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Meredith Monk zum Siebzigsten : Solistin im Chor der Widersprüche

Meredith Monk 2008 Bild: BASSEM TELLAWI/AP/dapd

Sie singt von Erschöpfung und Auferstehung aus der Müdigkeit. Dabei lässt sie Leben und Denken, Wollen und Können Purzelbäume schlagen: Meredtih Monk wird siebzig.

          In zweieinhalb Minuten jedes Fluchtfenster und jeden Zwangsgedanken der musikalischen Moderne in den Mund nehmen und zum Sprechen bringen, ohne dabei ein einziges artikuliertes Wort auch nur zu streifen - doch, das geht, man braucht bloß dreierlei: einen Grundton, um sich ihm zu widersetzen, bis er stirbt; eine Melodie, um sich mit einer jenseitigen Stimme artistisch um sie zu wickeln wie Stacheldraht um eine illegale Süßigkeit, und endlich das schlechthin Schöne, um sich daran das Herz zu brechen, damit die Splitter sexy klirren.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das kurze Stück, von dem die Rede ist, heißt „Free“. Meredith Monk hat es geschrieben und 1973 für ihre Platte „Our Lady of Late“ aufgenommen. Der Titel des Albums ließe sich übersetzen mit „Unsere Liebe Frau von Neuerdings“ - kein dummer Name für die Künstlerin, die auf dieser Platte, wie überhaupt allezeit, gerade nicht versucht hat, etwas für die Kunst so Uninteressantes herauszufinden wie „wozu die menschliche Stimme fähig ist“, obwohl derlei die Beihefte und Kritiken gern behaupten.

          Kiekser und blühende Umlaute

          Kunst, man sollte es täglich fünfmal wiederholen, ist nicht Sport. Meredith Monks Arbeit will daher auch nicht auf Bestnoten der Virtuosität oder strapaziöse Grenzforschung hinaus. Stattdessen leistet sie schwerer Fassbares - etwa die genauere ästhetische Bestimmung des Sinns der beliebten Floskel, in den letzten hundertfünfzig Jahren sei es der abendländischen Musik darum gegangen, dem Verstummen zu begegnen.

          Man sagt das vom späten Beethoven, vom späten Mahler, von Webern und Cage hin und wieder, die Minimalisten sollen auch dahin gewollt haben. Gemeint ist einfach die Erschöpfung einer Tradition - und die kann jemand wie Meredith Monk eben besonders gut darstellen, weil ihr Medium die Menschenstimme ist und wir Erschöpfung nun mal leichter denken können, wo ein Subjekt vermutet werden darf.

          Die bei Monk nebst der Erschöpfung besonders ausdauernd thematisierte Auferstehung aus jener Müdigkeit, die sie in gelegentlichem, paradox expressivem Tönehalten und dann Ausbrechen sinnfällig macht, hat viel mit dem Rückzug des Lebendigen oder Gedachten auf einen innersten Punkt der Unzerstörbarkeit zu tun, um den herum Leben und Denken, Wollen und Können dann Purzelbäume schlagen dürfen - als Kiekser und blühende Umlaute (niemand sonst singt „ä“, „ö“ und „ü“ schauriger oder anziehender, Sprache kann eben viel mehr als sprechen).

          Wie Hegels ganze Philosophie darin besteht, den Gedanken dabei zu begleiten, wie er sich denkt, ist Monks ganzer Gesang so etwas wie das Ausstellen einer Stimme, die sich selbst beim Singen staunend zu hören vermag - in Analogie zum mystischen Beruf des Sehers könnte man für diese Künstlerin den Begriff der „Hörerin“ esoterisch umdeuten. Wie bei vielen kosmischen Existenzen hat sie im Irdischen eine klare Mitte: New York, wo sie geboren wurde und wo man sie bis heute verständig liebt, im besten Sinn des Wortes „platonisch“.

          Ihre späten Werke, etwa „Mercy“ von 2002, gehen oft ins Sakrale, ja Pfingstliche. Es kann einem Arvo Pärt dabei einfallen, aber man darf auch merken, dass hier die Synthese aus dem Materialismus des modernen Lebens und dem Idealismus der modernen Kunst auf der Ebene einer Entrückung stattfindet, die besser betet als glaubt und frommer singt als beichtet. An diesem Dienstag wird ihre wichtigste Kantorin siebzig Jahre alt.

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