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Neue Musik in Moskau : Handzeichen eines Demiurgen

  • -Aktualisiert am

Moskauer Glockengeläut Bild: Moskauer Forum für Neue Musik

Wie soll Neue Musik klingen, wenn ihre Förderung in der Hand von Oligarchen liegt? Das Moskauer Forum von Vladimir Tarnopolski sucht nach Antworten und das schon fast non-konform.

          3 Min.

          Im Herbst dieses für die russische Gesellschaft in vieler Hinsicht traumatischen Jahres widmete sich das traditionsreiche Festival für zeitgenössische Musik „Moskauer Forum“ dem Vorausklang der Dramen der Zukunft. Sein künstlerischer Leiter, Vladimir Tarnopolski, und sein Ensemble Studio für Neue Musik am Moskauer Konservatorium loteten das Thema mit fünf durch Podiumsgespräche strukturierte Konzertabende aus, die mit Werken des 21. Jahrhunderts soziale Brüche, technische Transformationen, aber auch ökologische Verluste in künstlerische Formen fassten und jungen Komponisten eine Bühne boten. Das internationale Gastensemble, die französische Multimediagruppe LiSiLog fügte dem so etwas wie kosmische Magie hinzu, indem ihre Künstler Licht- und Klangeffekte dermaßen raffiniert miteinander verkoppelten, dass die Empfindung des begrenzten Raumes wundersam aufgehoben wurde.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die phänomenale japanische Saxophonistin Yui Sakagoshi erreichte das, indem sie das aus elektronischen Klängen, verfremdeten Stimmen und Geräusch gebaute Stück des brasilianischen Komponisten Sergio Rodrigo „B.H.Z.Corpos.morrentes …“ zugleich als expressiven Ritualtanz zelebrierte und den Instrumentalpart spielte. Rodrigos zerrissenes, in seiner dramatischen Kleinteiligkeit auch peinigendes Klanggemälde übersetzte Sakagoshi in Bewegungen, die ans japanische No-Theater gemahnten. Dann brachte sie mit dem auf dunkler Bühne durch eine Lichtwand tanzenden Axel Poulsen das neue Solostück „Corps Invisibles“ von Sami Naslin zur Uraufführung, welches das Dasein dauerhaft in ihren Wohnungen eingeschlossenen Menschen vergegenwärtigt. Auch Tarnopolski hatte für Sakagoshi eine Neukomposition beigesteuert, „Last Sunset“, das meditativ behauchte Saxophontöne über fern hallende Sphärenklänge legt, die die NASA im Weltall vom Planeten Erde aufgezeichnet hat.

          Junge Kreative überzeugen

          Technologisches Fundament für das Spiel von LiSiLog ist das interaktive „Light Wall System“, das auch den Körper des Musikers zum Instrument macht und es ihm ermöglicht, den Raum gleichsam mit Klängen zu beschreiben wie eine Leinwand mit Zeichen. Virtuos demons- trierte das der Schlagzeuger Meng-Fu Hsieh, der in Nikolai Popovs „Transitions“ im Dunkeln gestikulierend durch Handzeichen aus der Lichtwand demiurgenhaft elektronisches Donnergrollen, Flötenrufe oder metallisches Scheppern hervorzauberte. Wie man indes auch mit Klavier und Schlagzeug bei radikal erweiterten Spieltechniken eine hochkomplexe Partitur mit nie gehörten Instrumentenstimmen intonieren kann, bewiesen anderntags der Pianist Dmitri Batalow und der Schlagzeuger Dmitri Wlassik mit Franck Berdossians Extremstück „Edges“. Ein humorig katastrophisches Schlusswort sprach das Studio für Neue Musik mit dem als Power-Point-Präsentation aufgezogenen Stück „Star Me Kitten“ von Alexander Schubert. Der Komponist, der auch Kognitionswissenschaftler ist, schickt eine schrille Blonde (betörend abgedreht: Alena Verin-Galitzkaja) mit rabiat angeschlagenen Orchesterfarben auf einen in Datenstrudeln ertrinkenden Selbstdarstellungstrip.

          Geradezu rührend nahm sich dagegen die junge Komponistin Jelisaweta Sgirskaja aus, die in ihrer Videoarbeit „Schrei, raschle, schweige nicht“ die langsam verschwindende Holzarchitektur ihrer sibirischen Heimatstadt Tomsk in Geräuscheffekten und im Bild mahnend zu Wort kommen ließ. Der Avantgarde-Künstler Dmitri Gutow erörterte mit Tarnopolski die Folgen der Krise der Demokratie in der Welt, wodurch etwa das Thema Politik in Russland weitgehend tabuisiert sei. In dieser Situation sieht Gutow, der sich als Marxist positioniert, die Aufgabe der Kreativen darin, den sie finanzierenden Oligarchen ihren Geschmack zu oktroyieren, und rief dazu auf, Hochkultur zur Mode für die Reichen zu machen, wie es dem Dirigenten Teodor Currentzis gelungen sei.

          Transformation ins Spirituelle

          Das Studio für Neue Musik brachte unter seinem vorzüglichen Dirigenten Igor Dronow dann noch Rolf Riehms Instrumentaldrama „Lenz in Moskau“, das mit abgewandt artikulierender Cellostimme und einer gegen brutale Paukenschläge ansingende Säge das Ende von Goethes Jugendfreund beschwört, zur russischen Uraufführung, ebenso wie das Ensemblestück „Riss“ von Mark Andre, worin die Musiker, aus feinen Geräuschen, die bald verhalten pulsieren, bald heftiger aufbrechen, Trennendes und zugleich Verbindendes ertasten, wobei in der nachhallenden Stille zugleich die Anwesenheit Gottes ahnbar wird.

          Doch eine Gruppe junger Moskauer Musiker und Videokünstler, die sich den Namen „Waldgang“ gab – nach dem Essay von Ernst Jünger über die Verhaltensoptionen in einer Diktatur –, wagte eine fast verzweifelt große Geste. Die sechs Künstler tauschten den Gegenwert eines monatlichen Mindesteinkommens (derzeit in Russland etwa 150 Euro) in kleine Münzen und verfrachteten diese in eine Schmiede bei Smolensk, wo sie zu einer Kirchenglocke umgeschmiedet wurden. Bei der Multimediaperform- ance, die schon in einigen kleinen Theatern gezeigt wurde, tragen zwei russische Antäusfiguren das Instrument auf die Bühne, wo es ertönt, nachdem der Komponist Pawel Poljakow mit prächtig einstudiertem Kehlkopfgesang den Ungehörten seine Schamanenstimme lieh. Die in der löchrigen Glockenwand nicht ganz verschmolzenen Münzen machen freilich auch sichtbar, dass die angestrebte Transformation des Materiellen ins Spirituelle nur halb gelungen ist.

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