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Monteverdi in Kopenhagen : Bildgewordene Trauerarbeit

  • -Aktualisiert am

Orpheus (Marc Mauillon) herzt seine Braut Eurydike (Sofie Lund-Tonnesen) Bild: Königliche Oper Kopenhagen

Schlicht, schön und ergreifend: Lars Ulrik Mortensen und Jetske Mijnssen machen aus Monteverdis „L’Orfeo“ eindringliches Musiktheater von europäischem Rang

          3 Min.

          Noch fahren Züge und Busse, noch fliegen die Flugzeuge, aber die dänische Regierung rät von Reisen nach Deutschland ab. Aus Angst vor der Ausbreitung des Coronavirus fanden schon ein Fußballspiel und eine nationale Wertungsrunde für den Grand Prix d’Eurovision ohne Publikum in Dänemark statt. Doch der Himmel ist blau über Kopenhagen, und die Krokusse öffnen sich der Märzsonne im königlichen Garten vor Schloss Rosenborg.

          Jan Brachmann
          (jbm.), Feuilleton

          „Keiner soll sich der Verzweiflung überlassen oder dem Schmerz ergeben, auch wenn er uns oft bedrängt und im Leben verzagen lässt“, singen zwei Hirten in Claudio Monteverdis Oper „L’Orfeo“. Die Choreographin Lillian Stillwell hat sich eine einfache und schwungvolle Bewegungsregie für das erlesene Solistenensemble der Hirten und Nymphen erdacht. Singend bilden sie einen Chorreigen für die Braut Eurydike und schirmen sie mit deren Schleier wie mit einem Baldachin. Immer wieder drängt es den bekränzten Orpheus, seine Braut zu herzen. Ein heiteres Zeremoniell entzieht sie ihm – zur Steigerung der Vorfreude.

          Der Blick in den Saal des alten Opernhauses am Königlichen Neumarkt allerdings ist traurig. Nur jeder zweite Platz ist besetzt. Eigentlich wäre die Premiere ausverkauft gewesen, doch nachdem die Regierung Maßnahmen zur Eindämmung von Neuinfektionen empfohlen hatte, verständigte das Kartenbüro die Hälfte aller erreichbaren Gäste per Mail oder Telefon und bat darum, vom Besuch der Vorstellung abzusehen, damit die andere Hälfte mit Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zum Sitznachbarn zusehen könne. Eine symbolische Maßnahme zur Gewissensberuhigung, ohne infektionshemmende Wirkung.

          Die gut sechshundert Leute, die nun da sind, erleben ein Theaterereignis von europäischem Rang. Lars Ulrik Mortensen, der Leiter des Originalklang-Ensembles Concerto Copenhagen, denkt Musik immer von der Sprache und dem Affekt her mit dem Ziel einer Bildwerdung auf der Bühne. Sein Musizieren kennt den scharfen Kontrast genauso wie die delikate Nuance. Das Continuo ist reich besetzt mit Laute, Harfe, Theorbe, Truhenorgel und schnarrendem Regal – je nach Rede- und Spielsituation. Blockflöten und Zinken streuen in den Tanzsätzen bunteste Blumen über den Streicherklang, der selbst zartfarbig schimmert, auch durch Mitwirkung einer zwölfsaitigen Lirone, einer besonders seltenen Gambe.

          Erlesenes Orchester, sensible Regie

          Die Eingangstoccata mit Trommel und Trompeten springt festtagsfreudigst aus dem Orchestergraben: laut, energisch, vital auf einem einzigen, lebensprall zitternden Dur-Dreiklang. Doch bestürzend sind die leisen Streichersätze mit ihren abenteuerlichen Harmonien, wenn Orpheus um seine Braut Eurydike trauert: fahl und trüb wie der Dunst am Morgen eines Tages, da dem Hinterbliebenen die Ödnis des Übrigbleibens mit feuchter Kälte unters Hemd kriecht. Die Regisseurin Jetske Mijnssen reagiert mit großer Sensibilität auf solche musikalischen Momente. Sie gibt Marc Mauillon, dem Darsteller des Orpheus, Zeit, sich in sich zu verkriechen, von Bernd Purkrabek in verhangenes Licht getaucht. Mijnssens gesamte Regie zielt darauf ab, den Figuren Abstand zum Drang der Ereignisse zu schenken, damit sie dessen gewahr werden, was ihnen geschieht. Der Moment, da Orpheus zu Charon, dem Fährmann ins Totenreich, singt: „Orpheus bin ich, der den Schritten seiner Eurydike folgt“, gerät szenisch zu einem handlungsarmen und doch intensiven Augenblick, da das singende Subjekt seiner selbst innewird. Das singende Ich-Sagen ist ein erster Durchbruch in der eigenen Trauerarbeit.

          Einfach, schön und eindringlich führt Mijnssen Regie. Ganz behutsam will sie nur musikalische Vorgänge in bewegte Bilder überführen: Tanz, Freude, Zuneigung, dann die Trauer in Gestalt vollverschleierter schwarzer Gestalten. Doch übergreifend erzählt sie den Mythos von Orpheus und Eurydike als moderne Geschichte eines jungen Mannes, der die Trauer um seine frühverstorbene Frau bewältigt. Der Weg in die Unterwelt – poetisch gefasst als schwarzer Raum voller Kandelaber mit echten Kerzen – bringt eine Wiederbeschwörung und endgültige Lösung von der Toten, wobei Orpheus in Gestalt von Proserpina und Pluto sich selbst und Eurydike als altes Paar sieht und darin die Vision, wie es wohl gewesen wäre, zusammen alt geworden zu sein. Ein Bild der Hinfälligkeit, aber auch des rührenden Sich-Umeinander-Sorgens. Zurückgekehrt in sein bürgerliches Heim – die Bühne von Ben Baur ähnelt den melancholischen Altbau-Interieurs von Christian Schmidt für die familienanalytischen Kammerspiele von Claus Guth –, entblößt er seinen Oberkörper und zieht sich das Brautkleid Eurydikes an. Ein symbolischer Akt der nachgeholten Vereinigung. Doch der Vater des Orpheus kommt und zieht ihm wieder sein Hemd an. Orpheus muss er selbst sein. Und niemand kann ihm das Trauern als Arbeit des Trennens von der Toten und des Zurück ins Leben abnehmen.

          Eine leichtfüßige Art des Singens entwickelt Sofie Lund-Tonnesen als Eurydike und erinnert daran, dass die Antike die Musik als Einheit aus Klang, Sprache und Körperbewegung begriffen hatte. Großartig gelingt es Mia Bergström als Botin, an die Entstehung des Gesangs aus dem Schrei zu erinnern. Denn aus dem Entsetzen über den Tod Eurydikes wird ihr kunstvoller Gesang geboren. Überragend ist Marc Mauillon als Orpheus: Bei aller Präzision und Kehlfertigkeit in den bebenden Verzierungen seines Baritons zeigt er Mut zu einem rauhen, rissigen Timbre, das den Kunstgesang archaischen Praktiken annähert, wie man sie noch in der Folklore Sardiniens finden kann. Unmittelbarer Ausdruck von erschütternder Wirkung – beim dritten Vorhang applaudiert das Publikum im Stehen.

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