https://www.faz.net/-gqz-9zndc

Mit Abstand im Theater : „Sie können die Maske jetzt abnehmen“

  • -Aktualisiert am

So löst man das Maskenproblem auch...Probensituation am Staatstheater Darmstadt. Bild: Norbert Goldhammer

In Wiesbaden wollten 30 Zuschauer nach dem monatelangen Lockdown wieder Theater sehen: Wie die Bühnen unter Coronabedingungen wieder öffnen und welche Fragen sich jetzt stellen.

          3 Min.

          Eigentlich ging es an diesem Theaterabend in Wiesbaden nicht um das „wie“, sondern um das „überhaupt“. Christian Klischat erzählte in einem eineinhalbstündigen Theatersolo die Geschichte des Hunsrück-Räubers Johannes Bückler alias Schinderhannes, einer der bekanntesten Räuber der deutschen Geschichte. Ein Tisch, ein Stuhl, die Bühne durch den eisernen Vorhang verkleinert. Etwa 30 Zuschauer waren gekommen, um nach dem monatelangen Lockdown wieder einmal etwas Theater zu sehen, 270 Plätze zählt das kleine Haus, 60 Personen dürfen im Moment herein. Jede zweite Reihe muss unbesetzt bleiben, zwischen den Zuschauern sind jeweils drei Plätze frei zu lassen. „Es ist wie im Restaurant“, flüsterte eine Frau einem hereinkommenden Paar zu, „wenn Sie Ihren Platz eingenommen haben, können Sie die Maske abnehmen.“

          Nachdem die Kulturinstitutionen ihre Türen wegen der Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zwei Monate lang schließen mussten, hat das Staatstheater Wiesbaden als eines der ersten in Europa wieder geöffnet. Die Wiederaufnahme der „Schinderhannes“-Produktion stand ganz im Zeichen der Entbehrungen der vergangenen Monate. „Vielen Dank, dass Sie sich hier her getraut haben und dass ich heute Ihr Testballon sein durfte,“ sprach am Ende ein sichtlich bewegter Schauspieler sein Publikum direkt an. Die Inszenierung gehorcht dem Eckpunkteplan der Kultusminister von Bund und Ländern für eine Öffnung kultureller Einrichtungen: Künstlerische Programme müssten den neuen Bedingungen angepasst werden, steht darin, denkbar seien zum Beispiel kleinformatige Darbietungen in geschlossenen Räumlichkeiten oder im Freien, Formate in kleinerer Besetzung und Mehrfachaufführungen kürzerer Programme.

          Mehr Abstand, bitte!

          Auch das Staatstheater Darmstadt hat sich ein eigenes Konzept für den Spielbetrieb ab Ende des Monats ausgedacht. Pausen werden gestrichen, Inszenierungen auf 90 Minuten gekürzt, der Spielplan ist eine Mischung aus realen Theateraufführungen und filmischen Angeboten. Aus dem Theaterstück „Ich schaue Dich an“ von Alexandra Badea wird jetzt zunächst ein Film, den sich die Zuschauer Ende Juni dann im Theater ansehen können. Regisseur Barish Karademir probt seit zwei Wochen wieder auf der Bühne. Ihm fehle der körperliche Kontakt zu den Kollegen, gibt er beim Gesprȁch auf der Empore unumwunden zu. Den nötigen Abstand zu halten, ist bei dieser Produktion mit vier Schauspielern und drei Tänzern nicht einfach. Das Stück handelt von Figuren, die nur noch durch ID-Nummern identifizierbar sind und in einem Cyberspace miteinander kommunizieren. Die einzige tatsächliche physische Begegnung endet in der Katastrophe.

          Mit deutlich spürbarer Sehnsucht nach Körperlichkeit, spielen die Akteure nebeneinander, auf Treppen verteilt, im Bühnenboden tanzend, immer mit dem gebotenen Abstand zueinander. „Häufig, wenn wir gerade im Flow waren, haben die Inspizientin oder der Regieassistent herein gerufen: Abstand halten!“ erzählt Karademir. Als Zuschauer bemerkt man die Ausnahmesituation nicht sofort, die Probe wirkt wie eine gewöhnliche, lediglich die Schutzmasken des Videokünstlers und des Regieassistenten verweisen auf die besondere Situation. Und, dass nach jeder Szene gelüftet wird. Bis sich alle Beteiligten mit der Probensituation wohlfühlten, hat es ein wenig gedauert: „Es sind nicht gleich alle hergekommen und haben gesagt: let’s rock it, es waren schon Bedenken da,“ erzählt Schauspieler Robert Lang-Vogel.

          In jedem Fall rechtlich beraten lassen

          Kein Wunder, dass sich inzwischen auch vermehrt Mitglieder, die ein Unwohlsein bei den neuen Probenbedingungen empfinden, an die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger wenden. Christine Stein, Leiterin der Rechtsabteilung, gibt aber zu bedenken, dass ein mulmiges Bauchgefühl als Grund nicht ausreiche, um der Arbeit fern zu bleiben. Wenn Arbeitsschutzregelungen nicht eingehalten würden, solle man zunächst den Arbeitgeber darauf ansprechen. Erst wenn der nicht darauf eingehe, könne das Leistungsverweigerungsrecht greifen. In jedem Fall solle man sich rechtlich beraten lassen. Laura Kiehne vom „ensemble-netzwerk“, das sich für die Interessen von Theaterschaffenden an den öffentlich geförderten Theatern einsetzt, befürchtet, dass es in der kommenden Spielzeit weniger Neuproduktionen geben wird und mehr Besetzungen durch das Ensemble selbst erfolgen, sodass Gastschauspieler auf der Strecke bleiben könnten. „Die Krise war hart. Was jetzt noch auf uns zukommt, bedroht unsere Existenz.“ Eine Umfrage des Vereins über die Zahlungsmoral der Theater in den vergangenen Monaten hat allerdings ergeben, dass sich die Häuser insgesamt solidarisch verhalten und Wege gefunden hätten, ihre Beschäftigten zu bezahlen. In einer Spendenaktion des Vereins sind trotzdem mittlerweile 75.000 Euro zusammengekommen, Künstler können nach einer Bedürftigkeitsprüfung jeweils 500 Euro erhalten.

          In der kommenden Saison werden auf den Spielplänen wohl jedenfalls die Stiefkinder-Formate dominieren: Soli, Monolog-Projekte von Schauspielern, Freilichttheater. Gerade verzeiht man Aufführungen noch, wenn sie ein wenig improvisiert wirken. Aber die Häuser sollten ihr Publikum nicht mit unausgereiften Experimenten überschütten, nur um überhaupt etwas zu zeigen. Das „wie“ wird schon bald wieder wichtiger werden.

           

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.