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Russisches immersives Theater : Bremse dein Begehren, sonst wird dein Herz zum Lotterbett

Die Stadt Berlin, wo Lissovsky zum dritten Mal ein Stück vorstellt, wirke, wie er sich ausdrückt, „sanatoriumsmäßig“ auf ihn. An vereinbarten Treffpunkten am Alexanderplatz, in Kreuzberg beziehungsweise Neukölln sammeln sich die Zuschauer, um Teil der Performance zu werden. Lissovsky erklärt die Spielregeln und proklamiert, dass alle Erfahrungen während des performativen Spaziergangs als Emanation des Raums aufzufassen seien. Als erste solche Emanation liegt vor einer Glastür Uljana Vaskovich und erzählt, wie die Menschen, die ursprünglich androgyn und kugelgestaltig gewesen seien, zum Zweck ihrer Schwächung in Mann und Frau geteilt worden seien. An der nächsten Ecke skandiert Ludmila Kornienko, zum Ärger zweier neben ihr lagernder Obdachloser, euphorische Verse über die Galaxie, die unsere Mutter sei. Bald darauf ist Maria Karlysheva zu erleben, die, an ein Schaufenster gelehnt, argumentiert, das Herz desjenigen, der viele Frauen begehrt, verwandle sich buchstäblich in ein „Lotterbett“. Unvermittelt und anonym klingen die Sätze Platos, des sowjetrussischen Dichters Robert Roschdestwenski und des zeitgenössischen Dramatikers Iwan Wyrypajew auf poetische Weise befremdlich.

Die Schauspiel-Performer sind phänomenal. Sie rennen der von Lissovsky angeführten Zuschauergruppe voraus und empfangen sie mit einer Szene. Vaskovich, die de Sades Schilderung eines Mannes, der sich am Schweiß einer Rothaarigen erregt, vorträgt, deutet das auf dem Asphalt knieend als Beichte vor einem unsichtbaren Pfarrer aus. In Ensembleszenen passieren die Zuschauer ein Spalier predigender, dichtender oder laut nachdenkender Solisten, oder sie erleben, wie Dramenfiguren, die nacheinander aus dem Gebüsch, aus einer Mülltonne oder aus dem Nichts auftreten, sich zu einer kontrapunktischen Kombination verbinden.

Ulyana Vaskovich spielt einen Text des Marquis’ de Sade als Beichte vor einem unsichtbaren Priester. Der Kommissar Vsevolod Lissovsky hält sich im Hintergrund.

Berlins multikulturelle Viertel reagieren freundlicher als die russischen Stadträume, denen der „Transformator“ sich ausgesetzt hat. Was wohl auch daran liegt, dass die immer auch mit Fluchwörtern unterfütterten Texte hier kaum jemand versteht. Nur in dem Restaurant, auf dessen Eingangsstufen Kornienko hockt, um, mit der Speisekarte in der Hand, Werner Heisenbergs Überlegungen über fotoelektrische Strahlungen zu rezitieren, protestiert ein Kellner, der fast über sie gestürzt wäre. Als sich nach zwei Stunden Nikita Schetinin mit einer lyrischen Improvisation verabschiedet, applaudieren die Zuschauer auch seinen Partnerinnen, die längst im Großstadtdschungel untergetaucht sind.

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