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Zukunft des Lucerne Festivals : Wir haben hier fast amerikanische Verhältnisse

  • -Aktualisiert am

Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festivals Bild: Marco Borggreve

Beim Lucerne Festival wird es künftig das Osterfestival und das Klavierfestival im Herbst nicht mehr geben. Der Intendant Michael Haefliger erläutert im Gespräch die Gründe für diesen Einschnitt. Sie haben auch mit dem Finanzierungsmodell zu tun.

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          Das Thema des diesjährigen Lucerne Festivals, Herr Haefliger, lautet schlicht „Macht“. Der Ausgangspunkt dafür war, so haben Sie durchblicken lassen, der Zyklus mit Wolfgang Amadeus Mozarts drei Da-Ponte-Opern, der am 12. September beginnen wird.

          Natürlich hat es Machtausübung immer gegeben, aber während der Aufklärung wurde sie in einer Weise thematisiert und hinterfragt wie nie vorher. Und so eben auch bei Da Ponte und Mozart: feudale Ständevorrechte im „Figaro“, Don Giovanni als Personalisierung eines permanenten Machtmissbrauchs – das sind tragende Leitlinien; und in allen drei Opern auch das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen.

          FRAGE: An ein mögliches Machtgefälle zwischen Teodor Currentzis und seinem musicAeterna-Orchester, die diese Aufführungen tragen werden und in deren Binnenverhältnis manche Beobachter sektenhafte Züge konstatieren, haben Sie weniger gedacht?

          Lassen Sie es mich so sagen: Auch die Ausübung künstlerischer Macht innerhalb von Ensemblestrukturen ist eine der thematischen Facetten, die uns interessiert haben – und ebenso natürlich die Macht der Musik selbst in ihrer Wirkung auf die Hörer.

          Ausweislich Ihrer eigenen Statistik wird das Festival zu fünfzig Prozent über Sponsoren und Freundeskreise finanziert. Darf man auch da an das Wort „Macht“ denken?

          Ich fange lieber andersherum an: Die öffentlichen Subventionen für unsere Veranstaltungen betragen fünf Prozent, die restlichen 95 müssen wir selbst erwirtschaften. Natürlich sind das fast amerikanische Verhältnisse, und ich werde nicht so tun, als müssten wir das nicht berücksichtigen. Ein Gutteil meiner Tätigkeit besteht aus Kontaktpflege und Überzeugungsarbeit, aber genau darum geht es: Wenn es uns gelingt, hier Begeisterung an den richtigen Stellen, für Projekte und Ideen auch abseits des Mainstreams zu wecken . . .

           . . . und gelingt es?

          Das würde ich im einundzwanzigsten Jahr meiner Intendanz und auch mit Blick auf die vielen Veränderungen, die es dabei gegeben hat, schon in Anspruch nehmen; viele dieser Partnerschaften halten ja bereits so lange, dass man sie als strategisch bezeichnen darf. Die Credit Suisse beispielsweise engagiert sich seit Beginn des Jahrtausends mit zwei hoch dotierten Preisen für die Förderung hochbegabter junger Solisten, die sich dann bei unseren Konzerten vorstellen; eine Künstlerin wie Sol Gabetta hat auf diesem Weg ihre Weltkarriere gestartet. Das Pharmaunternehmen Roche wiederum fördert kontinuierlich unsere Festival Academy und damit auch das zeitgenössische Schaffen, das bei diesen jungen Musikern im Mittelpunkt steht – dieses Jahr unter anderem mit zwei Uraufführungen von Marianna Liik und Josep Planells Schiaffino, wo sie dann neben Werken von George Benjamin, Wolfgang Rihm und Dieter Ammann stehen, die alle drei auch in unserem „Composer Seminar“ ihre Erfahrungen weitergeben.

          Sie haben eben das Wort „Veränderungen“ gebraucht. Aktuell stehen besonders einschneidende an, nachdem Sie angekündigt haben, auf das Oster- und Klavierfestival – Letzteres verabschiedet sich im November – zu verzichten.

          Ja, mit schwerem Herzen, aber guten Gründen. Sie müssen dabei im Blick haben, dass diese beiden Spartenfestivals bereits existierten, als das Sommerfestival mit der Gründung des Lucerne Festival Orchestra durch Claudio Abbado 2003 und der Festival Academy durch Pierre Boulez ein Jahr später ein völlig neues Profil erhielt: weg von der bloßen Reise-Leistungsschau internationaler Spitzenensembles und hin zu einem zunehmend selbst produzierenden Unternehmen, das die Möglichkeiten moderner Orchesterkultur nicht nur klangtechnisch, sondern auch programmatisch, mit der Erschließung und Darbietung neuer Inhalte vor allem in unseren eigenen Produktionen, in den Mittelpunkt stellen will. Dieser Weg ist, wenn ich vom Hörerzuspruch ausgehe, eine Erfolgsgeschichte geworden, an deren Fortgang wir jetzt noch konzentrierter arbeiten wollen, zumal sie mittlerweile durch die Auslandstourneen des Festivalorchesters und seit 2014 auch durch unsere „Festival Alumni“ – ausgewählte Musiker aus den mittlerweile weit über tausend ehemaligen Akademisten, die sich mit eigenen Programmen bis hin nach New York und Peking als Botschafter unseres Festivals präsentieren – weit über Luzern hinauswirken. Wir haben also jetzt drei festivaleigene Ensembles, und eine der Entwicklungslinien wird sein, sie noch stärker als bisher interagieren zu lassen. Wenn Riccardo Chailly am 8. September erstmals die Alumni dirigiert – in einem herausfordernden Programm mit Mossolow, Maderna, Schönberg und Rihm, das dann einen Tag später in der Hamburger Elbphilharmonie zu hören sein wird –, ist das auch ein Bekenntnis zu der von mir genannten Entwicklungsrichtung . . .

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