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Molières Don Juan in München : Männertriebe zwischen Lust und Frust

  • -Aktualisiert am

Auch Frauenhelden leiden bei zu viel Leidenschaft: Franz Pätzold als Don Juan und Nora Buzalka als Charlotte. Bild: Matthias Horn

Harmlose Komödie in folkloristischem Gewand: Frank Castorf inszeniert Molières Don Juan am Münchner Residenztheater und präsentiert sich überraschend aufgeräumt.

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          Dass ihre menschlichen Gefährtinnen verführerisch aussehen, ist den drei stattlichen Ziegenböcken vermutlich egal. Sie beeilen sich dennoch, mit ihnen Schritt zu halten. Denn die beiden Frauen tragen nicht nur hohe Hacken und himmelstürmend sich türmende Watteperücken, in denen ganze Segelschiffmodelle Seenot erlitten haben, sondern auch das Futter, das die Böcke bei Laune und damit am Leben hält, eine willkommene Ablenkung von der Langeweile ihrer Existenz.

          Bis in die tierische Statisterie hinein: Frank Castorf hat im Münchner Residenztheater einen Männerabend inszeniert. Über Männertriebe, Männerliebe, Männerirren, Männerwirren, Männerlust und Männerfrust – und all die wehleidigen, aber völlig untragischen Momente, in denen das eigene Spiegelbild dann doch nicht genug ist. Die dramatische Steilvorlage hierfür ist selbstverständlich ein „Don Juan“. Warum es bei einer riesigen Auswahl durch vier Jahrhunderte ausgerechnet der von Molière ist, der hier namentlich auf dem Spielplan steht, wird wohl vor allem demjenigen klar, der nach den nur knapp vier Stunden Spielzeit das Gefühl hat, eine Komödie gesehen zu haben – eine harmlose Männerkomödie mit folkloristischen Abgründen und einem Hang zur Melancholie. Und, schenkte man der These Glauben, Don Juan stehe immer auch für das Männerbild seiner Zeit: gleichsam eine Tragödie des 21. Jahrhunderts.

          Molières knapp auf den Punkt gebrachte Charakterstudie eines intellektuellen, wachen, aber asozialen, atheistischen, liebestollen Freigeists (1665) trifft bei Castorf auf Puschkins schicksalergebenen, liebevollen Don Juan aus „Der steinerne Gast“ (1830). Für die Abgründe ist ebenfalls Puschkin zuständig, der in seiner Kurztragödie „Das Gelage während der Pest“ die Komödie mit dem unausweichlichen Tod konfrontierte. Für den globalkolonialen Rundumschlag und die kritisch revolutionäre Fallhöhe kommt Heiner Müllers „Auftrag“ ins Spiel, das Blaise Pascal mit seinem Abgesang auf die Zerstreuung verdirbt; als erotische Füllwolle werden Passagen aus dem „Obszönen Werk“ des Georges Bataille zitiert.

          Glaube, Liebe, Tod – Rock me Don Juan!

          Die Folklore schließlich hat Castorf seinen Ausstattern zu verdanken. Aleksandar Denić, dessen Drehbühnenburgen nicht von ungefähr an die idyllisch-chaotischen Filmsets seines serbischen Landsmannes Emir Kusturica erinnern; Adriana Braga Peretzki, deren (weltum)spannende Kostüme ihre Rollen vermutlich auch noch im Fundus weiterspielen. Für den unbekehrbaren Frauenverführer erschafft das Trio eine kerzen- wie kronleuchterbeschienene barocke Welt aus Bretterbühnenniedlichkeit, Ziegenstallharmonie und Badezuberrustikalität, die einen feudalen Speisesaal und ein winzig plüschiges Schlafzimmer umschließt. Der Weg wäre also geebnet für eine weitere Text- und Materialvöllerei. Schon geht der doppelte Titelheld mit Puderperücke und Spiegelbrille in Position. Glaube, Liebe, Tod – Rock me Don Juan!

          Aber alles bleibt überraschend aufgeräumt. Sogar die beiden Live-Kameras fügen sich mit ihren Bildern nahtlos in das abendfüllende Gemälde. Und Castorf malt und malt. Aber er übermalt nicht. Teilt und schichtet Don Juans Texte um auf zwei Schauspieler, Aurel Manthei und Franz Pätzold, der eine abgeklärter, gesetzter, der zweite flinker, frecher. Aber diese Schizophrenie birgt nur den interaktiven Reiz, den Narzissmus als Männerfreundschaft abzubilden, keine Komplexität für den hauptsächlich arrogant gelangweilten Titelhelden. „So was ist Literatur!“, stellt der einfältige Bauernjunge Pierrot konsterniert und fasziniert fest, nachdem Batailles Pornographie mit ihm durchgegangen ist. Aber es ist nicht Marcel Heuperman, der damit seine Rolle sprengt, sondern Castorf selbst, der damit seine Regiearbeit kommentiert. Alles ergänzt sich brav und übersichtlich. Aber es provoziert nicht. Es scheint, als hätten Castorf, Denić und Braga Peretzki ihre Volksbühne zum Recycling in die Hosentasche gestopft – und zitierten sich nun aus dem Gedächtnis selbst. Volksbühne to go.

          Allein auf weiter Bühne

          Ein Leichtes, bei solch einem Macho-Stoff an die jüngst wieder angeheizte Diskussion um Castorfs Frauenbild anzuknüpfen. Allein: Der Regisseur will gar nicht. Bibiana Beglau und Nora Buzalka erfüllen das weibliche Personal Molières und Puschkins vor allen Dingen mit Stolz: die erste mit einer schweren Tiefe, die zweite mit unbekümmerter Finesse. Einmal lässt Castorf Beglaus Dona Elvira, verführt und betrogen, sogar opernhaft allein auf weiter Bühne – ein muskulöser Monolog wie eine Arie, und keine Spur vom doppelten Don.

          Der ist ziegenbockgleich von einem unstillbaren Hunger besessen und über weite Teile des Abends nicht nur ziellos, sondern auch körperlich nackt bis auf die Schnallenschuhe und Nylonstrümpfe. Ganz kurz ist diese Nacktheit Provokation. Danach lässt Castorf „Des Kaisers neue Kleider“ für Erwachsene spielen – wer Männlichkeit und Status derart vorführt, wem jede Dringlichkeit jenseits der sexuellen Lust abhandengekommen ist, der steht vor dem Problem, dass er ohne die Weiblichkeit als Antagonistin nichts ist. Geradezu kitschig stellt der Regisseur denn auch die Liebe an den Schluss, nicht den Kapitalismus.

          Unverhofft, untypisch, möglicherweise gar unbeabsichtigt besonders ist dem Abend der Schleier einer feinen Melancholie im Dämmerlicht, der sich mit dem Trockennebel auf die Gemüter legt. Vor allem aber auch das Fest, welches das Münchner Castorf-Ensemble mit lustvollem Einsatz dem Theatralen und seiner Sprache schenkt. Geradezu euphorisch war der Premierenjubel: ein Applaus wie eine Adoptionsurkunde für den theaterlosen Wanderregisseur und sein Stück Kulturkult. Aber (so) ein Castorf macht noch keine Volksbühne. Allenfalls eine für die Hosentasche.

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