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„Mayerling“ in Stuttgart : Der Prinz, der ausgestopfte Vögel liebte

  • -Aktualisiert am
Friedemann Vogel in der Hauptrolle als Tänzer und Schauspieler.

Die Mär von der romantischen Liebe Rudolfs zu Mary Vetsera hat Kenneth MacMillan nicht weitergesponnen, er benannte es klar als Sex zwischen einem Weiberhelden und einer überspannten jungen Frau, die sich bereitwillig mit in den Tod ziehen ließ. In einer für das klassische Ballett ungewöhnlich deutlichen Art und Weise entwarf der auf tragische Außenseiter spezialisierte Choreograph vielmehr das Porträt eines wenig sympathischen Mannes, dem es zwar an elterlicher Liebe und Fürsorge gefehlt hatte, der als Erwachsener aber rücksichtslos Frauen verbrauchte und schikanierte, unbeherrscht und depressiv, drogenabhängig und wohl auch geisteskrank in Folge seiner Syphilis.

Wie Friedemann Vogel diese Rolle als Tänzer und Schauspieler genauso sprung- wie ausdrucksstark gestaltet, ist sensationell, in seinen vielen kräftezehrenden Duetten genauso wie in seinen Soli voller Verzweiflung und Schmerzen. Immer wieder hält er sich den Kopf, als drohte er zu platzen, windet sich und geht zu Boden, schüttelt seine Glieder, rappelt sich auf, bis er sich völlig ermattet den nächsten Schuss setzt. Von der anfänglichen Grandezza und Arroganz ist schon bald nichts mehr übrig, die blendende Erscheinung endet als körperliches und psychisches Wrack.

Die fehlende Entschlossenheit, sich dem Kaiser zu widersetzen und sich politisch stärker zu engagieren – seine Verbundenheit mit den aufmüpfigen, die Unabhängigkeit herbeisehnenden Ungarn wird auch im Ballett thematisiert –, und seine Bereitschaft, sich aus Langeweile und Ziellosigkeit zu zerstreuen, machen den Kronprinzen zu einer typischen Dekadenzfigur der späteren Jahrhundertwende-Literatur.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass Stuttgart „Mayerling“ erst jetzt in den Spielplan aufnimmt, denn die Verbindung von Kenneth MacMillan mit dem Haus war eng. Den späteren Leiter der dortigen Tanzsparte, John Cranko, lernte er schon in der Ballettschule kennen, sie wurden Freunde. Cranko schuf für ihn Tänzerrollen und ermutigte den Gefährten, auch zu choreographieren. Später übernahm das Stuttgarter Ballett mehrere Werke MacMillans. „Bernarda Albas Haus“ und „Das Lied von der Erde“ zu Gustavs Mahlers Liederzyklus sind sogar in Stuttgart entstanden.

„Mayerling“ fügt sich bestens in die Geschichte der Compagnie ein, und geradezu rührend ist es, jetzt noch einmal Marcia Haydée und Egon Madsen, die großen Stars aus der Zeit des Stuttgarter Ballettwunders, auf der Bühne zu sehen. Neben Crankos Werken gehört „Mayerling“ ohne Frage zu den gelungensten Handlungsballetten des zwanzigsten Jahrhunderts, voller herrlicher Rollen, die Elisa Badenes (Mary Vetsera), Alicia Amatriain (Marie Gräfin Larisch), Adhonay Soares da Silva (Fiaker Bratfisch) und Anna Osadcenko (Mätresse Mizzi), um nur einige zu nennen, tänzerisch und mimisch eindrucksvoll verkörpern.

Nicht zu vergessen die anspruchsvolle Musik mit ihren nuancierten Stimmungslagen, für die John Lanchberry einst Werke von Franz Liszt arrangiert und orchestriert hat, und die das Staatsorchester Stuttgart unter Mihkail Agrest nuanciert und lebendig interpretierte. Ein großer Abend für das Stuttgarter Ballett.

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