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Unterirdischer Theaterabend : Ist das nicht Missbrauch?

Hätte er sich nicht so einer dämlichen Regie verweigern können? Tim Werths als Pasolini in der Münchner Inszenierung von „Eine göttliche Komödie“ Bild: Thomas Aurin

Die letzte große Premiere unter der Intendanz von Martin Kušej am Münchner Residenztheater lässt einen mit der Frage zurück: Schaut hier eigentlich noch jemand hin?

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          Theater, A-Premiere im großen Haus, Münchner Residenz, knapp neunhundert Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen um 19.30 Uhr pünktlich auf ihren Klappsesseln. Fast neunhundert. Ein Pasolini-Dante-Abend ist angekündigt, kein Stück, sondern eine Stückentwicklung entlang des bis heute nicht aufgeklärten Mordes am Dichter und Filmregisseur. Dauer der Vorstellung: zwei Stunden ohne Pause. Ein italienischer Autor, ein italienisches Regieteam, die letzte große Premiere unter Intendant Martin Kušej, der im Sommer ans Wiener Burgtheater wechselt – gewissermaßen also sein Abschiedsgruß an die Münchner.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Vorhang geht hoch, sechs Schauspieler in Jeans und Lederjacke treten auf, einer von ihnen legt sich vor seinen Alfa Romeo und wird von den anderen in immer neuen Varianten verprügelt – eine halbe Stunde lang Stuntmen-Show. Dann springt ein Vergil-Imitator aufs Verdeck und krächzt wie ein Rabe, dann rappt einer röchelnd über den Höllenbewohner Filippo Argenti, dann fährt von links eine Telefonzelle herein, und die jungen Männer ziehen sich ihre weißen Unterhosen herunter und hüpfen, kreischen und bumsen im Stroboskoplicht, am Ende wird Pier Paolo dann an seinem Geschlechtsteil durch die Arena gezogen. Wozu das beschreiben? Wozu das kritisieren? Einen Abend, der offensichtlich weder etwas zu erzählen noch zu zeigen hat. Bei dem jedes Bild vor Kitsch trieft, jede Geste nichtssagend pseudo, jedes gesprochene Wort ganz und gar wertlos ist. Bei dem die Körper der Schauspieler wie Dreck behandelt werden, zum Anschauungsobjekt degradiert, vorgeführt wie billige Ware. Warum darüber schreiben und nicht stillschweigend darüber hinweggehen, Augen zu und durch?

          Wer ist dafür verantwortlich?

          Weil man der sogenannten Kulturöffentlichkeit klipp und klar machen sollte, was da Unterirdisches an einem ihrer größten und prestigereichsten Theaterhäuser geschieht. Was einfach so über die Bühne geht, ohne dass irgendeine oder irgendeiner sich dem in den Weg stellt. Es geht nicht um Nazis, schwarze Hautfarbe oder Frauenkörper – also können wir das so durchgehen lassen. Ist das inzwischen die Reflexionseinstellung bei Intendanz und Dramaturgie an einem so zentralen Theater wie dem Resi? Denn nicht an Regisseur und Autor, sondern an diese hauseigenen Stellen muss man die Anzeige als Erstes richten: Sie sind verantwortlich für das, was auf ihrer Bühne gezeigt wird.

          Pflichtvergessen? Martin Kusej - noch Intendant am Münchener Residenztheater

          Ein Intendant hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, jede Inszenierung vor der Premiere zu prüfen und zu entscheiden, ob er sie seinem Publikum im großen Haus (nicht auf der Studiobühne!) präsentieren will. Besonders dann, wenn er ein so mächtiger Mann ist wie Kušej, der als zukünftiger Burg-Direktor sicher keine Angst davor haben muss, ihm könne das nächste Mal jemand beleidigt absagen, weil er ein kritisches Wort geäußert hat. Und die Dramaturgie ist ja theoretisch das intellektuelle Kraftzentrum jedes Theaters, hier wird das Spielzeitprogramm inhaltlich bestimmt. Sie müsste einschreiten, wenn so gedanken- und aggressiv inhaltslos inszeniert wird wie hier. Nicht zuletzt auch, um das Ansehen der Schauspieler zu schützen, denn sie sind es, die sich am Ende ausbuhen lassen müssen, wie es hier im Lauf der Vorstellung mehrmals geschieht. Wenn alle anderen Kontrollinstanzen versagen, dann müsste sich in letzter Konsequenz allerdings auch ebenjenes Ensemble zusammenschließen und sich der rufschädigenden Demütigung, die ein Spiel unter so einer skandalös dämlichen Regie für sie bedeutet, verweigern.

          Sechs Vorstellungen sind noch bis zum Ende der Spielzeit angesetzt (die Frage nach der finanziellen Verhältnismäßigkeit einer solchen Produktion bleibt besser außen vor). Dass die Schauspieler schon in der dritten Vorstellung vor halbleerem Haus spielen werden, ist durchaus anzunehmen. Ist das nicht Missbrauch? Missbrauch der Schauspieler, Missbrauch der Zuschauerinnen und Zuschauer, Missbrauch Pasolinis, Dantes, Missbrauch des Ortes, der wertvollen Institution Bühne. Was gäbe es hier heute nicht Wesentliches zu verhandeln, was an wichtigen Gefühlsstoffen und politischen Spiegelgeschichten zu erzählen. Man darf nicht einfach drüber hinweggehen, man muss sich verletzt zeigen, beleidigt, wenn nicht gar – um das mächtigste Bannwort der Stunde aufzurufen – „diskriminiert“ von diesem aggressiv anti-ästhetischen Aufstoßen eines selbstzufriedenen Regie-Anything-goes. Denn das, was durch so eine Inszenierung als Ganzes auf dem Spiel steht, ist viel zu wichtig, viel zu schön und zu ernst, um einem, der sich anschickt, der mächtigste europäische Theatermann zu werden, so einen Abschiedsabend einfach müde abwinkend durchgehen zu lassen.

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