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Marthalers „Riesenbutzbach“ in Wien : Geld allein macht nicht unglücklich

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Eine Hof- und Garagenwelt, von Wirtschaftsopfern bevölkert: Szene aus Marthalers „Riesenbutzbach” Bild: Dorothea Wimmer

Seit Thomas Bernhards „Theatermacher“ steht Butzbach auf der Bühne für Ausweglosigkeit. Jetzt hat Christoph Marthaler Europas Krisenbürger zu Stars in „Riesenbutzbach“ gemacht, uraufgeführt in Wien: Sie haben alles verloren. Vor allem sich selbst.

          Die Stadt Butzbach liegt in Hessen, am Übergang des Taunus zur Wetterau. Sie ist berühmt für ihren schönen Marktplatz aus Fachwerkhäusern und für ihr Gefängnis. Wer einmal drin ist, kommt schwer wieder raus, was für die Stadt wie fürs Gefängnis gilt. Als der österreichische Dramatiker Thomas Bernhard einmal an diesem Gemeinwesen vorbeifuhr und den Namen „Butzbach“ las, kam ihm dieser so lachkrampfhaft komisch vor, dass er in einer seiner Weltvernichtungskomödien, nämlich dem „Theatermacher“ von 1985, den Schauspieldirektor Bruscon in der Stadt „Utzbach wie Butzbach“ stranden und scheitern lässt, der dort sein Stück vom „Rad der Geschichte“ in einem verkommenen Wirtssaal naturgemäß nie zur Aufführung bringen kann, weil sowohl das Rad der Geschichte längst zum Stillstand als auch ihm dauernd etwas dazwischengekommen ist. Seither gilt „Butzbach“ auch in Theaterkreisen, die noch nie in der Wetterau waren, als Synonym für Ausweglosigkeit.

          In einer Halle der Rosenhügel-Studios in der Wiener Filmstadt gibt man jetzt zu Beginn der Festwochen eine Uraufführung des Theatermachers Christoph Marthaler mit dem Titel „Riesenbutzbach“. Rein sprachrechnerisch wäre das Ausweglosigkeit hoch zwei. Aufgebaut sind drei Autogaragen. Eine links, eine rechts, eine hinten. Zwischen den Garagen eine Art Fabrikinnenhof, der mittels einer grauen Sonnenblumenmustertapete an den Wänden, auch mittels der alten verschossenen Schreibtische, Schränkchen und Beistelltischchen und eines Futonbettes als Wohn- und Schlafzimmer durchgehen kann, in das Licht durch eine Decke aus Glasbausteinen fällt. Hinten links eine Sparkassentheke, an der es kein Geld mehr gibt. Rechts davon ein gläserner Büroverschlag. Über der Garage rechts vorne hoch oben ein Balkon, der in kein Zimmer mehr, nur noch ins schwarze Leere führt. Über der Stirnfront dieser Außenwelt der Innenwelt steht in Beton gegossen: „Institut für Gärungsgewerbe“.

          Das Warten ist zu Ende. Die Vergangenheit ist weg. Die Zukunft auch

          Die Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat hier eine Riesenpointe gebaut: In diesem Innenhof- und Innenweltbürgerbottich gärt natürlich nichts mehr. Es treten schon lauter Durchgegorene, längst Abgeschöpfte (Erschöpfte), Abgelagerte (Abgelegte) auf. Christoph Marthaler ließ früher seine üblich-seltsamen, schlaghosig, grellpullundrig und hochtoupiert kostümierten Figuren einen Tanztee für Führungskräfte („Spezialisten“, 1999) oder Liebesliederkatastrophen („Die schöne Müllerin“, 2002) oder eine „Ersatzpassion“ (2004) oder die sogenannte Vernichtung unwerten Lebens „Schutz vor der Zukunft“, 2005) oder den Freihandelsverkauf von Organen („Platz Mangel“, 2008) oder die Strategien von firmenverschleudernden Kapitalisten („Grounding, 2000) durchalbträumen, durchsingen, durchturnen. Und schloss sie in verwunschene Innenräume, in denen sie so taten, als könnten sie noch was tun: die Zukunft verhindern, die Vergangenheit restaurieren, Liebe lügen, Romantik spielen, sich mit wunderbarer Musik über Abgründen vertrösten. Ihr Zeit-Raum war der Wartesaal zwischen nicht mehr und nie mehr.

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