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Marlowes Edward II. in München : Reichsgründung im Schattenraum

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Schau mal, Shakespeare: So magentapink war Christopher Marlowe selten. Bild: dpa

Thron und Badewanne: Christopher Marlowes „Edward II.“ weiht den Neubau des Münchner Volkstheaters mit einem Königsdrama des Shakespeare-Rivalen ein.

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          Er war der Erste, aber blieb der Zweite. Als Christopher Marlowe am 30. Mai 1593 in einer Londoner Spelunke ein Dolch überm Auge in den Kopf gestoßen wurde, hinterließ er der elisabethanischen Nachwelt zwar bereits ein üp­piges, populäres, in mancher Hinsicht revolutionäres Werk.

          Der revoltierende Dreißigjährige, dessen geistliches Studium sich ins der Blasphemie angeklagte Gegenteil verkehrt hatte, verpasste aber, wie sein größter Rivale, William Shakespeare, die dramatische Revolution in den folgenden 23 Jahren vollendet übertrumpfen würde. Dass der Mord nur Trug und der eine der andere gewesen sei, meinen manche; wahrscheinlich ist es nicht.

          Für das Münchner Volkstheater war Shakespeares „Macbeth“ am 20. Juni der Letzte, der durch die zur Bühne um­gebaute Siebzigerjahre-Turnhalle in der Maxvorstadt geisterte. Am ver­gange­nen Freitag aber war Marlowe der Erste im spektakulären Ziegelsteinneubau des Schlachthofviertels. Hausherr Christian Stückl selbst eröffnete das 131-Mil­lionen-Euro-Theater mit dessen Königsdrama „Edward II.“ (1591/92). Diese Inszenierung könne als Ansage gelesen werden: aufzufallen, anzuecken, Mensch­lichkeit sprechen und Persönlichkeit wirken zu lassen. Dabei im durchweg jungen Ensemble und unter frischer Regie die Lust am Spiel wach und die Gegenwart in Schach zu halten.

          Kein Volkstheater im heimatkundlichen Sinn

          Ein Volkstheater im heimatkund­lichen Sinn ist dieses seit Stückl ja längst nicht mehr gewesen. Und doch steht da auf einmal der bayerische Märchen-„Kini“ in ganzer Lockenpracht auf der größten der drei neuen Bühnen. Edward II. ist Ludwig II. – weich, me­lancholisch, regierungsunfähig. Jan Meeno Jürgens spielt ein Klischee, dessen Generalsuniform in Magentapink getaucht ist. Allein, in dieser Inszenierung ist diese Färbung bei Hofe Usus.

          Während die neue Drehbühne über die von Marlowe subtil eingefangenen 23 Jahre des Edward’schen Lebens hinweggleitet, umspinnt Kostüm- und Bühnenbildner Stefan Hageneier das von 28 Sprechrollen auf neun grotesk ge­schminkte Individuen reduzierte Figurenpersonal mit einem grellen Netz aus Raum-, Licht-, vor allem aber auch vierhundert Jahre überspannenden textilen Fäden: Der verlogene Teufel in Stückls Inszenierung, Pascal Fliggs Erzbischof von Canterbury, wird mit Halskrause Marlowes Zeit gerecht, desgleichen Kö­nigin Isabella, auch in den bi­zarr verzerrten Ohnmachtsgesten von Liv Stapelfeldt. Graf Mortimer, der es auf Thron und Frau abgesehen hat, erinnert unter Silas Breidings sieges­sicher süffisantem Lächeln an einen hö­heren Offizier der Bundeswehr. Lorenz Hochhuth als Edwards bemüht besonnener Bruder Edmund steckt bucklig im Smoking, während Janek Maudrichs Understatement-It-Graf Lancaster Ge­genwart durchscheinen lässt, ebenso Julian Gutmann als staubsaugender Die­ner Spencer im engen Blouson. Der kleine Thronfolger schließlich ist Ed­wards Abbild – bis er beherzt die Krone auf den Kopf sich stülpt, um den kindlichen Zeigefinger zur Vergeltung auszustrecken.

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          Sie alle agieren, reagieren, regieren in einem leeren Kabinett aus schwarzen Rahmen, einem Un-Ort auf einer überkommen um sich selbst kreisenden Theaterwelt, deren Bühne eine Scheibe mit zwei Polen ist: Thron und Badewanne, das Öffentliche und das (vermeintlich) Private. Einprägsam, wie auch die Tiefe des beachtlichen Raums dahinter aus­gespielt wird. Ein jeder baut sich in dem durchsichtigen Schattenkäfig nach eigenen Regeln ein eigenes Reich. Doch geht es um Verantwortung, blafft man den an seinem Status buchstäblich fast erstickenden Gekrönten an: „Lern du uns bes­ser lenken!“ Denn durch einen fühlen sich alle gestört: Gaveston, den Eindringling, den Günstling, mit dem Edward den Schaum in seiner Badewanne teilt. Alexandros Koutsoulis verkörpert den „verführerischen Franzosen“ im strahlend blonden Gaultier-Look, vor der Verbannung ein Mann, nach der Rückkehr, assimiliert in Tüllrock und Streifenkorsage, eine Frau. Queen oder Dragqueen, Berufung oder Leidenschaft? Der im Angesicht der Todesstrafe für seine Liebe würgende King, der zu den einsamen E-Gitarren der Notwist-Brüder seine Krone am letzten Zipfel einer Spitze von sich hält und doch von ihr als Accessoire nicht lassen mag, muss sich entscheiden.

          Lose folgt Stückl der Prosaübersetzung Alfred Walter Heymels, deren reizvoller Witz, anders als beim wortspielgewandten Shakespeare, im Überraschungseffekt einer knappen, schonungslosen Offenheit liegt. Die zahl­reichen mythologischen Vergleiche wirken da hingegen wie ein allzu texttreuer Kompromiss – niemand im Publikum weiß sie mehr zu dechiffrieren.

          Eindeutig heutiger der Schlachtplan für die Uraufführung am nächsten Tag: von der Kuh bis zur Ziege eine Doku-Demo der Tiere. Denn in „Unser Fleisch, unser Blut“ wird die unmittelbare dominante Nachbarschaft des neuen Theaters verhandelt: der Münchner Schlachthof. Zusammen mit Jakob Immervoll, Mara Widmann, Jonathan Müller, Anne Stein, Maral Keshavarz und dem Live-Musiker Joe Masi befragt Jessica Glause einen Metzger, eine Tierärztin, einen Koch, zwei Bäuerinnen und letzthin auch das Publikum, lässt dabei keinen Aspekt aus.

          Das neue Theater leistet seinen Teil: Der technische Effekt, den Mai Gogishvili mit den Hubpodien des zweiten va­riablen Bühnenraums feiert, setzt ei­nen massiv bedrohlichen Gegenpunkt zur Glause-typischen, bonbonbunt tiefironischen und bis zur Überdrehung verspielten neunzigminütigen Show zwischen unschuldig Tierischem und barbarisch Menschlichem. Der erstmals wieder un­maskierte Applaus für beide so verschiedene Abende war herzlich. Noch lauter allerdings klang der regelrecht aufbrandende Jubel für den Initiator und Intendanten des neuen Münchner Wundertheaters.

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