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Podcast über Bach : Hinter dem Horizont hört man weiter

  • -Aktualisiert am

Ins Gesicht geschrieben: Der Komponist trägt seine Kantate „Mein Herze schwimmt im Blut“ als Mundschutz. Bild: dpa

Kein Fachjargon, sondern lebensnahe Zugriffe: In einem Podcast erklären Michael Maul und Bernhard Schrammek sämtliche Bachkantaten kenntnisreich und richtungsweisend.

          2 Min.

          „Ich habe genug“: Johann Sebastian Bachs Kantatentitel (BWV 82) ist derzeit auch ohne Musik auf dem Weg zur Sentenz des Jahres. Im überlieferten Autograph steht sogar noch ein Buchstabe mehr – „Ich habe genung“. Manche werden gelegentlich über den Hintergrund dieser heutzutage etwas ulkig wirkenden Lautverbiegung und die Möglichkeit der Modernisierung nachgesonnen haben. Für den Leipziger Bachfest-Intendanten Michael Maul gehören solche Fragen zum täglichen Geschäft. Wie er sie im konkreten Fall mit einem kleinen Exkurs von Luthers „gnung“ über Goethe, der es drei Generationen nach Bach immer noch als Reimwort auf „jung“ verwendet, bis in die Jetztzeit beantwortet, kann man in einem MDR-Podcast nachhören, der sozusagen das verfestigte Sediment von Dialogen darstellt, mit denen Maul und sein Gesprächspartner Bernhard Schrammek das allsonntägliche Bachkantaten-Abspiel des Senders einleiten.

          Während vergleichbare Formate aus anderen Radioprogrammen verschwunden sind und demnächst auch SWR 2 seinen festen Sendeplatz für geistliche Musik einem Krimihörspiel opfern will, gibt es sie im mitteldeutschen Bachland sogar, zeitversetzt, auf zwei Wellen – bei „MDR Kultur“ sowie, digital empfangbar, über „MDR Klassik“. „Maul und Schrammek“ – so auch der Podcast-Titel – sorgen dabei mit ihren Einführungen für Horizonterweiterungen über das bloße Hören hinaus und stehen auch bei der Auswahl der dann folgenden Interpretationen beratend zur Seite. Das Projekt umfasst mittlerweile knapp dreißig Folgen und verspricht bei rund zweihundert einschlägigen Werken ein langes Mit- und Nachleben.

          „Wie Lametta am Weihnachtsbaum“

          Beide Akteure sind Musikwissenschaftler, Bach-versessen ohnehin, dazu aber auch autochthone Leipziger, was den per Du und mit sanfter sächsischer Anlautung geführten Dialogen eine anheimelnde Bodenständigkeit verleiht. Dabei sind sie straff organisiert, gelassen wandelnd auf dem Grat zwischen exakter Faktenvermittlung und deren lockerer Präsentation am Mikrofon: keine musikterminologischen Überflutungen, sondern lebensnahe Zugriffe, die sich den Stücken bei aller Begeisterung nicht in gebückter Andachtshaltung nähern, sondern sie selbst noch in ihren Abgründen von Verzweiflung, Tod und Vernichtungsangst auf die Augenhöhe freundschaftlicher Vertrautheit holen. Die herrscht unüberhörbar auch zwischen den beiden Partnern, wobei Schrammek, seinerseits ein erfahrener Autor und Dozent, vielleicht öfter aus seiner bislang eher anregend-richtungweisenden Stichwortgeber-Rolle heraustreten könnte in Richtung eines offenen, gelegentlich vielleicht sogar streitbaren Disputs: Das Hörvergnügen am Gedankenaustausch mit seinem Gegenüber würde noch aktiviert.

          Aber auch jetzt schon machen prägnante Sprachbilder Klangliches greifbar, wenn im Eingangschor der Kantate „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ BWV 1 die Violin-Verzierungen über der Choralmelodie funkeln „wie Lametta am Weihnachtsbaum“. Und wenn Maul den Text der Kantate „Mein Herze schwimmt im Blut“ (BWV 199) zwar als „metapherntriefend“ qualifiziert, in ihm aber dennoch außergewöhnliche emotionale Qualitäten findet und dafür in der Verbundenheit des Librettisten Georg Christian Lehms zur Opera seria wie in dessen Gesundheitszustand (er starb jung an Tuberkulose) auch plausible Erklärungen findet, dann ist das ein Beispiel für jene Dialektik von Einfühlung und wissenschaftlicher Distanz wie zwischen historischem Denken und gegenwärtiger Nutzanwendung, wie man ihr in den knapp viertelstündigen Beiträgen immer wieder begegnet.

          Dabei stehen Bachs geniale Textdeutungen und ihr theologisches Hinterland immer im Zentrum; doch um sie spinnt sich – gelegentlich mit ganz neuen, noch nicht publizierten Erkenntnissen angereichert – ein Geflecht von Informationen über Librettisten, Sänger, Aufführungsbedingungen und Nachwirkungen, aus denen wie nebenbei eine Skizze des kulturellen und sozialen Lebens nach 1700 entsteht. Angesichts jener Radiokultur-Erosion, die während der letzten Monate mehrfach kritisch beleuchtet wurde, zeigt sich hier, dass auch komplexe Sachverhalte – gerade auf dem ganz radio-eigenen Feld der Musikvermittlung – eingängig dargestellt werden können. Man muss nur die richtigen Leute suchen – und vor allem muss man es wollen.

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