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„Endstation Sehnsucht“ : Das Herz aus dem Leib gerissen

  • -Aktualisiert am

Nein, das ist nicht Donald Trump, bei dem der Haussegen wegen ungebührlichen Benehmens schief hängt. Das ist ein Stück von Tennessee Williams. Bild: Joachim Fieguth

Ohne allen Halt: Michael Thalheimer inszeniert „Endstation Sehnsucht“ am Berliner Ensemble mit der atemberaubenden Cordelia Wege.

          Was ist das für eine Behausung! Völlig leer und der Boden dermaßen schräg, dass jedes Stehen, jeder Schritt eine Herausforderung für Knochen, Muskeln, Bandscheiben darstellt. Nach oben ist nicht viel Luft, der Plafond leicht greifbar. Stark gekippt ist der Hohlkörper in eine kostbare Wand wie aus gehämmertem Kupfer eingelassen, als verbergen sich hinter der dünnen Schicht der Zivilisation die Mühen der schiefen Ebene. Wie bloß kann darin jemand wohnen?

          Olaf Altmann war schon oft der kongeniale, dramaturgisch mitdenkende Bühnenbildner für die Inszenierungen von Michael Thalheimer. Gemeinsam haben sie jetzt auch im Berliner Ensemble für Tennessee Williams’ 1947 in New York uraufgeführtes „Drama in drei Akten“ eine beredte räumliche Chiffre entwickelt: eine Welt aus dem Lot, in der die Menschen keinen Halt finden können und der aufrechte Gang nicht mehr als ein Witz ist.

          Entsprechend heftig ist das Entsetzen, das Blanche du Bois überfällt, als sie hier hereinstöckelt, im weißen, auf Taille geschnittenen festlichen Kleid wie eine Braut, die es sich spontan anders überlegt hat – oder die im letzten Moment einfach versetzt wurde (Kostüme: Nehle Balkhausen). In der Hand trägt sie einen schäbigen Lederkoffer mit den Habseligkeiten, die ihr geblieben sind, denn alles andere samt dem elterlichen Anwesen ist ihr aus finanziellen Gründen durch die Finger ge-ronnen. Und was schleppt sie nun mit sich herum? Mantel und Stola aus Kunstpelz, ein paar abgenutzte Fummel, Schmuck aus Strass und vergilbte Liebesbriefe. Also nichts Praktisches und nichts Wertvolles für den Aufbau einer neuen Existenz und im Kopf statt konstruktiver Pläne nur Träume, Chimären, Erinnerungen. Dann das böse Erwachen in der Zweizimmerwohnung ihrer Schwester Stella, die darin mit dem prollig-beschränkten Muskelpaket Stanley lebt.

          Stella ist sichtbar schwanger, aber die überdrehte Blanche der atemberaubend aufspielenden Cordelia Wege kann sich viel vorstellen, was zwischen Himmel und Erde möglich ist – doch was direkt vor ihrer Nase passiert, will sie selten sehen. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf und wird zur fatalen Rutschpartie in den Untergang. Die überzeugend zwischen ehelicher Fügsamkeit und dem Pochen auf Gleichrangigkeit pendelnde Stella der Sina Martens ist für Blanche eine bis zur Selbstverleugnung loyale Schwester. Schnell erkennt sie deren Verzweiflung und Verlorenheit, quartiert sie bei sich ein und verteidigt sie entschlossen vor Stanleys aggressiven Attacken.

          Bunte Lichtfelder zu suggestiven Musikflächen

          Andreas Döhler gibt ihm den ganz alltäglichen Herrschaftsanspruch des Patriarchen, aus dem es, als er unter Druck gerät, allen Ernstes einmal herausbricht: „Ich bin hier der König!“ Stanley ist gefährlich, was man ihm erst anmerkt, als er herumbrüllt und mit Sachen schmeißt. Indes schluchzt er wie ein Kind, nachdem Stella zu einer Nachbarin geflohen ist, weil er sie verprügelt hat. Kathrin Wehlisch lässt diese Eunice wie ein Waschweib keifen und breitbeinig zetern – und trotz aller mentalen Schubkräfte nicht vom Fleck kommen. Es ist eine meist im Schlechten, gelegentlich auch im Guten verschmolzene Gruppe, die in dieser abschüssigen Wohnschachtel gegeneinander kämpft, miteinander schläft, sich übereinander definiert.

          Michael Thalheimer hat dem in New Orleans angesiedelten Stück sämtliche Südstaaten-Folklore abgeschminkt und – der Regisseur als gründlicher Arzt – den Personen mit Empathie und Wachheit den Theaterpuls gefühlt, der ohne all die Dekorationen natürlich stärker zu spüren ist. Und siehe da: Sie und ihre Geschichten sind nicht veraltet, sondern lebendig und brillant, und die riesigen Schatten, die sie manchmal an die Wände werfen, betonen noch ihre Bedeutung für das Publikum im Saal.

          Zwischen den Szenen flackern bunte Lichtfelder zu Bert Wredes suggestiven Musikflächen und erzeugen eine Atmo-sphäre von Großstadt und Clubkultur, die wie von einem anderen Stern erscheint. Kunstvoll und klug zeigt Michael Thalheimer in seiner grandios eindrucksvollen Inszenierung mit dem überragenden Ensemble die hässlichen Muster, nach denen bei Tennessee Williams die Männer mit den Frauen umgehen, was die Gesellschaft allen antut und wie sich alle damit arrangieren. Zutiefst beklemmend treten diese Wechselwirkungen zutage, etwa wenn Peter Moltzen als Mitch wie ein täppischer Schuljunge um Blanche wirbt, ihr rote Rosen mitbringt und sie in einem Anflug unkontrollierter Leidenschaft das Gesicht darin herumwirbelt, bis alle Blütenblätter abgefallen sind.

          Als durchsickert, dass sie aus ihrer Heimatstadt wegen sexueller Ungebührlichkeiten ausgewiesen wurde, platzt die zarte Verbindung, und Blanche bricht endgültig zusammen. „Ich will hier raus!“, kreischt sie sich hysterisch fast ins Koma, wirft sich auf den Bauch wie ein todgeweihter Fisch an Land, versucht die Schräge hochzurobben und schliddert immer wieder qualvoll zurück – und Stanley schaut ihr interessiert wie ungerührt zu.

          Cordelia Wege reißt ihrer Figur das Herz aus dem Leib und versteckt es laszivgebrochen unter einer emotionalen Fie-berkurve aus süßem Wahn, Wut und Schwermut. Mit den Schmerzen, die das ihre Blanche kostet, zeichnet sie das bedrückende Bild einer zerrissenen, verglühenden, entwürdigten Weiblichkeit. Während seine Frau mit Wehen im Krankenhaus liegt, vergewaltigt Stanley ihre Schwester, als wäre nichts dabei. Natürlich glaubt ihr das später niemand. Wie im toten Winkel hockt Blanche dann apathisch am untersten Ende der Bühne und beschmiert sich mit rotem Lippenstift, ehe sie in die Nervenklinik eingeliefert wird. „Ist doch gut! Ist doch alles gut!“, schreit Stanley dazu beschwörend an der Rampe, und er weiß genau wie die anderen, dass das nicht stimmt. Und nie gestimmt hat.

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