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Modetheater in Paris : Anprobe mit Schwindelgefühlen

  • -Aktualisiert am

Tilda Swinton im scharlachroten Seiden-Outfit von Laura Betti in „I racconti di Canterbury“, hinter ihr Olivier Saillard Bild: Glatz

Aus Seidenpapier gewickelte Holzgebilde: Tilda Swinton und Olivier Saillard zeigen ihr extravagantes Modetheaterstück „Embodying Pasolini“ in Paris und machen damit Furore.

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          Im Jahr 2012 erfanden Olivier Saillard und Tilda Swinton – in Paris, wo sonst? – ein kurioses Genre. Die „Modeperformance“ ist eine Bühnenkunst – „Bühne“ hier in dem Sinn, dass es eine abgegrenzte Spielfläche gibt, zu der hin sitzende Zuschauer blicken –, die Anleihen bei Tanz und Theater macht, ja sogar bei Film, Fotografie und Modedefilee. Ihr Erkennungs-, besser: ihr Markenzeichen ist, dass sie Kleider in den Mittelpunkt stellt: ihre pure Materialität, ihren Entstehungsprozess, ihre individuelle Geschichte, die Ge- und Verbote des Modebetriebs.

          Die jüngste Performance von Saillard & Swinton, „Embodying Pasolini“, wurde nun im Pariser Ableger der Mailänder Fondazione Sozzani aus der Taufe gehoben. Eine alte Industriehalle im düstersten Teil der Lichterstadt, nördlich von La Chapelle: Das Weiß der Wände potenziert die Weite des Riesenraums unter dem verglasten Satteldach, schwarz gestrichene Eiffel-Trägerstrukturen treten grafisch hervor. In der Mitte des lang gezogenen Saals ist der Boden mit Packpapier tapeziert; diesen ebenerdigen „Laufsteg“ umgrenzen auf drei Seiten je zwei Reihen Klappstühle.

          Swinton tritt auf. Sie trägt eine Mischung aus Laborkittel und Nesselmodell: halb minimalistisch-steril, halb unfertig-irreal. Aus Seidenpapier packt sie vage kopfförmige Holzgebilde des römischen Laboratorio Pieroni aus, des führenden Herstellers von Hüten für die Filmindustrie. Diese primitiv skulpturalen Objekte ordnet sie auf zwei Tischen im Hintergrund an. Das kontinuierliche Gebläse der Belüftungsanlage erzeugt einen leichten Schwindel, der die Fremdheit des Geschehens verstärkt. Dann trägt Saillard, ebenfalls mit hellem Laborkittel über der blauen Arbeitshose, ein erstes Kleidungsstück herein.

          Olivier Saillard und Tilda Swinton in „Embodying Pasolini“
          Olivier Saillard und Tilda Swinton in „Embodying Pasolini“ : Bild: Glatz

          Wie alle knapp dreißig Kreationen, die im Lauf des Abends zu sehen sein werden, wurde es durch Danilo Donati für einen Spielfilm von Pier Paolo Pasolini entworfen. Der 2001 verstorbene Kostümbildner hatte seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts mit italienischen Regisseuren wie Rossellini, Bolognini und Benigni zusammengearbeitet, vor allem jedoch mit Fellini und Pasolini, für die er sechs beziehungsweise neun Filme „einkleidete“ (darunter so unvergessliche Augensymphonien wie Fellinis „Satyricon“ und „Roma“). Alle in „Embodying Pasolini“ gezeigten Sammlungsstücke sind Leihgaben der römischen Sartoria Farani, deren Gründer, Piero Farani, Donatis Entwürfe verwirklicht hatte.

          „The Gospel According to St. Mat­thew“, verkündet Swinton feierlich. Die Spielregel ist einfach: Saillard und zwei Helfer tragen Roben, Mäntel und Hüte herbei, Swinton, die Schauspielerin, führt diese vor. Manche hält sie einfach an die Brust, in andere schlüpft sie hinein, direkten Hautkontakt meidend. Einige Kleidungsstücke sind Ikonen: Silvana Manganos perlenfarbenes Wollkostüm als Giocaste in „Edipo Re“ und zwei ihrer Madonnengewänder in „Il Decameron“, das scharlachrote Seidenoutfit von Laura Betti als Donna di Bath in „I racconti di Canterbury“. Andere besitzen einen sozusagen sentimentalen Wert, namentlich allen voran Pasolinis grüne Kutte als Chaucer im letztgenannten Werk und Totòs schwarzer Strohhut als mit einem sprechenden Raben konversierender Spießbürger in „Uccellacci e uccellini“. Daneben finden sich auch viele Figurantenkostüme, namentlich aus dem orientalisch schillernden Märchenstreifen „Il fiore delle mille e una notte“.

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