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Molières 400. Geburtstag : Welche Rolle bekäme wohl Olaf Scholz?

Dämonischer Geist: Porträtzeichnung des französischen Komödiendichters Molière von Ewa Klos aus dem Jahr 1959 Bild: Bridgeman

Der Bürger und der „Menschenfeind“: Zum 400. Geburtstag von Molière, Frankreichs größtem Komödiendichter, der den Ärzten ebenso wenig traute wie den eingebildeten Kranken.

          4 Min.

          Wen würde er spielen? Wenn es nicht nur eine Parlamentspoetin, sondern auch ein Parlamentstheater gäbe – in welchem Molière-Stück würde Olaf Scholz auftreten? Im „Menschenfeind“? Eher nicht. Obwohl er oft so leise spricht, als würde er dem guten Willen der ihn umgebenden Gesellschaft misstrauen, kann man ihn sich als Alceste nicht vorstellen. Ein „verliebter Melancholiker“ ist unser neuer Bundeskanzler nicht. Und sicher auch kein „Don Juan“. Obwohl die Rolle von Sganarelle, dem treuen Kammerdiener in diesem Stück, und insbesondere dessen Klage „Mein Lohn, mein Lohn“ dem ehemaligen Finanzminister gut zu Gesicht stünden. Aber er ist ja jetzt nicht mehr nur für den Haushalt, sondern für die gesamten Geschicke des Landes zuständig und kann also keinen Kammerdiener spielen.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Und auch keinen „Geizigen“, für den die Dinge – unabhängig von ihrem Mittler Geld – all ihren Wert verloren haben. Obgleich es bei „Wirecard“ natürlich genau darum ging: die Hortung von Kapital, das dem öffentlichen Geldmarkt entzogen wurde. Tartuffe? Der fanatische Frömmler? Molières vielleicht dämonischste Figur, die durch ihre einschüchternde Ausstrahlung eine ganze Familie in den Ruin treibt und durch eine atemraubende Geschicklichkeit immer wieder neue Wege findet, um ihrer Überführung als Betrüger zu entgehen. Aber einem, der bei seiner Vereidigung nicht einmal so tat, als würde er auf Gottes Hilfe angewiesen sein, traut man eine solch scheingeistliche Joker-Figur einfach nicht zu.

          Faustdick hinter den Ohren

          Dem Idealbild des „honnête homme“ wiederum, der in nahezu allen vierunddreißig Theaterstücken des französischen Dramatikers und Theater-Entrepreneurs auftritt, entspricht Olaf Scholz auch nicht. Dafür schaut er zu oft verschmitzt, so, als müsste er mühsam ein Schmunzeln über die Gutgläubigkeit seiner Zuhörer unterdrücken. Dass der neue Bundeskanzler einer ist, der es faustdick hinter den Ohren hat, hört man ja nicht nur aus Hamburg. Am ehesten kann man sich Olaf Scholz in der Rolle eines der vielen Ärzte vorstellen, die bei Molière vorkommen. Vier seiner Stücke tragen die Mediziner schon im Titel, eines seiner bekanntesten überhaupt – „Der eingebildete Kranke“ – handelt von ihrer scheinheiligen Wirkungsweise. Ja, als Halbgott in Weiß würde Olaf Scholz im Parlamentstheater wahrscheinlich am meisten Beifall finden. Einer, der mit ruhiger Stimme diagnostiziert, dessen Behandlung man vertraut, der aber auch so von seinen Fähigkeiten überzeugt ist, dass er jede Rückfrage seines Patienten als Misstrauensantrag wertet. Als ein solcher tritt Monsieur Purgon gegenüber dem eingebildeten Kranken Argan auf. Schnell versteht er, dass sein Patient, statt geheilt zu werden, eher im eigenen Leiden bestätigt werden will, und verschreibt ihm viele wirkungslose Medikamente. Ohne das als Metapher auf ein sozialdemokratisches Wohlfahrtsstaatsdenken lesen zu wollen, passt doch der Gestus der keineswegs bösartigen, sondern einfach nur anpassungsfähigen Autorität ziemlich gut zum Scholz’schen Auftreten.

          Ich nehme sie nicht und werde gesund

          Im Grunde sind alle Ärzte, die bei Molière vorkommen, Galionsfiguren einer verunsicherten Gesellschaft, die sich in Medizingläubigkeit flüchtet. Heute, im Angesicht der Pandemie und der grassierenden Impfskepsis, liegt damit durchaus explosives Material in seinen Stücken verborgen. Wenn – etwa in „Die Liebe als Arzt“ oder auch „Don Juan“ – medizinische Experten vorgeführt werden, entsprach das der Skepsis des Autors gegenüber der Medizin seiner Zeit. Schon der von Molière bewunderte Montaigne verwies auf die Heilkräfte der Natur und versuchte, seine Nierensteine abseits der konventionellen Behandlungsmethoden in Heilbädern zu kurieren. Seinen eigenen Leibarzt wählte Molière mit Bedacht aus. Auf die Frage des Königs, wie der ihn denn behandele, soll der gefeierte Dramatiker geantwortet haben: „Majestät, wir plaudern zusammen, er verschreibt mir Arzneien, ich nehme sie nicht ein und werde gesund.“ Ähnliche Sätze liest man heute in den Foren der Impfgegner.

