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„Michael Kohlhaas“ in Berlin : Ich kann kein Werkzeug sein!

Er wollte Gerechtigkeit, und sollte die ganze Welt daran zugrunde gehen: Michael Kohlhaas, an der Schaubühne gespielt von Renato Schuch (sitzend). Bild: Gianmarco Bresadola

Simon McBurney und Annabel Arden adaptieren Kleists „Michael Kohlhaas“ an der Berliner Schaubühne. Neben dem projizierten Grauen fehlt dieser Produktion eine wirkliche Ahnung fürs Böse.

          4 Min.

          Neulich am Ufer des Sternhagener Sees, einem der schönsten Gewässer Brandenburgs: Ein heißer Frühsommerabend, die Schwalben schießen durch die Luft, der Staub kreist müde im Wind. Auf dem Weg zum Fischrestaurant noch ein kurzer Sprung ins Wasser. Man hat sich das Handtuch schon umgelegt, als von dem angrenzenden – nicht ausgeschilderten – Mini-Campingplatz ein übergewichtiger Glatzkopf mit Grillzange in der Hand angetrabt kommt und ruft: „Haben Sie einen Berechtigungsschein? Ohne den dürfen Sie hier nicht schwimmen.“ Erst vermutet man einen schlechten Witz, aber dann verweist der Mann auf ein verstecktes Schild oben an einem Baum: Da prangt einschüchternd das Wort „Privatgelände“ und fordert sofortigen Gehorsam. Man streitet noch kurz, fühlt Scham über die öffentliche Demütigung in sich aufsteigen und zieht dann mit dem unbestimmten Gefühl, Unrecht erfahren zu haben, von dannen. Das war so ein Kohlhaas-Moment. Ganz aus dem Nichts heraus, ohne Vorwarnung: Da behauptet ein Stärkerer sein Recht und verweigert den Durchgang, die freie Bewegung. Später dann ein Anruf bei der lokalen Behörde: Nirgendwo kann einer Auskunft geben über einen etwaigen Berechtigungsschein am Sternhagener See.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Heinrich von Kleist schildert in seiner 1810 geschriebenen Novelle „Michael Kohlhaas“ so einen Fall: Der dreißigjährige Pferdehändler Kohlhaas wird von einem unbedeutenden Provinzadligen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – „ein Passschein sei nötig“ – an der Durchfahrt gehindert und erfährt im Verlauf dieses eigentlich nichtigen Anlasses die peinigende Wucht des Unrechts. Aus einer Laune heraus zwingt der Junker Wenzel ihn dazu, seine Pferde als Pfand abzugeben, und lässt sie in seiner Abwesenheit schinden. Kohlhaas ruft die Gerichte um Hilfe an, schildert den Fall, beruft sich auf Paragrafen, hält sich zunächst korrekt ans Verfahren – aber die Offiziellen antworten ihm nur, er sei ein „Querulant“ und solle die Sache auf sich beruhen lassen. Als dann noch seine Ehefrau bei dem Versuch, sich für ihn gütlich zu einigen, von einer Wache des Adligen tödlich verletzt wird und unter seinen Augen stirbt, wird Kohlhaas zum Racheengel. Mit einer Schar Knechte zieht er brandschatzend durchs Land und fordert grausam Gerechtigkeit: dass seine Gäule wieder dickgefüttert würden und er Entschädigung erhielte für seine Verluste.

          Heute nicht mehr als ein Gedankenspiel

          Zu Beginn der theatralischen Adaption von Simon McBurney und Annabel Arden deklamiert Moritz Gottwald einen Satz aus Kleists Korrespondenz, der klingt wie von einem Anti-Corona-Demonstranten: „Ich soll tun, was der Staat von mir verlangt, und doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbekannten Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein – ich kann es nicht.“

          Der Ausruf verspricht einen aufwühlenden Abend über die zurzeit wieder dringende Frage nach der Mündigkeit des Einzelnen und seinem das Gemeinwohl sichernden Gehorsam gegenüber einer höheren Instanz. Wer Kleists auf realen Geschehnissen basierenden „Kohlhaas“ betrachtet, gerät zwangsläufig zwischen die Fronten rechtsphilosophischer Auslegungskämpfe. Die Rechtfertigung der Gewalt des unbeugsam Einzelnen gegenüber dem repressiven Herrschaftssystem macht Kleists Novelle für zeitgenössische Adaptionen anziehend und abstoßend zugleich. Denn mehr als mit dem Gedanken an Widerstand spielen darf und will man heute nicht mehr.

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