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Salzburger Festspiele : Wären da nicht die Nackerpatzln gewesen

  • -Aktualisiert am

Nicht nur wir leben in sehr interessanten Zeiten: Bibiana Beglau als Elisabeth, Königin von England, in der „Maria Stuart"-Inszenierung von Martin Kušej. Bild: dpa

Revue der nackten Männer: Bei den Salzburger Festspielen zeigt Martin Kušej eine einfallsarme Inszenierung von Schillers „Maria Stuart“.

          3 Min.

          Die Premiere von Schillers „Maria Stuart“ bei den Salzburger Festspielen als Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, in Szene gesetzt von dessen Direktor, Martin Kušej, war bereits für das Vorjahr geplant und musste wegen der Pandemie auf dieses Jahr verschoben werden. Also reist man eben heuer zur Perner-Insel nach Hallein, wo die erste Aufführung der „Neuinszenierung“, wie das Programmheft beinahe schamhaft vermeldet, stattfand. Nun, wer sich allzu viel „Neues“ erwartet haben sollte, könnte ein bisschen enttäuscht werden. Annette Murschetz – seit Langem und immer wieder arbeitet sie mit Kušej zusammen – hat ein äußerst spärliches Bühnenbild kreiert: der Boden befüllt mit graublauem Sand, die Wände wohl dreieckige Drehelemente, die je nach Szene zu einer weißen, beigen, hellblauen oder spiegelnden Rundumwandung gemacht werden. Darüber noch eine Reihe erstaunlich-erfreulich dezenter rechteckiger Scheinwerfer. Irgendwann bleiben noch rötliche Leine und Halsband, an welche die abgesetzte schottische Königin in Gestalt von Birgit Minichmayr gekettet war, einfach am Boden liegen. Das war’s dann auch schon mit Bühnengestaltung. Voilà, viel Platz fürs Schauspiel!

          Die letzten Tage im Leben von Maria Stuart hat Schiller bekanntlich extrem in einem schier endlosen Hin und Her aus Gesprächen, Streitereien, Kabalen und wenig Liebe verdichtet. Wozu der historischen Elisabeth I. von England und ihrer französisch-katholisch geprägten Rivalin beinahe achtzehn Jahre Zeit blieben, nämlich ihren Hass gegeneinander zu pflegen, sieht man hier in fünf Aufzügen, konkreter gesagt, in ziemlich genau zwei Stunden und vierzig Minuten. Ob bei der Übernahme im Burgtheater dann bereits mit Pause gespielt werden darf, was in Salzburg wegen der Anti-Corona-Maßnahmen – nach wie vor auch Maskentragepflicht fürs Publikum! – nicht erlaubt ist, steht noch in den Sternen.

          Begegnung der Königinnen

          Elisabeth, verkörpert von der muskulös-sehnigen – man darf das stets bestaunen, wenn sie gezwungen ist, sich ihres Oberteiles (Kostüme: Heide Kastler) zu entledigen – Bibiana Beglau, kann sich nie sicher sein, wer nun ihr zugehört oder für die Stuart intrigiert, vielleicht ihre Ermordung plant. Zuckt gar der Mörderdolch schon in Mortimers Hand? Franz Pätzold muss diesen das bitter bereuen lassen, den Dolch wird er sich selbst in die Kehle rammen, bevor er seinen Mortimer dem Widersacher Baron von Burleigh zur grausamen Folter und anschließender Hinrichtung ausliefern soll. Diesen Burleigh legt Norman Hacker wunderbar verschlagen, boshaft und entwaffnend ehrlich zugleich an. Ja, er steht zu Elisabeth, eigentlich eher gegen die Stuart-Erbin, halb aus dem Hause de Guise, denn er als überzeugter Antipapist hat, wie übrigens auch seine Königin, noch das Massaker der Bartholomäusnacht grauenvoll im Gedächtnis. Außerdem, so ist er sich gewiss und lässt das alle, ob Freund, ob Feind, wissen, weiß er eh alles besser.

          Alles strebt in diesem Trauerspiel auf eine historisch nicht nur nicht bekannte, sondern tatsächlich wohl nicht stattgefunden habende persönliche Begegnung der beiden Königinnen zu. Das wohl entscheidende Gespräch von Angesicht zu Angesicht – ihm widmete nicht nur der Dichter, nein, ihm lässt auch Regisseur Kušej viel Raum. Die Minichmayr wirft sich in den Sand, die Beglau zeigt ihr mal die kalte Schulter, mal bemitleidet sie sie, vortrefflich und ausführlich in Schillers kaum, ja, gar nicht gekürzten Worten, spielen die beiden mit-, nein, eher gegeneinander und doch nie aneinander vorbei.

          Die wahre Bedeutung bleibt rätselhaft

          Es wirkt, wie fast am ganzen langen Abend, dass Kušejs Zutat bloß die nun leider zu einem – seinem – Markenzeichen gewordenen, scheinbar bedeutungsschwangeren, in Wahrheit jedoch manchmal einem klitzekleinen Umbau dienenden, meist jedoch einfach pathetisch anmutenden Schwarzblenden nach gefühlt jeder Szene sind. Braucht man dafür wirklich noch einen Spielleiter?

          Wären da nicht die Nackerpatzln! Ganz zu Beginn, damit auch niemand, nicht einmal in den Ranglogen, vergisst, dass wir in interessanten Zeiten leben, stehen die dreißig Herren mit Atemmasken vor dem Mund und Sauerstoffflaschen in der Hand, laut atmend, einfach in der Szene herum. Danach, nach einer Schwarzblende, sind Masken und Röhren weggeräumt, bilden die Männer, fast immer zu fünft, mal zu sechst gruppiert, in beinahe jeder Szene eine Menge mit wenig Bedeutung. Mag sein, dass sich mal einer der Haupt- oder auch Nebencharaktere in der Masse versteckt, um heimlich zu lauschen, mag sein, dass die nackten Männer für wenige Momente graue Mäntel überstreifen, um vielleicht das „gesunde Volksempfinden“ zu repräsentieren. Ihre wahre Bedeutung für das Stück bleibt den ganzen Abend rätselhaft. Das einzige Rätsel freilich dieser ansonsten doch sehr einfallsarmen, hochwohlanständigen, um nicht zu sagen: vorhersehbaren Inszenierung.

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