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Mike Tyson am Broadway : Der Schwergewichtsschwätzer

So geht’s, wenn man einen ehemaligen Boxweltmeister auf die Bühne lässt: Mike Tyson und sein Jugendfreund Spike Lee, der ihm beim Broadway-Debüt zur Seite stand Bild: REUTERS

Monolog eines Boxers: Mike Tyson steigt in den Theaterring und schwitzt sich in der Regie von Spike Lee am Broadway durch sein Leben. Das Publikum ist begeistert, die Kritik eher nicht.

          Mit einem K.o. geht der Abend zu Ende. Im Theater, nicht in der Sportarena. Aber was ist der Unterschied zwischen der Theaterbühne und dem Boxring? Zwischen der Show am Broadway und dem Fight im Madison Square Garden? Hier wie dort geht es ja um eine Schau und ein Spiel - darin wir uns vergessen, um uns zu erfahren. Von Unterhaltungswert und Sensationsmache gar nicht erst reden. Von Sieg und Niederlage, von Hit und Flop auch nicht.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Vom Theater aber schon. Und was für ein Theater gab es nun um Mike Tyson, den Boxer, der sich am Broadway als Darsteller seiner eigenen Person versuchte.

          Eigentlich keine neue Rolle für ihn. Tyson spielt Tyson auf der Suche nach Tyson, seit die Welt ihn als lebensgefährliches Naturereignis mit seltsam verletzlichen Zügen entdeckt hat. Verletzlich zu sein, damit darf ein Boxer sich nicht brüsten. Verletzlich, das ist aber seit je das höchste Lob, das amerikanische Kritiker einem Schauspieler spenden.

          Weiß das Tyson? Verletzlich, so versicherte er jedenfalls im Voraus, wolle er sich auf der Bühne geben. Tyson auf den Spuren eines Brando, eines De Niro, eines Pacino? Klar, dass da der Spott nicht ausbleiben konnte. Dabei hatte Tyson nur vor, sein Leben Revue passieren zu lassen, für jeden hör- und sichtbar auf der Bühne. Sein Leben war und ist schließlich ein einziges Drama.

          Er tänzelt durch den Horror seiner Kindheit und Jugend

          Zwei Stunden verwendet er dazu auf der leer geräumten, nur von ein paar Projektionen aufgehellten Bühne des Longacre Theatre, und weniger dramatisch als tumultös fangen sie an. Bis auf die 48. Straße hinaus wummern die Bässe, die ein DJ zur Einstimmung des vorwiegend männlichen Publikums braucht. Dementsprechend ohrenbetäubend ist das Gejohle, mit dem Mike Tyson begrüßt wird. Er aber senkt den Stimmungspegel. In Denkerpose sitzt er unter einer kargen Hängelampe, eine Schattenfigur, die nur langsam zu erzählen beginnt, von damals, von seiner Mutter, von seiner rauhen Kindheit in Brooklyn, von einem Leben, das früh aus den Fugen geriet.

          Tyson spielt Tyson: Eigentlich keine neue Rolle für den Boxer, den die Welt als lebensgefährliches Naturereignis mit seltsam verletzlichen Zügen kennt

          Tyson ist da einfach wunderbar. Eigentlich erzählt er nicht, er tänzelt durch den Horror seiner Kindheit und Jugend. Seine Lispelstimme, die weltbekanntermaßen nicht zu dem jetzt immer noch stämmigen Körper passen will, ist, elektronisch verstärkt, ein ideales Transportmittel für den Monologschwall, der sich aus dem Saft- und Kraftvokabular des schwarzen Gettos speist. Der andere Trumpf ist seine körperliche Eloquenz. Aber je dunkler sich sein hellrosa Hemd färbt und je öfter er sich mit seinem weißen Taschentuch den Schweiß vom kahlen Schädel abwischen muss, desto peinlicher ufert der Abend aus.

          Am besten ist er, wenn er drauflosschwadroniert

          Tysons Monolog, von dokumentarischen Fotos und Filmclips nur leicht und sparsam akzentuiert, besteht weitgehend aus Anekdoten und zwischendurch aus Passagen, die bekennerhaft aufgebrezelt sind und ihn sofort auch deklamatorisch ins Stolpern bringen.

          Die Reklame für Tysons Show in New York ist verspricht mehr, als das Ereignis dann hergibt

          Am besten ist er, wenn er drauflosschwadroniert und kaspert, das Publikum direkt anspricht und manchmal sogar diesen oder jenen Bekannten von einst herauspickt. Das Theater wird zur Kneipe, in der die Stammgäste von einem alten, lange nicht mehr gesehenen Freund überrascht werden, der sie gleich auf den aktuellen Stand der Dinge bringen muss. Vieles, was sie von ihm hören, ist ihnen zwar geläufig, aber die Details kennen sie noch nicht. Und überrascht werden sie sicher auch von seinem meist selbstironischen Ausdruckstanz.

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