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Wertmüllers „Diodati“ in Basel : Lord Byron, wie kommen wir hier heil wieder raus?

  • -Aktualisiert am

Byron (Holger Falk), Claire (Sara Hershkowitz) und Polidori (Seth Carico, von links nach rechts) kämpfen gegen die Langeweile. Bild: Sandra Then

Wenn Wissenschaft und Kunst experimentieren und ihre Verantwortung dabei vergessen: Das Theater Basel bringt „Diodati. Unendlich“, die erste Oper von Michael Wertmüller, zur Uraufführung.

          Die Frechheit von Lord Byron habe ihm immer gefallen, diese „Art von Arroganz, die sich um keine Konventionen oder Gepflogenheiten schert“, sagt der Schweizer Komponist und Schlagzeuger Michael Wertmüller über den englischen Romantiker. Dessen Exzentrik steht im Zentrum seiner ersten abendfüllenden Oper „Diodati. Unendlich“ mit dem ergänzenden Titel „The Great Object of Life“. Das im Auftrag des Theaters Basel entstandene Stück ist dort jetzt mit großem Aufwand aus der Taufe gehoben worden. Das vielschichtige Libretto von Dea Loher nimmt eine konkrete historische Begebenheit aus dem Leben von George Gordon Noel Lord Byron in den Blick, spielt sie aber aus heutiger Rückschau noch einmal durch.

          Ausgangspunkt ist ein Treffen des Dichters mit Freunden im Sommer 1816 am Genfer See. Gleichsam herangezoomt wird es von Physikern der nahen, unter dem Kürzel CERN bekannten Europäischen Organisation für Kernforschung. Während man beim Wiener Kongress noch um die politische Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons rang, brach im Frühjahr 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus. Aschewolken verteilten sich in der Atmosphäre rund um den Globus, verdunkelten die Sonne und bescherten im Folgejahr auch Europa ungewöhnliche Kälte, die bald zu Ernteausfällen und Hungersnöten führen sollte. Vor diesem Hintergrund fand in jenem verregneten Sommer eine Art privater Genfer Kongress in der von Lord Byron gemieteten Villa Diodati statt.

          Der Reiz ist alles, Moral ist nichts

          Lohers Libretto vergegenwärtigt Szenen dieses Treffens als wissenschaftliches Experiment des CERN. Protagonisten sind neben dem in England aufgrund skandalträchtiger Lebensweise geächteten Byron dessen schwangere Ex-Geliebte Claire Clairmont, der Dichter Percy Bysshe-Shelley, die Schriftstellerin Mary Godwin und Byrons Leibarzt John Polidori. Weil man bei schlechtem Wetter nicht segeln kann, bekämpft man Langeweile mit Diskussionen, Opium, Alkohol, Sex und Gruselgeschichten. Mary erfindet Frankenstein, während Byron sein hedonistisches Credo verkündet: wahres Empfinden erfülle sich nur im Ausleben aller Reize und kümmere sich nicht um Moral. Gegen Ende läuft die Sache doppelt aus dem Ruder. Die beobachtenden Physiker verlieren die Kontrolle, ihre Probanden brechen aus dem Testraum aus und scheitern an sich selbst. Die Ambivalenz menschlicher Eingriffe in die Schöpfung endet dystopisch.

          Wertmüller, 1966 geboren, ist als Schlagzeuger im Jazz-Bereich ebenso erfolgreich wie in der Szene zeitgenössischer Kunstmusik. In seinen Kompositionen legt er gleichermaßen Wert auf unmittelbaren emotionalen Ausdruck und auf strukturellen Zusammenhalt nach Art seines Mentors Dieter Schnebel. Seine mit Pause gut zweieinhalbstündige Oper setzt nicht nur auf die genreübliche Orchesterbesetzung, sondern auch auf Instrumentarium aus der Rock-Musik. Entsprechende Passagen hat Wertmüller speziell für den E-Gitarristen Yaron Deutsch und die Formation Steamboat Switzerland mit Dominik Blum (Hammond-Orgel), Lucas Niggli (Drumset) und Maino Pliakas (E-Bass) geschrieben. Auskomponiertes steht neben energiegeladenen Improvisationen des Live-Ensembles, das Erfahrungen mit Underground-Rock, Dark Ambient und Prog Metal einbringt.

          Wertmüller ist es gelungen, solche teils brav eingebundenen, teils auch explosiv von der Leine gelassenen Klänge mit einer Orchestersprache zu verbinden, die vielfach tonal grundierte, manchmal spätromantisch gefärbte Gesten dissonanter Übermalung ausbreitet. Als Kitt dienen komplex überlagerte, gleichwohl stets treibende, meist flächig angelegte rhythmische Strukturen. Im Gegensatz dazu bewegen sich vokale Linien über weite Strecken im alt-avantgardistischen Duktus ziellos gezackter Melodik, die den theatralischen Gehalt des Textes ignoriert. Beim Chor der Wissenschaftler soll derlei dröge-experimentelles Tönen mit ihrem Tun korrespondieren, was die Sache nicht besser macht. Hier wie bei den Solisten gehen deshalb viele Details des Librettos wegen geringer Textverständlichkeit verloren.

          Holger Falk glückt stimmlich und darstellerisch dennoch ein starkes Charakterporträt des angeberischen Dandys Byron. Kristina Stanek gibt der Figur der depressiven, am Ende wahnhaft an ihrem toten Kind herumschnippelnden Mary empathische Wärme. Sara Hershkowitz als Claire brilliert mit virtuos-modernem, in stratosphärische Höhen aufsteigendem Koloraturersatz zu einem spektakulär auf der Bühne zelebrierten Schlagzeugsolo. Rolf Romei als schüchterer Shelley mit Nickelbrille und Karohose, Seth Carico als basskräftiger Polidori und Samantha Gaul als Byrons domina-hafte Halbschwester Augusta sowie der von Michael Clark vorbereitete Chor halten auf hohem Niveau mit. Im Orchestergraben garantiert der versierte Dirigent Titus Engel für eine imposante Umsetzung der nicht bloß rhythmisch schwierigen Partitur.

          Lydia Steiers bildpralle Inszenierung blendet ihre Version der Geschichte über Lohers Libretto. Flurin Borg Madsens meist düstere Bühne zeigt bezwingende surreale Szenen, doch die Fülle von Steiers detailreichen, oft skurril überdrehten Aktionen fügen sich nicht in das Timing der Musik und lassen keinen großen Bogen entstehen. Die Kostüme von Ursula Kudrna konfrontieren weiße Ganzkörperanzüge der Physiker und historische Biedermeier-Kleidung der Probanden, die anfangs auf Sackkärren zur Wiederbelebung in einen historisch nachgebauten Raum der Villa gefahren werden. Videoprojektionen von Tabea Rothfuchs im Hintergrund bleiben dekorativ ohne inhaltlichen Mehrwert. Im zweiten Teil vergeht dem exaltierten Völkchen das Lachen. Die Sache kippt mit zunehmendem klanglichem Bombast ins Bedrohliche, entwickelt dabei aber auch einige Längen.

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