt wie ein Manifest. Sie teile die Menschen in drei Kategorien, ruft die zarte Person auf Russisch, während fünfzehn Zuschauer mit Kopfhörern der deutschen Simultanübersetzung lauschen. Da seien diejenigen mit viel Geld, die, um es zu behalten, die bestehende Ordnung stützten, und diejenigen ohne Geld, die deswegen diese Ordnung umstürzen wollen. Beide seien Realisten, erklärt die Frau im Seidenhängerchen, während eine Passantin ihr neugieriges Kind weiterzerrt. Im Gegensatz zu denjenigen mit wenig Geld, fährt sie mit beschwörender Miene fort, ohne dass ihre charmiert-irritierten Zuhörer ahnen könnten, dass sie gerade Jean-Paul Sartre zitiert – die würden, um ihr Geld zu bewahren, aber auch zu mehren, die Ordnung zerstören wollen, de facto aber erhalten; sie seien Idealisten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Szene ist Teil des immersiv-interventionistischen Theaterstücks „Implizite Einwirkungen“ (Implicit Impacts), das die Moskauer Performance-Gruppe „Transformator“ unter ihrem konzeptionellen Kopf Vsevolod Lissovsky seit drei Jahren in der russischen Hauptstadt, in St. Petersburg und in Jaroslawl gespielt und jetzt auch nach Berlin gebracht hat. Lissovsky ist einer der arriviertesten russischen Theatererneuerer, der die Funktionstrennung zwischen Schauspielern und Zuschauern erodieren sieht. Bei einem Gespräch zwischen zwei Performances erklärt er, dass er kein Regisseur, sondern ein Kommissar sei. Für die „Impliziten Einwirkungen“ hat Lissovsky Texte klassischer und moderner Philosophen, literarische Fragmente und Gedichte kompiliert, aber seine fünf Darsteller auch ermuntert, Lieblingsautoren beziehungsweise -lieder einzustudieren oder zu improvisieren. Das Stück, das er als Forschungsprojekt am sozialen Körper versteht, entwickelt sich nach dem Zufallsprinzip. Zahlen auf Jetons, die an die Zuschauer ausgehändigt werden, und die die Performer ihnen abnehmen, bestimmen die Szenen und die Bewegungsrichtung im Stadtraum. In Russland, verrät Lissovsky, seien dabei er oder Mitstreiter auch durchaus schon von der Polizei festgehalten worden.

          Wenn die Frau, in der Hausecke stehend, Jean Paul Sartre zitiert, klingt das wie ein Manifest.

          Der 52 Jahre alte Lissovsky, der einst fürs Fernsehen und dann für das Moskauer Dokumentartheater „teatr.doc“ gearbeitet hat, bezeichnet die ökonomisch stabilen Nullerjahre unter Putin als das Trauma seines Lebens. Nach den Neunzigern, da er wegen Schulden Gefängnisstrafen fürchten musste, sei damals ein fataler Spannungsabfall eingetreten. Inzwischen gehe es in Moskau härter zu, aber auch lustiger, freut er sich, es gebe wieder Bewegung. Lissovsky, den die existentielle Erfahrung interessiert, arbeitet auch mit Obdachlosen und Arbeitsmigranten. Im Frühjahr brachte er am Moskauer Meyerhold-Zentrum das Stück „Die Höhle“ heraus, bei dem drei ältere wohnsitzlose Männer anderthalb Stunden lang äußerst witzig über das Leben, die Liebe und Mann und Frau philosophieren, unterbrochen von Lissovskys Performern, die, gleichsam als Kommentar, Passagen aus Platons Höhlengleichnis vortragen. Zuvor hatte er mit tadschikischen Musikern, die sich in Moskau als Tagelöhner durchschlagen, die „Akyn-Oper“ herausgebracht. Die Produktion, bei der die deklassierten Sänger-Schauspieler in humoristischen Chansons von ihrem harten Leben erzählen, wurde sogar mit dem Theaterpreis „Goldene Maske“ ausgezeichnet. Das Leben seiner Migranten und Obdachlosen habe sich dadurch freilich nicht verbessert, gesteht Lissovsky zu. Die Tadschiken würden weiter ihre Billigjobs machen, einer der „Philosophen“ habe zu trinken begonnen.

          Die Stadt Berlin, wo Lissovsky zum dritten Mal ein Stück vorstellt, wirke, wie er sich ausdrückt, „sanatoriumsmäßig“ auf ihn. An vereinbarten Treffpunkten am Alexanderplatz, in Kreuzberg beziehungsweise Neukölln sammeln sich die Zuschauer, um Teil der Performance zu werden. Lissovsky erklärt die Spielregeln und proklamiert, dass alle Erfahrungen während des performativen Spaziergangs als Emanation des Raums aufzufassen seien. Als erste solche Emanation liegt vor einer Glastür Uljana Vaskovich und erzählt, wie die Menschen, die ursprünglich androgyn und kugelgestaltig gewesen seien, zum Zweck ihrer Schwächung in Mann und Frau geteilt worden seien. An der nächsten Ecke skandiert Ludmila Kornienko, zum Ärger zweier neben ihr lagernder Obdachloser, euphorische Verse über die Galaxie, die unsere Mutter sei. Bald darauf ist Maria Karlysheva zu erleben, die, an ein Schaufenster gelehnt, argumentiert, das Herz desjenigen, der viele Frauen begehrt, verwandle sich buchstäblich in ein „Lotterbett“. Unvermittelt und anonym klingen die Sätze Platos, des sowjetrussischen Dichters Robert Roschdestwenski und des zeitgenössischen Dramatikers Iwan Wyrypajew auf poetische Weise befremdlich.

          Die Schauspiel-Performer sind phänomenal. Sie rennen der von Lissovsky angeführten Zuschauergruppe voraus und empfangen sie mit einer Szene. Vaskovich, die de Sades Schilderung eines Mannes, der sich am Schweiß einer Rothaarigen erregt, vorträgt, deutet das auf dem Asphalt knieend als Beichte vor einem unsichtbaren Pfarrer aus. In Ensembleszenen passieren die Zuschauer ein Spalier predigender, dichtender oder laut nachdenkender Solisten, oder sie erleben, wie Dramenfiguren, die nacheinander aus dem Gebüsch, aus einer Mülltonne oder aus dem Nichts auftreten, sich zu einer kontrapunktischen Kombination verbinden.

          Ulyana Vaskovich spielt einen Text des Marquis’ de Sade als Beichte vor einem unsichtbaren Priester. Der Kommissar Vsevolod Lissovsky hält sich im Hintergrund.

          Berlins multikulturelle Viertel reagieren freundlicher als die russischen Stadträume, denen der „Transformator“ sich ausgesetzt hat. Was wohl auch daran liegt, dass die immer auch mit Fluchwörtern unterfütterten Texte hier kaum jemand versteht. Nur in dem Restaurant, auf dessen Eingangsstufen Kornienko hockt, um, mit der Speisekarte in der Hand, Werner Heisenbergs Überlegungen über fotoelektrische Strahlungen zu rezitieren, protestiert ein Kellner, der fast über sie gestürzt wäre. Als sich nach zwei Stunden Nikita Schetinin mit einer lyrischen Improvisation verabschiedet, applaudieren die Zuschauer auch seinen Partnerinnen, die längst im Großstadtdschungel untergetaucht sind.

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