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Theater mit John Malkovich : Der Inbegriff toxischer Männlichkeit

  • -Aktualisiert am

Launisch, zynisch, herrisch: John Malkovich spielt im Garrick Theatre den Filmproduzenten Barney Fein. Bild: PA Wire

David Mamets neues Stück „Bitter Wheat“ wird in London uraufgeführt. Der Autor führt selbst Regie. John Malkovich ist der richtige Mann fürs Grobe – nach dem unverkennbaren Vorbild Harvey Weinsteins.

          3 Min.

          Als vor einiger Zeit ruchbar wurde, dass David Mamet eine dunkle Posse geschrieben habe über einen fiesen Filmmogul, der an Harvey Weinstein angelehnt sei, schwappten die Wogen der Empörung in alle Richtungen über. Wie konnte der Dramatiker auch nur daran denken, dieses Monstrum als komische Figur zu zeichnen? Wie konnte ein Mann – obendrein einer wie David Mamet, der durch seine angebliche Macho-Sicht auf die Beziehung zwischen Mann und Frau in den Augen feministischer Kritiker ein Symbol toxischer Maskulinität geworden sei – sich überhaupt erdreisten, das MeToo-Thema in Angriff zu nehmen, wo es doch die weibliche Sensibilität so empfindlich berühre?

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Ankündigung, dass der auf perfide Charaktere spezialisierte John Malkovich die Hauptfigur verkörpern werde, wirkte wie eine zusätzliche Provokation. Dem Vernehmen nach wollte kein Regisseur dieses heiße Eisen anfassen, so dass Mamet nichts übrigblieb, als die Regie der Uraufführung von „Bitter Wheat“ am Londoner Garrick Theatre selbst zu übernehmen.

          Nun ist es so weit. John Malkovich sitzt auf der Bühne des Londoner Garrick Theatre und macht einen Drehbuchautor zur Sau, dessen Manuskript er als Stück Dreck ablehnt. In einer Geste offenkundiger Verachtung lässt der übergewichtige Produzent ein Bein über die Lehne des Sessels hängen, während er den armen Schlucker mit groben Beleidigungen überschüttet. Zwischendurch bohrt er ungeniert mit dem Zahnstocher im Gebiss. Die megalomanen Züge mögen grotesk überzogen sein, doch hat Mamet sich trotz der vorbeugenden Floskel, dass etwaige Übereinstimmungen mit tatsächlichen Begebenheiten, Orten oder Personen, ob lebend oder tot, rein zufällig wären, weder bemüht, die Ähnlichkeiten mit Harvey Weinstein zu maskieren, noch ist ihm ein originelleres Pseudonym eingefallen als Barney Fein.

          John Malkovich als Barney Fein mit Schauspielkollegin Ioanna Kimbook die als Yung Kim Li ein Filmprojekt vorstellt.

          John Malkovich, der auf der Leinwand die Obsessionen und Perversionen seiner psychopathischen Schurken oft durch träge Distanziertheit ins Diabolische steigert, markiert hier den hektisch animierten Macker. Launisch, unkonzentriert, grenzenlos zynisch und von unsäglicher Vulgarität, kommandiert er die Sekretärin Sondra herum, die Doon Mackichan mit wunderbar abgebrühter Herablassung verkörpert. Ihre Hauptfunktion scheint darin zu liegen, Malkovich schnippisch Bälle zuzuwerfen, die er in Form trockener Einzeiler von unterschiedlich gelungener Komik wieder übers Netz zurückfeuert – so, wenn er sie fragt, wozu die Filme denn dienen. Sie glaubt, ihm nach dem Mund zu reden, indem sie erwidert, dass seine Firma Träume vermarkte. Fein korrigiert sie. Es gehe bloß um Geldwäsche.

          Der Produzent weiß, dass er alle in der Tasche hat, auch den Arzt, der ihn mit illegalen Aufputschmitteln und mit eine halbe Stunde vor dem voraussichtlichen Beischlaf einzunehmenden Tabletten zur Potenzsteigerung versorgt. Daraus entwickelt David Mamet eine plumpe Farce um die junge koreanisch-britische Schauspielerin Yung Kim Li, die mit einem Filmprojekt bei Fein vorstellig wird. Im Wettlauf mit der, von der Wirkung der Tablette bestimmten, Zeit versucht er, Yung Kim Li zunächst in der Hotellobby, dann in seiner Suite mit dem Versprechen zu umgarnen, einen Star aus ihr zu machen.

          Als sie sich höflich seinen widerlichen erotischen Forderungen widersetzt, kann er es nicht fassen, dass sie nicht einmal bereit sei, ihm einen Blowjob zu geben, der bloß eine Minute dauern würde, wo er sie doch als asiatische Audrey Hepburn fördern wolle.

          Hochmut kommt vor dem Fall

          Wie ein gestrandeter Wal liegt Malkovich am Boden und versucht seinen korpulenten Leib wieder aufzurichten, nachdem er bei einem abermaligen Annäherungsversuch das Gleichgewicht verloren hat. Der slapstickartige Austausch mit der von Ioanna Kimbook als frischen, keineswegs auf den Mund gefallenen Inbegriff von Unschuld und Aufrichtigkeit dargebotenen Schauspielerin Yung Kim Li endet, wie sich nach der Pause herausstellt, für Barney Fein schließlich in der Gefängniszelle.

          In dem kurzen, im Sande verlaufenden zweiten Teil des Stücks, der wirkt, als habe David Mamet einfach abgebrochen, weil ihm die Ideen ausgegangen sind, ist das ganze Imperium des Produzenten kollabiert. Der Mann, der auf dem Höhepunkt seiner Macht brutal verkündet hatte, dass die Menschen seinen Schleim schlucken würden, wenn er danach verlange, ist ein Ausgestoßener. Weder er noch die schablonenhaften Nebenfiguren vermögen die leiseste Sympathie zu erregen.

          Mamet lässt Beobachtungen über die Stumpfsinnigkeit und die Exzesse von Hollywood einfließen, die er schon vor Jahren anderswo losgeworden ist, unter anderem in dem Essayband „Bambi vs. Godzilla“, in dem er schrieb, dass skrupellose Produzenten alle Teile eines Schweins verkauften, außer dem Quieken: „Und dann verkaufen sie das Quieken.“

          Gewiss gelingt dem Autor hier und da eine witzige Pointe nach der Art von Oscar Wilde, die das Publikum mit den gewünschten Lachern belohnt. Doch strotzen die Dialoge, sofern sie überhaupt als solche bezeichnet werden können, vor klischeehaftem Humor. Barney Fein hat zwar eine greise jüdische Mutter, deren Geburtstagsgeschenke die Sekretärin besorgen muss. Sie taucht aber nie auf und gibt auch keinen Aufschluss über das durch und durch verdorbene Wesen ihres Sohns. Wie denn überhaupt David Mamet keinerlei Interesse daran zeigt, zu verstehen, wie Barney Fein zu der größenwahnsinnigen Figur wurde, die am Ende Mitleid zu erregen versucht mit der Klage, dass keiner ihn liebe, weil er so dick sei.

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