https://www.faz.net/-gqz-6w4r8

Merce Cunningham Dance Company : Es war einmal in Amerika

  • -Aktualisiert am

Entschwebender Kissenzauber: Szene aus Cunninghams „Rain Forest“ Bild: Rob Strong

Vorbei, vorbei. Was schon länger bekannt war, ist jetzt definitiv und unumgänglich: Die Vermächtnistournee der legendären Merce Cunningham Dance Company geht zu Ende.

          3 Min.

          Man sah es unaufhaltbar nahen, das Ende der Merce Cunningham Dance Company - zwei lange Jahre. Nun ist es so weit. Heute Abend berühren die Füße der Tänzer zum letzten Mal den Boden einer europäischen Bühne, und an Silvester 2011 wird New York die Company für immer von der Bühne abgehen sehen. Unumstößlich regelte der Letzte Wille des Choreographen, dessen Genie epochenübergreifend Moderne und Postmoderne überstrahlte, dass sein 1953 gegründetes Ensemble zum Ende einer Vermächtnistournee aufzulösen sei. Noch einmal sollte sich die Tanzwelt in Erinnerung rufen, auf welche Weise Cunningham sie verändert hatte - indem er die verwandten Künste einlud, mit dem Tanz die Bühne zu teilen und doch unabhängig zu bleiben; indem er die choreographischen Möglichkeiten der Computertechnologie oder der Kamera ausnutzte; indem er ein Leben lang inspiriert blieb durch John Cages musikalische Ideen und kompositorische Zufallsverfahren.

          Sie erleben die letzten Tage als Schock

          Hatten sich nicht in „BiPed“ („Zweifüßer“) von 1999 erstmals wirkliche und virtuelle Tänzer eine Bühne geteilt? „BiPed“ war jetzt noch einmal in Paris zu erleben, so wie „RainForest“ von 1968, worin den in hautfarbene Fetzen gehüllten Bewohnern eines ästhetischen Dschungels ständig heliumgefüllte Kissen von Andy Warhol vor die Füße schwebten. Es wehte ein kalter Luftzug durch das Théâtre de la Ville, der diese „Silver Cushions“ gleich auf das Pult des musikalischen Leiters Takehisa Kosugi fliegen ließ und andere sogar in den Zuschauerraum. Paris zeigte auch Charles Atlas’ Film „Ocean“, bei dem die Tänzer wie Meereswesen in Wassertiefen hinabtauchen - und das Publikum mit ihnen; außerdem „XOVER“ von 2007 mit seinem Rauschenberg-Bühnenbild, „Quartet“ zu David Tiudors Musik „Sextet for Seven“, ferner die unvergessliche „Suite for Five“ und die variationsreichen „Duets“ von 1980 für sechs Paare.

          Die letzten sichtbaren von zweihundert Werken aus fünfundsechzig Schaffensjahren. Vorbei, vorbei! Jeder hat es kommen sehen, und doch erleben alle Zuschauer, Künstler und Weggefährten diese letzten Tage als Schock. In London, wo 1964 die erste Welttournee so lange verlängert wurde, bis die Begeisterung in die Vereinigten Staaten zurückschwappte, verabschiedete man sich in diesem Herbst. In Paris dankte den Tänzern Nacht für Nacht ein bewegtes, bis auf den letzten Platz gefülltes Theater.

          Dieses Verdikt der Grande Dame

          Bis zuletzt hatte Robert Swinston, der künstlerische Leiter seit Cunninghams Tod, versucht, den Trust, der in New York das Erbe verwaltet, von dem notwendigen Weiterbestehen einer kleinen „Repertory Group“ zu überzeugen. Seine Idee, nicht nur die Technik Cunninghams weiter zu lehren, sondern auch ein kleines Ensemble junger Tänzer bereitzuhalten, konnte er nicht durchsetzen. Swinston bleibt bei seiner Auffassung, dass keine noch so virtuose Compagnie, mag sie selbstverständlich während des Einstudierungsprozesses von Cunningham-Choreographien in dessen Technik trainiert werden, die Stücke wünschenswert authentisch wird tanzen können. Nichtsdestotrotz gehen eine Vielzahl von Anfragen nach Einstudierungen bei Swinston ein: An der Pariser Oper wird „Un jour ou deux“, das Cunningham 1973 mit einem Dekor von Jasper Johns für die Tänzer des Hauses schuf, wiederaufgenommen. Das Ballet de Lorraine wird „Channels/Inserts“ und „Summerspace“ lernen; auch zwei deutsche Compagnien erhalten Hauptwerke für ihre Repertoires.

