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„Mayerling“ in Stuttgart : Der Prinz, der ausgestopfte Vögel liebte

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Wie Kenneth MacMillan den Realismus in die märchenhafte Welt des Balletts brachte: „Maylering“ zeigt das Schicksal des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Rudolf, das noch heute Anlass zu Spekulationen gibt.

          Einen morphiumsüchtigen, alkoholabhängigen Syphilitiker zur Hauptfigur eines Balletts machen zu wollen ist ein kühner Gedanke, der mit den Gepflogenheiten der Sparte radikal bricht. Es sei denn, es handelt sich um Kronprinz Rudolf, Sohn von Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth (Sisi), dessen tragisches Schicksal bis heute Anlass zu Spekulationen gibt, vor allem der Mord an seiner Geliebten Mary Vetsera und sein anschließender Freitod.

          Als Kenneth MacMillan 1978 sein Ballett „Mayerling“ für das Londoner Royal Ballet schuf, dessen Leiter und Hauschoreograph er viele Jahre war, fiel die Resonanz darauf entsprechend gemischt aus, die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Wie spannend MacMillan den Verfall des österreichisch-ungarischen Thronfolgers erzählte, wie einfühlsam und ehrlich er die beteiligten Charaktere mit seiner stellenweise brutalen und sexualisierten Tanzsprache ergründete, wie er also Realismus in die märchenhafte Welt des Balletts brachte, das lässt sich jetzt beim Stuttgarter Ballett bewundern, das das Werk als erste deutsche Compagnie einstudiert hat und eigens eine aufwendige neue Ausstattung bei dem angesehenen Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose in Auftrag gab.

          Kurz gesagt, hat Jürgen Rose das Ballett erhellt, und zwar nicht nur mittels funkelnder Kronleuchter. Er hat die finstere Bühne von Nicholas Georgiadis ersetzt durch transparente Prospekte aus Tüll, in diversen Grauschattierungen bemalt mit den Interieurs von Sälen und Salons der Wiener Hofburg und der Ansicht des Jagdschlosses Mayerling. Entstanden sind so zarte Grisaillen aus einer verblichenen Zeit, die dem Geschehen aber nichts von seinem Schrecken nehmen. Historisch verbürgte Requisiten wie Kaiserin Elisabeths Turngestell und Kronprinz Rudolfs Sammlung präparierter Vögel verraten etwas über die Interessen der Figuren und lassen sie vielschichtiger erscheinen als in der ursprünglichen Fassung.

          Sich vorsichtig umtanzend

          Ebenso die Kostüme: Die für ihren extremen Körperkult bekannte Kaiserin empfängt ihren Sohn und ihre Hofdamen bevorzugt im schwarzen Unterkleid, mit ihrer dunkelroten Robe sticht sie aus dem Kreis der grau gekleideten Ballbesucherinnen heraus. Diese Kaiserin präsentiert sich als begehrende und begehrenswerte Frau, die, wie der Kaiser, ein Verhältnis pflegt. Ihre Beziehung zu ihrem Sohn ist weniger leidenschaftlich, seine Annäherungen weist sie zurück. Im Duett begegnen sie sich kaum von Angesicht zu Angesicht, sie wenden sich den Rücken zu und umtanzen sich vorsichtig, er um Liebe werbend, sie auf Distanz bedacht. Wie eine schwere Last liegt sie ihm auf dem Rücken.

          Großartig, wie Kenneth MacMillan alle Personen und ihre Beziehungen mit individuellen Bewegungen herausgearbeitet hat. An seiner Gattin Stephanie zerrt und biegt Rudolf herrisch herum, ihre Schwester verführt er dagegen im Pas de deux, bis sie nachgibt und sich von ihm auf Händen tragen lässt. Mit seinen koketten Geliebten Marie, Mizzi und Mary liefert er sich dagegen Duette, die vor sexuellem Begehren nur so strotzen und trotzdem nie peinlich wirken.

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