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Rimini Protokolls „Mein Kampf“ : Wir spielen heute mal Provokation

Der Schauspieler Matthias Hageböck während der Proben Bild: Sebastian Kahnert/dpa

Historiker-Experten und betroffene Laien: Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll führt „Mein Kampf“ beim Weimarer Kunstfest auf. Und stößt an die Grenzen seiner dokumentarischen Methode.

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          Das Theater, so schreiben Helgard Haug und Daniel Wetzel von „Rimini Protokoll“ im Programmheft zu ihrer neuen Produktion „Mein Kampf“, könne den „Aufenthalt in einer Tabu-Zone zu einem Erlebnis machen“. Das stimmt. Wer gesehen hat, wie der Schauspieler Heinz Zuber als Hitlers getreuer Freund Heinrich Himmlischst ein Hühnchen ausweidet, dabei jeden Handgriff fachmännisch erläutert, aus bösester Lust in tränenreiche Rührseligkeit verfällt, schließlich beteuert, doch nur seine Pflicht zu tun, und in seinem weißen Laborkittel nicht wie ein Hobbykoch, sondern wie ein KZ-Arzt aussieht, der wird diesen Theatermoment vielleicht sein Leben lang nicht mehr vergessen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Szene stammt aus Taboris rabenschwarzer Hitler-Farce „Mein Kampf“, die 1987 in Wien uraufgeführt wurde. Hitler war darin der junge, lebensuntüchtige, soeben von der Kunstakademie abgewiesene Maler, der im Männerwohnheim in der Wiener Blutgasse von dem jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl unter die Fittiche genommen wird. „Mein Kampf“ war der Titel des Romans, den Schlomo sein Leben lang schreiben wollte, aber nicht schreiben konnte. Nur den letzten Satz hatte er schon: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute noch.“ Herzl wusste, dass er über dieses Ende nicht hinaus- und nie hinwegkommen würde. Deshalb machte er seinem ehrgeizigen Schützling den Buchtitel zum Geschenk und riet ihm, der Kunst den Rücken zu kehren und in die Politik zu gehen.

          Mehr Inklusionszone als Tabu-Zone

          Für Tabori waren Witz und Pointe Erkenntnisinstrumente, die in Herz und Hirn schneiden, indem sie Grenzen aufzeigen und sie, immer in einem Aufwasch, aufzeigend überschreiten und überschreitend ausradieren. Und weil Tabori außer Hitler, Herzl, Himmlischst, einem Gretchen und der unwiderstehlichen Frau Tod auch einen Koch namens Lobkowitz, der sich für Gott hält und damit sogar recht haben könnte, auf die Bühne stellte, bezeichnete er seinen Geniestreich nicht als Kurzaufenthalt in der Tabu-Zone, sondern als „theologischen Schwank“. Wer heute ein Stück mit dem Titel „Mein Kampf“ auf die Bühne bringt, kann nicht darauf hoffen, dass Tabori in Vergessenheit geraten ist.

          Auf der Bühne im Weimarer E-Werk steht eine Art bewohnbares Bücherregal mit Nischen und Winkeln, einem kleinen Schrein für eine Mao-Büste, einer Besenkammer, zwei Mischpulten und etlichen Bildschirmen, über die später Videos, Fotografien und Filmausschnitte flimmern. Grit Schuster und Marc Jungreithmeier haben es vor einigen Jahren für das Projekt „Das Kapital“ gebaut, das ganz ähnlich funktionierte wie die neue Produktion: postdramatisches Dokumentartheater, das die Schauspieler durch „Experten des Alltags“ ersetzt, Laiendarsteller, die eine persönliche Erfahrung mit dem Projektthema verbindet. Das Stück entsteht in gemeinsamer Arbeit, indem die Recherchen von „Rimini Protokoll“, zum Beispiel Interviews mit Historikern wie Moshe Zimmermann und Othmar Plöckinger, mit den Geschichten der Laiendarsteller zusammengeführt werden: Biographisches Material wird durch Fachwissen ergänzt. Das Ergebnis ist sozial höchst engagiert, bühnenästhetisch eher karg und sprachlich ergreifend schlicht, was aber den Intentionen entspricht: Schillers Theater als moralische Anstalt kehrt bei „Rimini Protokoll“ als didaktisch-partizipativer Workshop der Kategorie „niedrigschwellig“ wieder - mehr Inklusionszone als Tabu-Zone.

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