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Wayne Shorters „Emanon“ : Abhauen vor den Geigen

Seit Jahrzehnten gibt es bei seinen Tauchgängen Unbekanntes zu entdecken: Wayne Shorter im April 2016 in Brünn Bild: Picture-Alliance

Ein Dreifachalbum, ein Orchesterwerk, ein Comic: Wenn die Saxophon-Legende Wayne Shorter einen Tauchgang ins Unbekannte ankündigt, ist mit Überraschungen zu rechnen.

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          Wayne Shorter solle nicht vergessen, ihm eine Hintertür einzubauen, hatte Miles Davis gesagt, als er sich von seinem langjährigen Weggefährten eine Komposition für Jazz-Trompete mit Streichern wünschte: eine Hintertür, „so dass ich jederzeit abhauen kann“.

          Das war ein Jahr, bevor Miles Davis 1991 starb. Fast dreißig Jahre später hat sich der große Jazz-Saxophonist und Komponist Shorter selbst ins Kraftzentrum einiger sinfonischer Arrangements gestellt – in einem Werk, in dem es von Hintertüren nur so wimmelt. „Emanon“ ist ein Triple-Album, vereint Orchesterarrangements und Quartettaufnahmen, leiht sich den Titel und die Idee, das englische „No Name“ einfach umzudrehen, von einem alten Dizzy-Gillespie-Stück und hat anstelle eines Booklets einen fast achtzigseitigen Comic, in dem ein Science-Fiction-Held gleichen Namens in ein paar Paralleluniversen für das Gute, Wahre und Schöne kämpft.

          So kraftvoll die Aufnahmen sind, so stämmig Shorters volles Tenor- und so schillernd das fluide Sopransaxophon: Als „Emanon“ Anfang Februar mit dem Grammy als bestes Jazz-Album ausgezeichnet wurde, mussten Danilo Perez, John Patitucci und Brian Blade, seine Quartett-Kollegen, den 86 Jahre alten Shorter im Rollstuhl auf die Bühne schieben. Er wirkte zart und zerbrechlich. Wayne Shorter ist ein Saxophonist, der aus der Freiheit kommt, jeden einzelnen Ton gelten lässt und die Pause noch dazu, der aus dem Moment spielt, statt doch dann und wann bei Patterns zu landen. In Improvisationen wie beim Umgang mit Kompositionen. Dass auch eine zweite Fassung desselben Stücks seine Hörer ins Unbekannte eintauchen lässt, belegt „Emanon“ eindrucksvoll. Der Comic indes bleibt an der Oberfläche.

          Im Februar in Los Angeles: Wayne Shorter freut sich mit seinen Quartett-Kollegen über den Grammy für „Emanon“.

          Dabei kam die Idee dazu, wie der bekennende Science-Fiction-Fan in einem Interview erzählte, nicht etwa von ihm selbst, sondern von Don Was, seit 2011 kreativer Kopf des legendären Jazz-Labels Blue Note Records. Ausdrucksstark und farbenfroh sind die Zeichnungen Randy DuBurkes zum Text von Monica Sly und Wayne Shorter selbst, der Musik darin in nichts nachstehend. Die Schlichtheit der Geschichte indes steht in krassem Gegensatz zur musikalischen Finesse, mit der Wayne Shorter groß geworden ist: von 1959 an mit Art Blakey’s Jazz Messengers, nach 1964 im Quintett von Miles Davis. Auf „In a Silent Way“ und „Bitches Brew“, den beiden zukunftsweisenden Alben des Trompeters von 1969, ist Shorters Sopran zu hören. 1971 gründete er mit Joe Zawinul eine eigene Super-Group des Jazz-Rock, Weather Report. Sein aktuelles Quartett mit Danilo Perez am Klavier, dem Bassisten John Patitucci und dem Schlagzeuger Brian Blade besteht seit 2000.

          Wayne Shorter: „Emanon“. Blue Note (Universal).
Standard Edition 3 CDs, graphic novel.
Deluxe Edition 3 × 180-g-Vinyl-LPs, 3 CDs, graphic novel.

          Den ersten Teil von „Emanon“ haben die vier zusammen mit dem Orpheus Chamber Orchestra eingespielt, die beiden folgenden Teile bestehen aus Live-Aufnahmen des Quartetts. Drei der vier mit dem Orchester eingespielten Kompositionen finden sich auch in Quartett-Versionen wieder, und es ist ein Vergnügen, die Anspielungen und Auslassungen direkt miteinander zu vergleichen. Die prägnante Melodie von „The Three Marias“ mit ihren Tondoppelungen etwa, in der Orchesterfassung symphonisch durchgespielt, wird in der Quartettfassung anfangs gerade einmal gepfiffen. Dafür befassen sich die vier Musiker anschließend fast eine halbe Stunde mit dem Material: mehr als doppelt so lang wie die Orchesteraufnahme. In seiner Leichtigkeit und Beweglichkeit stellt das Quartett die oft eher schwerfälligen Arrangements des Orchesters in den Schatten.

          Wer sich für die sinfonischen Grenzgänge des Third Stream begeistert oder einfach für die Farben, die Streicher- und klassische Bläsersätze im Jazz ergeben, wird seine Freude haben am ersten, eigenwilligsten der drei Alben. Doch es sind die Hintertüren zu den Quartett-Varianten der Kompositionen auf den beiden anderen, die Shorters Kunst in ihrer besonderen Balance aus Komplexität und Klarheit zeigen. Eine Playlist auf Spotify gibt weitere Hintertüren frei – zu älteren Einspielungen der Stücke, „Orbits“ vom Davis-Album „Miles Smiles“ (1967) etwa, das sich auf „Alegria“ aus dem Jahr 2003 mit fast schon sinfonischem Bläsersatz wiederfindet und jetzt zusammen mit „Lost“ (1965) zu einem Medley des Quartetts verschmolzen wurde, oder zu einer Fassung von „The Three Marias“, die den beiden „Emanon“- Versionen eine dritte mit Jazz-Rock-Akzent und Querflöte hinzufügt. Letztlich ist es die Kenntnis der Geschichte, die Wayne Shorters Tauchgang ins Unbekannte zum Erlebnis macht.

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