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Milo Raus „Lam Gods“ in Gent : Schafe zählen im Wimmelbuch

  • -Aktualisiert am

Auf dem Altar der Tagesmoral wird die Totalität der Geschichte geopfert: Szene aus Milo Raus „Lam Gods“. Bild: Michiel Devijver

Sieht so das Theater der Zukunft aus? Milo Rau eröffnet mit „Lam Gods“ seine Intendanz in Gent. Auch wenn man seine Vorstellungen nicht teilt: Die Unbedingtheit des Schweizers ist durchaus mitreißend.

          Milo Rau geht es als neuem Intendanten des Genter Theaters um nichts Geringeres als um eine Verbesserung der Welt mit neuen Mitteln. Der Schweizer ist bekannt für seine provokanten künstlerischen Rekonstruktionen zumeist furchtbarer historischer Ereignisse. Sein Dokumentartheater polarisiert, etwa als er 2016 in „Five easy pieces“ das Leben des belgischen Kindermörders Marc Dutroux von Kindern nacherzählen oder 2012 die Verteidigungsrede des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik von einer deutschtürkischen Schauspielerin vortragen ließ. Seine Inszenierungen versuchen, die Zuschauer aus ihrer Konsumentenrolle herauszuholen und sie durch gezielte Grenzüberschreitungen aufzuschrecken.

          Doch warum hat Rau sich Gent zur neuen Residenz gewählt, wo er doch gute Chancen gehabt hätte, das viel größere Züricher Schauspielhaus zu leiten? Der 41-Jährige weiß, dass er viel Spielraum braucht, um sein groß angekündigtes „Stadttheater der Zukunft“ zu realisieren. Und so hat er es vorgezogen, ohne die Zwänge eines festen Ensemble zu arbeiten, in einer kleinen Stadt mit dreißig Prozent Studentenanteil, einer rot-grünen Regierung und einem eingeschworenen Führungsteam, das ganz hinter Raus schon vorab veröffentlichtem „Genter Manifest“ steht. Jenem Zehn-Punkte-Programm, das unter anderem die wörtliche Adaption von Klassikern auf der Bühne verbietet und vorsieht, Laien wie professionelle Schauspieler gemeinsam in mindestens zwei Sprachen spielen zu lassen.

          Er selbst spreche leider noch kein Flämisch, sagte Rau jetzt bei der Eröffnungsrede. Dafür hat er sich für seine erste Inszenierung, „Lam Gods“, mit der Rekonstruktion des berühmtesten Genter Altars ein Herzstück flämischer Identifikation ausgesucht. Nur wenige hundert Meter entfernt vom Schauspielhaus zieht der Flügelaltar der Brüder Hubert und Jan van Eyck aus dem fünfzehnten Jahrhundert in der St.-Bavo-Kathedrale täglich Tausende Touristen an. In seiner Mitte steht das Lamm Gottes, das Christus symbolisiert, aus ihm fließt das Opferblut in einen Kelch. Aus allen Richtungen pilgern die Menschen zum göttlichen Lamm, auf den zwölf Einzelbildern zu sehen sind etwa Adam und Eva, Kreuzritter, Engel oder Johannes der Täufer. Die mystische Vision der Anbetung des Lammes ist durchglüht von christlichem Glauben, aber markiert zugleich in der Kunstgeschichte einen entscheidenden Schritt in Richtung realistischer Darstellung von Heilsgeschichte.

          Nach der Premiere massiv unter Druck

          Man versteht, warum dieser Altar Milo Rau fasziniert, geht es ihm doch darum, die Darstellung von Wirklichkeit auf dem Theater neu zu behaupten. Rau überträgt die Altar-Figuren in die heutige Zeit und lässt sie von Genter Bürgern lebendig machen: Eva ist eine Mutter, die auf der Bühne erzählt, sie sei in ihrer Jugend zur Muslima konvertiert und schwanger von ihrem Indonesien-Aufenthalt zurückgekommen. Sie und ihr Partner ziehen sich, beobachtet von ihren am Bühnenrand sitzenden Söhnen, nackt aus und liebkosen einander engumschlungen. Das Paar nimmt die auf dem Gemälde vorgegebenen Positionen von Adam und Eva ein, die per Video auf ein leeres Altarbild projiziert werden, das sich nach und nach mit den neuen Abbildern füllt.

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