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Zum Achtzigsten von Milva : Brecht-Diseuse und Diva Maxima

„La Rossa“, geliebt in Deutschland wie in ihrer Heimat Italien: Milva bei einem Auftritt in den siebziger Jahren Bild: Picture-Alliance

Für ihre deutschen Zuhörer verkörpert Milva bis heute das Ideal von Temperament und Sinnlichkeit, aber auch eine Italiensehnsucht. An diesem Mittwoch feiert die Diva ihren achtzigsten Geburtstag.

          Ihre Attitüde ist unverwechselbar, die Diva ist die Pantherin: „La Pantera di Goro“ nennen sie ihre Landsleute, nach ihrer kleinen Geburtsstadt nahe Ferrara. Die Diva ist auch die Verruchte, gar unterkühlt Vulgäre, sie ist die heroisch Beschädigte – Verkörperung des alten Traums von der fatalen und fragilen Frau. Dass Milva nicht als Männerphantasie verbucht werden kann, sondern bei Frauen genauso viel Sympathie erntet, hat nicht zuletzt mit ihrem frühen Bekenntnis zum Feminismus zu tun. Und „La Rossa“ heißt Milva in Italien nicht nur wegen ihrer tizianroten wallenden Haare, sondern auch wegen ihrer jedenfalls zeitweilig offenen Sympathie für die politische Linke.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Geboren wurde sie am 17.Juli 1939 als Tochter eines Fischhändlers und einer Schneiderin. Sie begann in Nachtclubs, ihre erste Single war 1960 die italienische Version von Edith Piafs „Mylord“. Mit Piaf-Chansons wird sie, in den siebziger Jahren, Frankreich von Paris aus erobern. 1961 kommt Milva auf Platz drei beim Festival von San Remo. Unter der Regie von Giorgio Strehler singt sie bald darauf am Piccolo Teatro in Mailand – und wird zur Brecht-Interpretin par excellence. Die Songs der „Dreigroschenoper“ machen Milva berühmt, die Seeräuber-Jenny wird ihre Paradepartie. Sie importiert Brecht nicht nur nach Italien, auch in Deutschland machte sie die Lieder für viele überhaupt erst populär.

          Unverbrüchlich mit ihrem Namen sind Textzeilen verbunden, Zitate geworden: „Man wird als Frau doch nicht geboren, man wird zur Frau doch erst gemacht“ gehört dazu, das Chanson „Zusammenleben“, die Musik ist von Mikis Theodorakis. „Wie stark ist der Mensch, wie stark?“, fragt sie in „Hurra, wir leben noch“, das Klaus Doldinger für sie komponierte. Sie singt die Coverversion von Udo Lindenbergs Ballade „Ein Kommen und Gehen“. Großartig gibt sie dem „Tango de Astor Piazzolla“ Gestalt.

          In fünf Jahrzehnten auf der Bühne reicht Milvas Repertoire vom Chanson über die Oper bis hin zum Schlager. Dabei ist ihre Stimme absolut unverkennbar, manchmal zart, manchmal aufgerauht, immer voller Strahlkraft, in jeder der Sprachen, in denen sie singt. Ihrem Alt ist bei allem Glamour das Vibrieren der Melancholie beigemischt. Ihre divaeske Aura, ihre Mimik und die geschmeidigen Gesten machen sie zum Vorbild für Travestiekünstler, bis hin zu Conchita Wurst alias Tom Neuwirth beim Eurovision Song Contest 2014.

          Für das deutsche Publikum, vor dem sie, neben dem ihrer Heimat, ihre größten Erfolge gefeiert hat, ist Milva bis heute eine veritable Ikone, sie verkörpert ein Ideal von Temperament und Sinnlichkeit, eingebettet in offenbar unstillbare Italiensehnsucht. Wer sie auf der Bühne gesehen hat, am Gipfel ihrer Karriere, kennt diese einzigartige, sehr verfeinerte physische und stimmliche Präsenz, die sie mit enormer Energie auflädt. Im Herbst 2010 hat sie das Ende ihrer Karriere aus gesundheitlichen Gründen erklärt. Daran hat sie sich weitgehend gehalten. Aber Milva ist noch immer Gegenwart, in der Vielfalt der Aufnahmen, die es von ihr gibt, verankert in einem kollektiven Gedächtnis, das die Deutschen mit den Italienern teilen – eine kleine Unsterblichkeit. Heute kann die „Diva Maxima“ ihren achtzigsten Geburtstag feiern.

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