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„Boris Godunow“ in Genf : Packend, ganz ohne politische Lektionen

Der Zar und sein Söhnchen: Michail Petrenko (Boris Godunow, links) und Marina Viotti (Fjodor). Bild: GTG / Carole Parodi

Matthias Hartmann hat in Genf die Urfassung von Modest Mussorgskis Oper „Boris Godunow“ inszeniert und jede allzu platte Aktualisierung vermieden. Dank dieser Klugheit gelingt auch musikalisch Großes.

          Auf der Bühne stirbt der Zar, geht an seinen Schuldgefühlen zugrunde. Ein letztes Mal bäumt er sich auf. Hasserfüllt und voller Rache werfen Frauen im Pelzmantel und Männer mit Sonnenbrillen die Blumen und die Erde, die auf einer Schubkarre herbeigebracht wurde, auf den frisch verstorbenen Herrscher. Der Chor ist verstummt, das Orchester spielt die letzten Takte seiner Partitur. Der Vorhang fällt, ein gewaltiger Applaus hebt an. Genfs Opernpublikum reagiert begeistert auf Matthias Hartmanns „Boris Godunow“, es ist eine intensive Inszenierung nach seinem Geschmack; üppig und schnörkellos. Der Beifall gilt dem Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Paolo Arrivabeni und dem Chor, dem Bühnenbild von Volker Hintermeier und Daniel Wollenzin, den Kostümen von Malte Lübben und – frenetisch – Michail Petrenko in der Rolle des Boris.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Es ist die letzte Eigeninszenierung des Grand Théâtre in seinem Provisorium in der Nähe der Vereinten Nationen. Das ab- und aufbaubare Gebäude diente bereits der Comédie Française während der Renovationsarbeiten als Spielstätte, die Akustik ist hervorragend. Gegeben wird die Urfassung von „Boris Godunow“, deren Aufführung Modest Mussorgski nie erlebte. Sie wurde verworfen, weil sie keine große Frauenrolle enthält, keine Romanze, kein Ballett. Vielleicht auch, weil sie hochpolitisch ist. Sie handelt von der Macht, ihrer Eroberung und ihrem Verlust. Boris Godunow konnte nur Zar werden, weil der Zarewitsch Dmitri im Alter von sieben Jahren ermordet worden war. Dessen lange Schatten und ein neuer Usurpator bedrohen auch Godunows Herrschaft. Doch er stirbt nicht als Opfer politischer Gewalt, sondern unter der Last seines Gewissens und der Wahrheit, die dank dem Mönch und Chronisten Pimen bekannt wird.

          Atemlos folgt man der Handlung

          In populistischen Zeiten wie den unseren, mit Wladimir Putin im Kreml ist die Versuchung groß, Mussorgskis Oper nach dem Drama von Alexander Puschkin als engagiertes Lehrstück über die Beziehungen zwischen Tyrann und Volk zu inszenieren. Obwohl das Grand Théâtre einen „politischen Thriller“ ankündigt, hat Matthias Hartmann diese Gefahr souverän umschifft. Der ehemalige Direktor des Burgtheaters in Wien und des Schauspielhauses Zürich hat in Genf bereits Beethovens „Fidelio“ und „La Bohème“ von Puccini auf die Bühne gebracht.

          Wenn man in einem Krimi den Verbrecher von Anfang an kennt, geht es für den Autor darum, die Tat als logische Folge einer Handlung zu begründen, aus der es keinen Ausweg gab. Denn die Frage nach der Identität des Täters ist beantwortet, bestraft wird er von der Gesellschaft. Matthias Hartmann macht das mit seinem Genfer „Boris Godunow“ gar nicht viel anders. Die Urfassung der Oper ist um mehr als eine Stunde kürzer als die üblicherweise gespielte Version, sie ist ärmer an Handlung, Anekdoten und Ausschmückungen. Aber sie ist auch sehr literarisch, von einer Dichte und einem Reichtum, die es dem Regisseur erlauben, aus dem Vollen zu schöpfen. Text und Musik sind gegeben – Klassiker unserer Kultur. Hartmann setzt sie in Bilder und Bewegungen um, die Boris’ Schuld und innere Kämpfe sichtbar machen – und die Sühne unausweichlich.

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