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Sänger Max Emanuel Cencic : Ein Krieger, der die Herzen rührt

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Der österreichische Opernsänger Max Emanuel Cencic initiierte die Aufnahme des Albums sowie der Opern-Einspielung. Bild: Anna Hoffmann

Mehr als ein Gesangslehrer des Barocks: Der Countertenor Max Emanuel Cencic fördert die Brillanz des Komponisten Nicola Porpora mit der Oper „Germanico in Germania“ zutage.

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          Echte Virtuosität sei „nicht ein Auswuchs, sondern ein notwendiges Element der Musik“, hielt Franz Liszt jenen Kritikern entgegen, die in klaviertechnischer Akrobatik nur seelenloses Geklimper und zirkusmäßige, dem poetischen Wesen der Tonkunst fremde Effekthascherei sahen. Er musste es wissen, war er doch nicht nur einer der begnadetsten Tastenlöwen des neunzehnten Jahrhunderts, sondern auch ein genialer Komponist. Was damals vor allem für die Entwicklung der Pianistik und der Geigentechnik galt, traf im achtzehnten Jahrhundert ganz ähnlich für die Gesangskunst zu.

          Die Stars des spätbarocken Musikbetriebs waren Stimmbandartisten, die mit halsbrecherischen Koloraturen, spektakulären Intervallsprüngen und Trillern, phantasievoll improvisierten Fiorituren und Kadenzen, aber auch mit ausgefeilter Atemtechnik und absoluter Kontrolle über Dynamik sämtlichen Emotionen vokal packend Ausdruck verleihen konnten. Berühmte Primadonnen wie Faustina Bordoni oder Francesca Cuzzoni, besonders aber legendäre Kastraten wie Farinelli, Senesino oder Caffarelli rissen ihr Publikum zu hysterischen Begeisterungsstürmen hin.

          Einer der gesuchtesten Gesangslehrer jener Zeit war Nicola Porpora. Aus seiner strengen Schule gingen die Kastraten Gaetano Majorano und Carlo Broschi hervor, die unter ihren Künstlernamen Caffarelli und Farinelli europaweit gefeiert wurden. Die Anekdote, Porpora habe Caffarelli im Unterricht sechs Jahre lang mit Stimmübungen gequält, die auf einem einzigen Blatt notiert waren, ist sicher übertrieben. Fraglos jedoch wurde damals die hohe Kunst vokaler Virtuosität in Verbindung mit musikdramatischer Expression auf ein vorher nicht vorstellbares und seither nie wieder erreichtes Niveau geführt.

          Überrumpelung der Hörerschaft durch geläufige Gurgeln

          Wie Liszt war Porpora auch ein bedeutender Tonsetzer. Mit seinen Opern zielte er keineswegs nur auf Überrumpelung der Hörerschaft durch geläufige Gurgeln, sondern nicht minder auf Rührung der Herzen. Seinen Schülern vermittelte er dazu auch musiktheoretische Kenntnisse. Geboren wurde er 1686 in Neapel und war somit ein Jahr jünger als Georg Friedrich Händel, dem er später in London als Opernkomponist und Impresario Konkurrenz machte. Gegen Ende seines Lebens gewährte er in Wien dem jungen Joseph Haydn, den er als Kammerdiener und musikalischen Assistenten angeheuert hatte, Unterricht und freies Wohnen. Vor zweihundertfünfzig Jahren starb er in seiner Heimatstadt.

          Obwohl Porpora mit seinen rund fünfzig Opern ein halbes Jahrhundert lang international erfolgreich war, geriet er nach seinem Tod schnell in Vergessenheit. Dubiose Wertungen von Nachgeborenen, die seine Musik nie gehört hatten, wurden dann unbesehen als lexikalisches „Wissen“ verbreitet. Zum Jubiläumsjahr sind nun auf Betreiben des österreichischen Countertenors Max Emanuel Cencic gleich zwei Porpora-Einspielungen erschienen, an denen der Sänger selbst mitgewirkt hat. Neben einem Arienalbum mit dem fabelhaften Ensemble Armonia Atenea unter der Leitung von George Petrou liegt auch die erste Gesamteinspielung der Oper „Germanico in Germania“ vor.

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