          Merce Cunningham Dance Company im Mai 2011 am Staatstheater Wiesbaden
          Merce Cunningham Dance Company im Mai 2011 am Staatstheater Wiesbaden : Bild: Martin Kaufhold

          Während Frankreich, das sehr früh die Bedeutung dieses Œuvres verstand und es in Gestalt der Agentin Bénédicte Pèsle und ihrer Firma Art Service erfolgreich europaweit vertrieb, nun legitimer letzter Gastgeber ist - da es auch der erste war -, gibt es Unstimmigkeiten, was die künftige Cunningham-Politik betrifft. Pèsle und ihre ehemalige Mitarbeiterin Claire Verlet, inzwischen Tanzdirektorin am Théâtre de la Ville, halten Swinstons Wunsch nach einer Repertory Group für unbotmäßig und verweigerten ihre Unterstützung. Mittlerweile gibt es aber andere französische Institutionen, die vielleicht bereit sind, sich über dieses Verdikt der Grande Dame hinwegzusetzen.

          Die Tänzer werden verschwinden

          Einstweilen hat Swinston für ein Jahr sichergestellt, dass im New Yorker City Center, wohin der Trust umziehen wird, wenn im neuen Jahr das alte Cunningham Studio in der Bethune Street geräumt werden muss, neben Büros auch ein Studio angemietet wird. Hier wird Swinston täglich eine Cunningham-Klasse anbieten. So wird es enden, wie es angefangen hat, als Cunningham einige Tanzstudenten einlud, in seinem Loft Unterricht bei ihm zu nehmen. Doch bevor es so weit ist, wird in den gigantischen Hallen des alten Armeegebäudes zwischen Park Avenue, Lexington Avenue und 67.Straße, dem Park Armory, das Publikum am 31.Dezember Zeuge eines letzten „Events“, wie Cunningham sie einst erfand: auf Ort und Anlass zugeschnittene, aus bestehenden Choreographien zusammengestellte einmalige Tanzereignisse.

          Auf dreizehn mal zehn Meter großen Bühnen, die im Halbkreis angeordnet und mit einem Steg verbunden sind, zeigen vierzehn Tänzer - unter ihnen Swinston selbst, der das Event komponiert hat - in fünfundvierzig Minuten Exzerpte aus fünfunddreißig Werken. Die Zuschauer können sich frei zwischen den Bühnen umherbewegen. Nur eines ist anders als je in einer Cunningham-Vorstellung: Wenn das Ende des Events erreicht ist, werden die Tänzer verschwinden. Keine Verbeugung, kein Applaus. Es war einmal...

          Weitere Themen

          Die dunkle Seite des Pop

          Britney Spears : Die dunkle Seite des Pop

          Britney Spears will sich endlich ihr Leben zurückholen. Ihre Aussagen vor Gericht sind erschütternd, aber sie ist kein Einzelfall. Die Pop-Industrie meint es nicht gut mit ihren weiblichen Stars.

          Topmeldungen

          Eine Mitarbeiterin eines Hamburger Testzentrums macht einen Corona-Test.

          F.A.Z.-Frühdenker : Rüsten gegen die Delta-Variante

          Auf dem EU-Gipfel wird mit Ungarn gestritten und über Russland debattiert, Deutschland wappnet sich gegen die Ausbreitung der Delta-Variante und München klagt gegen „Oktoberfest goes Dubai“. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.