https://www.faz.net/-gqz-9q8uc

Salzburger Festspiele : Das Krokodil steckt im Kasten, der Teufel im Detail

  • -Aktualisiert am

Da springt einer um sein bisschen Leben: Jörg Pohl als Salzburger Liliom zwischen den Greifarmen – Leben und Tod, Diesseits und Jenseits Bild: Matthias Horn

Sex, Gewalt und irritierend gute Laune: Kornél Mundruczó inszeniert Molnárs Vorstadtlegende „Liliom“ mit Robotergreifarmen, und Theresia Walser veranstaltet in ihrem neuen Stück ein Blutbad in der Fußgängerzone. Zwei Premieren bei den Salzburger Festspielen.

          Wie kann ein Stern, aus dem Himmelszelt als Glücksbringer für die postume Tochter gestohlen, sich als Vanilleeis im Stanitzel (Waffeltüte) entpuppen? Wieso spendet das Premierenpublikum zwei mechanischen, riesigen, ferngesteuerten Robotergreifarmen fast ebensolchen Applaus wie den beiden menschlichen Hauptdarstellern? Was haben sarkastisch verfremdete Ballettproben und ein wasserspritzendes Bauchgetrommle im krokodilverseuchten Winzpool in einer Vorstadttragödie verloren? Eine Antwort auf nicht nur diese Fragen lautet: Kornél Mundruczó, magyarischer Film- und Theaterregisseur, seit langem auch am Thalia Theater tätig, bringt den mit diesem Hause koproduzierten „Liliom“ vor der Hamburger Herbstpremiere auf die Bühne der Salzburger Festspiele. Genauer gesagt, auf die der Außenspielstätte Perner Insel in Hallein (F.A.Z. vom 2. August über Gorkis „Sommergäste“).

          Es ist, wie bei Mundruczó kaum anders zu erwarten, nicht die von Alfred Polgar 1912/13 ins Wienerische übertragene – und erst dadurch zum Durchbruch gekommene – „Vorstadtlegende in sieben Bildern und einem szenischen Prolog“ Ferenc (Franz) Molnárs, die man hier zu sehen bekommt. Vielmehr eine Mischung aus Molnár-Original – nicht im Wiener Pratermilieu sondern wieder im Budapester Stadtwäldchen Városliget angesiedelt –, Resten der Polgar-Übersetzung und neuen Zutaten von Mundruczós Stammdramaturgin Kata Wéber.

          Freilich, die zu wenig Hoffnung Anlass gebende Grundidee von Molnár bleibt erhalten. Liliom, den Jörg Pohl mit – und das ist diesmal keineswegs eine handelsübliche Übertreibung – vollem Körpereinsatz spielt und dabei zum Glück die meiste Zeit darauf verzichtet, sich am Wienerischen oder gar Ungarischem zu versuchen, wirft immer noch seine Anstellung als Hutschenschleuderer (heißt jetzt allerdings nicht mehr so, nun wohl wieder „Ausrufer“; leider nie zu hören: das schöne Wort „Rekommandeur“) und auch seine Intimbeziehung zur Karussellbesitzerin Frau Muskat, zornig hin, als diese, schön hinterfotzig-pikiert von Oda Thormeyer, stets im langen Kleid oder Mantel, angelegt, dem Dienstmädel Julie, dem der Liliom beim Ringelspielfahren an die Wäsche gegangen ist, Hausverbot erteilt.

          Zwar schlägt er Julie schon mal, doch sie ziehen zusammen, zur Untermiete in ein kahles (Bühnenbild: Monika Pormale) Fotoatelier. Sie wird schwanger, er ist zwar überglücklich – hier folgt in Mundruczós Inszenierung die fröhlich durchgetaktete Bauchklatschszene im hauseigenen Kleinsttümpel –, aber nach wie vor arbeits- und mittellos. Also plant er mit einem Gaunerkumpel einen Raubmord an einem Geldboten. Alles geht schief, und um der Verhaftung zu entrinnen, rammt sich Liliom ein Küchenmesser in den Bauch und lebt ab. Ende der Geschichte?

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Aber nein, nach sechzehn Jahren im Wartesaal der Seelen – heutzutage offenbar „Safe Space“; hier wird auch auf geschlechtergerechte Sprache besonderer Wert gelegt, und Männlein wie Weiblein „und alles dazwischen“ übt zu Schwanenseemusik Ballettschritte – darf Liliom für einen Tag ins Leben zurück, um endlich seine Tochter kennen zu lernen. Und Julie, in dieser Produktion von Maja Schöne wunderbar zwischen Trotz, Liebe und Verzweiflung zerrieben, manchmal hysterisch schluchzend, dann wieder mitreißend lachend, meistens aber resigniert, Julie also scheint ihrem Liliom vergeben zu haben.

          Auch Mundruczós Konzept schwankt. Da gibt es die interessante Idee, die ganze verworrene Chose als Rückblick zu erzählen. Folgerichtig lässt er im Zwischenreich beginnen und einen bereits extrem ungeduldigen Liliom immer noch auf die Erledigung seines Antrages warten. Wie in Österreich und Ungarn – auch in Deutschland – wohlbekannt: Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare! Sodann in extremer Konkurrenz zum Ensemble: die beiden Roboterarme, die nicht nur die Szenerie aufbauen, sondern auch, indem sie etwa Abgehenden scheinbar nachblicken, das Geschehen kommentieren.

          Weitere Themen

          Armut ist die größte Sünde

          Theaterserie Ostrowski : Armut ist die größte Sünde

          Das vergessene Theaterstück „Tolles Geld“ von Alexander Ostrowski ist eine Wundertüte mit einer aufreizenden Heroine und einem trällernden Lustgreis. Höchste Zeit, es wieder auf einer deutschen Bühne zu spielen.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir können Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.