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Merce Cunningham zum Neunzigsten : Der flüchtige Moment, in dem du dich lebendig fühlst

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Stets auf dem Sprung: Tänzer und Choreograph Merce Cunningham, 1973 Bild: AP Photo/Steven Mark Needham

Seit einem Dreivierteljahrhundert nichts als Bewegung: Als idealer, lyrischer Tänzer und atemberaubender Choreograph hat Merce Cunningham die schönsten flüchtigen Momente geschaffen. An diesem Donnerstag feiert das Genie der Moderne seinen neunzigsten Geburtstag.

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          „Du musst das Tanzen lieben, um dabeizubleiben. Es gibt dir nichts zurück, keine Manuskripte für die Schublade, keine Gemälde, die man an die Wand hängen kann oder in Museen, keine Gedichte, die man drucken und verkaufen kann, nichts als diesen einen flüchtigen Moment, in dem du dich lebendig fühlst. Es ist nichts für unstete Seelen.“ So Merce Cunnigham über seinen Beruf. Größere Stetigkeit als er hat kein Tänzer des zwanzigsten Jahrhunderts bewiesen. Schon 1934, er war fünfzehn Jahre alt, besserte er sein Taschengeld mit Tanzen auf, anstatt wie andere Kinder Rasen zu mähen oder Zäune zu streichen, und noch siebzig Jahre später spielte er in einer Open-Air-Vorstellung seines Klassikers „How to Pass, Kick, Fall and Run“ im Pariser Palais Royal mit David Vaughan, seinem Archivar, das witzige Kommentatorenpaar in der Loge wie Waldorf und Statler aus der Muppet Show.

          Ästhetisch aufregender war kein Choreograph unserer Zeit - und er ist es noch: Seinen neunzigsten Geburtstag feiert New York mit einer Galavorstellung der Merce Cunningham Dance Company in der Brooklyn Academy of Music, natürlich mit einer Uraufführung, Titel: „Nearly Ninety“, zu einem Live-Auftritt der Rockband „Sonic Youth". Sieben Jahrzehnte liegt es zurück, dass Merce Cunningham aus einem Kaff am anderen Ende Amerikas, aus Centralia im Bundesstaat Washington, in die Hauptstadt des Tanzes aufbrach, um Martha Graham an ihr Versprechen zu erinnern, sie werde ihn als Tänzer engagieren. Und Graham hatte den jungen Studenten ihrer ländlichen Sommerkurse keineswegs vergessen, sondern machte ihn sofort zum Solisten.

          Im Pas de deux mit John Cage

          So fing alles an. Der Junge aus Centralia, der schon als Teenager mit seiner Tanzlehrerin Maud Barrett den Staat Washington im Auto durchquert hatte, um an der Seite ihrer Tochter Marjorie jeden Abend auf einer anderen Hinterzimmerbühne einige wundervolle Steppnummern und elegante Paartänze - wie Fred Astaires „The Continental“ - zu zeigen, war in New York angekommen. Ein paar Jahre lang lieh er Martha Grahams schockierend modernen Tanzdramen seine athletische, jugendliche Gestalt, seine elastischen Sprünge, seine geschmeidigen Pliés, seine beweglichen, freien Arme mit den kräftigen Schultern und sein ausdrucksvolles Gesicht.

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          Merce Cunningham zum Neunzigsten : Der flüchtige Moment, in dem du dich lebendig fühlst

          Du musst das Tanzen lieben? Das Tanzen liebte den jungen Merce Cunningham. Das New Yorker Publikum kannte ihn schon als herausragenden Solisten bei Martha Graham und ihren schönen Jüngerinnen, da tat Cunningham den nächsten, entscheidenden Schritt, mit dem seine Zukunft als Choreograph begann. Am 5. April 1944 gaben er und John Cage ihr erstes gemeinsames Konzert. Man könnte auch sagen: An jenem frühlingsdunklen Mittwochabend in der Sechzehnten Straße trat der moderne Tanz in eine neue Epoche ein. Das sehen auch jene so, die sich darüber streiten, ob Cunningham ein Choreograph der Moderne oder der Postmoderne zuzurechnen ist. Cage spielte auf seinem präparierten Klavier, Cunningham zeigte sechs Solotänze: „Die Soli waren zwei oder drei Minuten lang, eines dauerte fünf, sechs Minuten. Nach jedem wechselte ich das Kostüm. Im Umziehen bin ich sehr schnell. Das war ein Vermächtnis meiner Vaudeville-Tage mit Mrs. Barrett“.

          Weg von der Körpermitte

          „Greatest aesthetic elegance“ bescheinigt den beiden Amerikas bedeutendster Tanzkritiker, Edwin Denby. Niemals habe er „ein Debüt erlebt, das so viel Geschmack mit einer solchen technischen Vollendung, einer derartigen Originalität des Materials und einer so sicheren Präsentation verband“. Der Effekt, in dem Tanz und Musik einander vollkommen entsprachen, war der von „äußerster Eleganz in tiefer Einsamkeit“. Cunningham, der ideale lyrische Tänzer, wirkte auf der Bühne wie einer der geheimnisvollen Seiltänzer aus den Gemälden Picassos. In die Richtung dieser Beobachtung Denbys weist auch, was David Vaughan einmal bemerkte: Die frühen Werke von Cage und Cunningham stünden in engem Bezug zur Modernität der Ballets Russes von Serge Diaghilew. Dass die beiden Marcel Duchamps bewunderten, seit sie ihm 1942 zum ersten Mal begegnet waren, bedeutet nicht, dass man sie in die Nähe des Dada rücken darf. Theater ja, absurdes oder gar groteskes Theater ist es nicht, was Cage und Cunningham interessierte.

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