          PHILIPPE CAUBERE als Molière im Ariane Mnochkine Film
          PHILIPPE CAUBERE als Molière im Ariane Mnochkine Film : Bild: action press

          Die Behandlung des (liebes-)kranken Menschen ist eines der wiederkehrenden Motive im Werk von Molière, der wie als trotzige Pointe im Februar 1673 wenige Stunden nach der Uraufführung des von ihm dargestellten „Eingebildeten Kranken“ starb. Heute und morgen aber erinnern wir uns an den vierhundertsten Geburts- beziehungsweise Tauftag von Jean-Baptiste Poquelin, der aus einer angesehenen Tapeziererfamilie stammte, von Jesuiten erzogen und in Orléans zum Juristen promoviert wurde und erst 1644 den Künstlernamen Molière annahm. Zusammen mit Freunden gründete und leitete er verschiedene Schauspieltruppen, zog dreizehn Jahre lang durch die Provinz, heiratete mehrmals (bösartigen Gerüchten zufolge dabei einmal auch die eigene Tochter), trat am Hof des Königs auf, verursachte Skandale, wurde Opfer der kirchlichen Zensur und avancierte trotzdem (oder deswegen) zum erfolgreichsten Komödienautor aller Zeiten.

          Geheime Faustformel

          Er lebte und schrieb in einer Epoche relativer politischer Stabilität und wirtschaftlichen Aufschwungs, in der das bürgerliche Theaterpublikum an Bedeutung gewann. Daher erzählen seine Stücke nicht nur Vorgeschichten des modernen Kapitalismus, sondern auch vom Aufstieg geltungsbewusster Kleinbürger zu protzenden Lebemännern und „lächerlichen Preziösen“. Molières Stücke – gerade ist beim Hörverlag eine Auswahl von Hörspielbearbeitungen unter anderem mit Will Quadflieg und Bernhard Minetti erschienen – kennen keine thesenhafte Didaktik, aber wenn es so etwas wie eine Programmatik gibt, dann kommt sie von den Moralisten des siebzehnten Jahrhunderts, die den Wert des mittleren Maßes und der menschlichen Vernunft hervorhoben. Immer dort, wo die Grenzen der raison exzentrisch überschritten werden – so lautet Molières geheime Faustformel –, beginnt es, lachhaft zu werden. Molières Menschenbild lässt sich nicht philosophisch abstützen, so der Romanist Jürgen Ritte, es bleibt im Rahmen der Familie, die als Keimzelle der Gesellschaft gleichzeitig immer auch das Vorzimmer ihres Verfalls ist.

          Statue von Molière in der Academie Francaise
          Statue von Molière in der Academie Francaise : Bild: Polaris/laif

          Ihm sei es darum gegangen, „die Laster seines Jahrhunderts durch lächerliche Bilder anzugreifen“, lautet Molières berühmte Poetik. Dafür führte er die possenhafte Tradition der Commedia dell’Arte mit bissiger Gesellschaftskritik zusammen. Das größte Problem für die heutigen Ohren ist der Sprachstil, der immer leicht possierlich wirkende Klang der Alexandriner. Allerdings darf man nicht vergessen, dass durch das persiflierte Kauderwelsch auch gezeigt werden sollte, wie gefangen die Figuren in ihrer Sprache sind. Und doch verlängert fast jeder neue Versuch, Molière in freie Prosa zu übertragen, seine Haltbarkeit. Bekräftigt wird die auch durch die Ambivalenz seiner Wertvorstellungen. Es gibt keine Agitation bei Molière: man kann ihn als progressiven Autor lesen, der sich gegen die geschlechtliche Hierarchisierung von Liebesbeziehungen stellt, man kann ihn aber genauso gut auch als „proaristokratisch“ gesinnten Dichter interpretieren, der vor einer Auflösung bestehender Strukturen warnt.

          Diese Widersprüchlichkeit ist es, die Molière auch heute noch aufregend macht. Auf deutschen Bühnen ist er schon lange ein Klassiker, was ihm die zweifelhafte Ehre der zeitgeistigen Bearbeitung einbringt (hervorgetan hat sich damit zuletzt der Pop-Allrounder Peter Licht). In Frankreich wird ihm zu Ehren morgen in der Comédie-Française erstmals die dreiaktige „Zensurfassung“ des „Tartuffe“ zu sehen sein, inszeniert von Ivo van Hove und übertragen in zweihundert Kinosäle. Die Zeiten, in denen ein Stendhal sich abfällig über den Altvorderen äußerte, sind vorbei. Auch Michel Houellebecq hat viel von Molière gelernt. Und unser Bundeskanzler? Zu ihm passt nicht zuletzt ein geflügeltes Wort aus dem „Bürger als Edelmann“: „Faire de la prose sans le savoir.“ Frei übertragen: „Bundeskanzler sein, ohne zu wissen, dass man einer ist.“

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