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Migration im Theater : Ein Überfall wie ein Spuk

Multikulti-Illusionen platzen wie Luftballons: „Zwei Welten” in Bad Godesberg Bild: Thilo Beu

Als im August 2007 junge Migranten deutsche Eliteschüler verprügelten, zeigten sich im beschaulichen Bad Godesberg jäh „Zwei Welten“, die nun auch in einem Theaterstück aufeinanderstoßen. Was daraus folgt, ist eine Frage, die das Publikum beantworten muss.

          Die Aufführung in den Bonner Kammerspielen in Bad Godesberg leistet, was sich Theater oft vornimmt und selten einlöst: Der Zuschauer kommt anders heraus, als er hineingegangen ist. Und sei es, dass er nur genauer auf das Umfeld blickt, das hier Thema wird. Gewiss war ihm aufgefallen, dass viele Frauen in Burkas an Sommerabenden über den Theaterplatz in Bad Godesberg flanieren und die Apotheke in der Passage ihre Kunden auch auf Arabisch anspricht. Und wie oft hat er vor dem klassizistischen Rathaus der 1969 nach Bonn eingemeindeten Stadt das Auto abgestellt und den Weg durch den Park zu den Kammerspielen genommen - und spätabends wieder zurück. Hier, im Kurpark, hat sich ereignet, was das Theaterstück „Zwei Welten“ aufgreift.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Im August 2007 treffen sich Schüler eines Gymnasiums auf den Wiesen neben den Tennisplätzen, zu einer Vor-Abitur-Fete, als plötzlich VW-Bullys vorfahren und jugendliche Migranten absetzen, die, bewaffnet mit Messern, Baseballschlägern und Eisenstangen, auf die Gruppe losgehen, sie provozieren, prügeln, ausrauben und schnell wieder verschwinden. Ein Überfall wie ein Spuk. Einer, der mit blauen Flecken davonkommt, ist der Sohn des Bonner Intendanten Klaus Weise, der, bestürzt und ratlos, es genauer wissen will: Was ist los in Bad Godesberg?

          Die Bonner Straße - ein orientalischer Boulevard

          Beschauliche Lage am Rhein, Blick aufs Siebengebirge. Die Söhne des Kaisers, die in Bonn studieren, schätzen es als Ausflugsziel, und der Führer logiert oft im Hotel Dreesen. Der Luftkrieg verschont das Städtchen, die provisorische Hauptstadt macht das Villen- zum Diplomatenviertel. Multikulti de Luxe. Doch mit der Regierung ziehen nicht nur Botschafter und hohe Beamte nach Berlin, sondern auch Fahrer, Köche, Handwerker, Gärtner. Wohnungen werden frei und oft von Zuwanderern übernommen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Stadt gewandelt: Aus der Bonner Straße ist ein orientalischer Boulevard mit Gemüseläden, Dönerbuden, Kulturvereinen und Internetcafés geworden. Zwei Welten. Die Alteingesessenen haben mit den neuen Nachbarn so wenig zu tun wie zuvor mit den Diplomaten. Die Jungen geraten aneinander: Eliteschüler gegen Jugendbanden, künftige „Event-Manager“ gegen Sozialhilfeempfänger, „deutsche Pisser“ gegen „Scheiß-Kanaken“.

          Was ist los in Bad Godesberg?

          Das Theater Bonn hat die Kölner Journalistin Ingrid Müller-Münch beauftragt, in Bad Godesberg zu recherchieren. Die erfahrene Gerichtsreporterin hat mit Opfern und Tätern, Jugendlichen und Lehrern, mit Polizisten, Sozialarbeitern, Pfarrern, Ladenbesitzern, Richtern, Politikern, Anwohnern und einem „Türöffner“ gesprochen, der ihr Informanten und Ansprechpartner in der Szene vermittelt hat. Aus fast sechzig Interviews ist das Buch „Zwei Welten - Protokolle einer Stadt im Wandel“ (Emons Verlag, Köln) entstanden: Material für ein Dokustück, aus dem der Regisseur Frank Heuel eine Spielfassung entwickelt hat.

          Eine Frage, die das Publikum beantworten muss

          Acht Kinder betreten die Bühne. Nehmen Aufstellung entlang der Rampe. Schauen. Schweigen. Rufen plötzlich „Huaah!“ und laufen lachend weg. Erschrecken lassen erst die acht Schauspieler, die ihnen folgen. Eine Augenzeugin schildert den Überfall: „Sie kamen aus Richtung Post, wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Nicht wie zufällig, sondern wie geschickt.“ - „Mir wurden alle Vorderzähne eingeschlagen“, zeigt ein Gymnasiast, ein anderer prahlt mit exklusiven Partys: „250 Euro Mindestverzehr.“ Oder mit dem Dress-Code: „Mein Hemd ist Zara. Die Hose Tommy Hilfiger. Schuhe sind Timberland. Jacke Zara.“ Eine türkische Schülerin schüttelt den Kopf über einen Busfahrer, der ihr, als sie allein an der Haltestelle steht, den Vogel zeigt und demonstrativ vorbeifährt: „Nach dem Motto: Eine mit Kopftuch kommt mir nicht rein.“ Ein Geschäftsmann schildert, wie er dreimal die Fassade renovieren ließ und ihm die Mahnungen an die Kunden des Telefonladens nebenan Hakenkreuz-Schmierereien eintrugen. Ein Fußballtrainer gibt zu Protokoll, wie sein Integrationsmodell von einem syrischen Club torpediert wurde, der die jungen Leute abwarb und ihnen alles durchgehen lässt. „Ich sage nicht, Deutsche sind schwach; aber die trauen sich nicht wie Ausländer draufzuschlagen. Die wehren sich nicht“, findet ein syrischer Kurde, und ein junger Marokkaner erklärt seine Einsamkeit zwischen den Ethnien: Weil er aussieht wie ein Deutscher, werde er angemacht, und wenn er dann Arabisch spreche, gar nicht verstanden.

          Biographien, Begebenheiten, kleine Geschichten werden angerissen. Alte spielen Junge, Männer auch Frauen - und umgekehrt. Jeder steht für sich, jeder kommt zu seinem Recht. Unterschiede werden aufgezeigt, keine Lösungen. Was daraus folgt, ist eine Frage, die das Publikum beantworten muss. Nicht jede Szene schlägt an, manches wirkt schlicht, süßlich, anekdotisch. Aneinandergefügt ergeben sie keine Diagnose und schärfen doch die Aufmerksamkeit für eine explosive Gemengelage aus Vorurteilen, Feigheit, Gewaltbereitschaft, Sozialneid, Ausgrenzung, Ratlosigkeiten, Unverständnis. Die Bühne als Brennglas. Das Theater rückt in die Mitte der Stadt.

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