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Missbrauchsdebatte : Im Gesang der Engel lauert die Versuchung

  • -Aktualisiert am

Auch unter ihnen gab es Prügelknaben: Die Wiener Sängerknaben Bild: AP

Jüngst bat der Papst-Bruder und langjährige Chorleiter Georg Ratzinger die Missbrauchsopfer unter den Regensburger Domspatzen um Verzeihung. Auch ein Blick in die Geschichte des Knabengesangs lehrt, dass Musik keine gewaltfreie Zone ist.

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          An dem Tag, als Georg Ratzinger, dreißig Jahre lang Chorleiter der Regensburger Domspatzen, sich unter dem Druck der Öffentlichkeit dazu entschloss, einzuräumen, er habe doch etwas von den Misshandlungen seiner Schutzbefohlenen gewusst, „sehr heftige Ohrfeigen, . . . oft aus nichtigen Anlässen“; mehr noch, er selbst habe, was damals selbstverständlich gewesen sei, zu Beginn seiner Domkapellmeisterzeit Ohrfeigen ausgeteilt, „mit schlechtem Gewissen“, und sei „innerlich erleichtert“ gewesen, als er nicht mehr habe Ohrfeigen austeilen dürfen, weil „der Gesetzgeber“ so etwas im Freistaat Bayern 1980 verboten habe; an jenem Tag waren die Zeitungen voll davon, und es gab verständnisvolle Kommentare. Auch nur ein Mensch. Sympathisch, diese vorbildliche Offenheit. Oder: Woher soll Ratzinger damals schon eine moderne, prügelstrafenfreie Pädagogik gekannt haben?

          An diesem Tag wurde aber auch zufällig auf einer der letzten Seiten, im Vermischten, etwas über die Folgen von Ohrfeigen gesagt und darüber, was das im Einzelfall heutzutage aus gesetzgeberischer Sicht kosten kann: Nicht den Kopf, nicht das Leben, schon gar nicht gegebenenfalls den Sessel eines päpstlichen Bruders. Doch immerhin 100.000 Euro pro Schlag. Prinz Ernst August von Hannover war, so die Meldung, für zwei Ohrfeigen, die er einem Diskothekenbesitzer wegen zu lauter Musik verpasst hatte, zu einer Geldstrafe von zweihunderttausend Euro verurteilt worden. Ganz schön teuer. Und wer kennt das etwa nicht, Musik, die einem den Verstand rauben kann?

          Die alte Frage: Musik und Gewalt

          Es ist klar, dass sich in allen Kriminalfällen das öffentliche Interesse immer zuerst an die Täter heftet. Täter bieten die größere Identifikationsfläche. Was ein Lustmörder oder Kinderschänder getan hat, ist abscheulich, kriminell, unvorstellbar, aber es ist eben auch rätselhaft und aufregend. Opfer dagegen haben nichts Rätselhaftes. Sie leiden, und das Leiden ist immergleich und fad, wie seit jeher die Unschuldigen und die Guten im Theater, in der Oper und im Film fade und uninteressant waren. Die dankbarste Rolle spielen hier wie überall die bad boys.

          Im Fall der Regensburger Domspatzen war von Anfang an ein gesteigertes Interesse auch am Leid der unschuldigen Sängerknaben mit im Spiel. Seit auch beim Mainzer Domchor und bei den Limburger Domsingknaben Fälle von sexuellem Missbrauch in den sechziger und siebziger Jahren bekanntwurden; seit jetzt sogar die jüngste Vergangenheit betroffen ist und neue Fälle in Regensburg aus den Neunzigern hinzukommen, liegt die alte Frage wieder auf dem Tisch nach dem Zusammenhang von Musik und Gewalt.

          Musik macht Menschen klüger, aber nicht besser, so viel ist klar. Und dass es neben den Sport- und Religionslehrern gerade die Musiklehrer sind, in deren Reihen überdurchschnittlich oft pädophile Übergriffigkeiten vorkommen, ist ebenfalls nicht neu. Aber singen gedemütigte, missbrauchte, von Schuldkomplexen zerstörte Kinder anders das „Halleluja“ als diejenigen, die zufällig davongekommen sind? Birgt die schon sprichwörtliche Unschuld von Kindersopranen, ihre asexuelle Reinheit und der leicht körnige, leicht unsaubere, androgyn-engelhafte Klang dieser Stimmen nur eine teuer erkaufte Illusion? Ist die Rührung, die uns pünktlich erfasst, wenn wir beispielsweise den Chor der „Seligen Knaben“ aus dem zweiten Teil der Faustszenen jubilieren hören, etwas Falsches, bereits Gefährdetes und Gefährdendes: eine komplexe Form von irregeleiteter Heuchelei? Kurz: Sollten wir die Regensburger Domspatzen künftig anders hören? Haben wir sie bislang falsch gehört?

          Herrliches Aufblühen im Schoß der Kirche

          Es gibt darauf eine einfache, aber unbequeme Antwort, sie lautet: Knabenstimmen wurden nie anders gehört. Heuchelei war seit jeher mit dabei, der spezifische Reiz, den die Unschuld ausübt, zu keiner Zeit etwas Neutrales, Asexuelles. Gerade die Süße, der androgyne Schmelz von Knabenstimmen hat immer auch eine sexuelle Komponente gehabt, und die Dichter wie die Komponisten, von Bach bis Goethe, von Benjamin Britten bis zu Thomas Mann, wussten genau um diese Wirkung, wenn sie von Knaben schrieben und Knabenstimmen einsetzten: Im Gesang der Engel lauert die Versuchung.

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