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Opern in Wien und Berlin : An kaputten Ehen geht die Welt nicht unter

Die Ödnis kommt selten alleine: Anja Schneider und Paul Grill als springender Katastrophenarzt Michael in Moritz Rinkes „Westend“ am Deutschen Theater. Bild: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Alte Dramen vor geweißten Wänden: Simon Stone findet in Wien neue Posen für „Medea“, Moritz Rinke macht in Berlin aus Goethes „Wahlverwandtschaften“ ein Drama der Gegenwart.

          Wenn die eigenen dünnen Bretter, die man kurz angebohrt hat, als trittsichere Qualitätsware verkauft werden, ist das sicher befriedigend. Wenn man irgendwelche Versatzstücke aus seinem kleinen Fernsehserien-Kosmos zusammenklauben und das Ganze dann als „nach Euripides“ anpreisen darf. Posen mit dem Mythos – damit ist der australisch-schweizerische Regisseur Simon Stone bisher erstaunlich weit gekommen. Obwohl seine sogenannten überschreibenden Bearbeitungen nichts anders sind als das Pendant zu Fotowänden mit Gucklöchern auf Mittelaltermärkten: etwas für den kurzen Knipsmoment. Drum herum wird grell irgendwas Historisches angedeutet, aber im eigentlichen Zentrum steht die eigene doofe Zeitvisage.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Stone jetzt – immerhin auf der großen Bühne des Burgtheaters – unter der Überschrift „Medea“ die läppische Psychonummer einer durchgedrehten Pharmazeutin präsentiert, die sich nicht mit der neuen Beziehung ihres Ex-Mannes abfindet und aus Rache alles wegmordet, was gerade in ihrer Küche steht, dann wirkt das wie eine schlechte Parodie auf die „moderne“ Klassiker-Adaption. Es muss vor allem möglichst viel krasse Umgangssprache vorkommen, also oft „spoilern“, „ficken“ und „Playstation“ gesagt werden, dann ist die halbe Adaptions-Miete schon bezahlt.

          Unterforderte Protagonisten

          Die andere Hälfte kriegt man schon noch über ein paar abgegriffene Dialoge und ein bisschen ruckelnde Kameraaufnahmen rein. Auf der Bühne braucht man nicht mehr als eine weiße, glattgeleckte Fläche, und von den Schauspielern will man auch nichts anderes, als dass sie ihren absolut zeitgemäßen Text so cool aufsagen wie in amerikanischen B-Movies aus den achtziger Jahren. Dass ihre Stimmen dabei scheppern, weil die Mikroports nicht richtig ausgesteuert sind, macht gar nichts. Die Darsteller sind hier sowieso nur chargenhafte Abziehbilder von Seriencharakteren.

          Lucas, der Ex-Mann, wird gespielt von Steven Scharf, der kurzfristig für den erkrankten Joachim Meyerhoff eingesprungen ist. Mit zitternder Hand und Hornbrille steht er im Maßanzug da und gibt den unbedarften Ehemann, der endlich wieder erotisch erregt sein will. Der großgewachsene Scharf, der so viel abgründige Düsternis, so viel von der traurigen Lakonie eines schief ins Leben gebauten Antihelden in sich trägt – hier darf er nichts von alldem zeigen, sondern muss pseudorealistische Behauptungssätze von sich geben und schwammige Gesten machen. Es schmerzt, einen so guten Schauspieler einen so schlechten Text sprechen zu hören. Auch Caroline Peters ist sichtbar unterfordert von ihrer Rolle als profanisierte Mythen-Mama. Pampig spricht sie die Sätze weg, als käme danach noch etwas anderes, als täte sich doch noch irgendwann ein Abgrund auf. Aber nichts da. Ein bisschen Aschenregen ist alles, was hier an die Hölle erinnert.

          So plätschert der Abend dahin, immer wieder unterbrochen von der schwer erträglichen, falschen Arglosigkeit zweier Luxusburschis, die ein Videotagebuch über die Ehekrise der Eltern führen, und dem Aufritt von Mavie Hörbiger als Klischee-Geliebte in Stöckelschuhen. Weder als Autor noch als Regisseur kann Stone seinem Ensemble etwas bieten, alles bleibt blass und bieder und wäre gerne wie bei Neil La Bute. Aber von ihm, der ja durchaus auch einen Hang zur handfesten Mythentransformation hat, ist Stones „Medea“ Lichtjahre entfernt. Daran kann auch die gegengeschnittene wahre Geschichte der amerikanischen Ärztin Deborah, die 1995 in Kansas ihre eigenen Kinder verbrannte, nichts ändern. Stones 2014 in Amsterdam erstmals uraufgeführte „Medea“ ist keine Fassung, denn sie fasst nichts ein. Kein bisschen vom Unvermeidlichen des Medea-Stoffes überträgt diese Produktion.

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