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Operndebüt von Markus Lüpertz : Drama in Pinselstrichen

  • -Aktualisiert am

Klingt wie gemalt: Lüpertz’ Künstler-Bohème fehlt es nicht an der Farbe, sondern am Geld. Bild: dpa

Mit „La Bohème“ feiert Markus Lüpertz am Meininger Staatstheater sein Debüt als Opernregisseur. Puccinis Werk wird in Thüringens traditionsreichem Vorzeigehaus zu Malerei mit anderen Mitteln.

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          Was entsteht, wenn ein bildender Künstler, hier der achtzig Jahre alte Markus Lüpertz, sich nicht nur als Kostüm- und Bühnenausstatter, sondern auch, ach, als Opernregisseur verdingt? Eine sehr kurzweilige Art Lange Museumsnacht! Oper wie gemalt: Bei der darstellenden Gesamtverantwortung für Giacomo Puccinis 1895 in Turin uraufgeführter „La Bohème – Oper in vier Bildern“ am Staatstheater Meiningen wohnten allerdings keineswegs zwei Seelen in Lüpertz’ Brust. Der sich als letztes Genie stilisierende, heute wie damals streitbare Wegbereiter der neoexpressionistischen Neuen Wilden vor fünfzig Jahren versteht Puccinis Untertitel „Oper in vier Bildern“ schlicht und ergreifend als Auftragserteilung und erklärt alles zur Leinwand.

          Damit bleibt der langjährige Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie bei seinem Leisten: Puccinis Oper wird in Thüringens traditionsreichem Vorzeigehaus zu Malerei mit anderen Mitteln. Mit dieser frappanten Umwertung aller musiktheatralischen Fertigkeiten ist dem, nach sehr erfolgreichen Regensburger Jahren, dort vorzeitig vertragsverlängerten und nun neuen Meininger Intendanten Jens Neundorff von Enzensberg, Jahrgang 1966, in seiner ersten verantworteten Spielzeit in Meiningen wahrlich ein coup de théatre gelungen.

          Lüpertz und seinem kundigen Team aus Maximilian Eisenacher (Ko-Regie), Ruth Groß (Kostüm und Bühne) und dem fast schon wie eine rembrandtsche Manufaktur agierenden Malsaal des Theaters unter der Leitung von Con­stanze Nier ist hier eine perfekt austarierte Jonglage gelungen. Fauvistische Aktionskunst im Stil des opernerfahrenen Jonathan Meese zirkuliert gemeinsam mit grotesken Elementen der Commedia dell’Arte, die Achim Freyers jede Geometrie aufhebenden Phantasiewelten sehr nahekommen. Immer tiefer dringt die Inszenierung so in das Elend des hier stellvertretend dargestellten Heers mittelloser Künstler ein. Diese können sich freilich nur solange einer nicht-entfremdeten künstlerischen Arbeit hingeben, als das Geld reicht, und das heißt: fast gar nicht. Niemand hat in dieser Pariser Vier-Männer-WG genug, um rechtzeitig einen lebensrettenden Arzt für die lungenkranke Näherin Mimi aufzutreiben. Deniz Yetim überzeugt in ihrer Rolle als mittellose Näherin dank ihrer stimmlichen Anmut bei tragender Raumfülle und angemessen naiver Ausstrahlung.

          Wer die Augen während der Inszenierung öfter auf und zu macht, kommt Lüpertz’ Intention einer unendlichen Galerie schon sehr nahe. So nennt er es zwar nicht im aristokratisch wirkenden Einführungsgespräch, so meint er es aber auf der manischen Suche nach malbaren Motiven. In Thomas Bernhards Schauspiel „Ritter, Dene, Voss“ wird das Sich-Malen-Lassen zur familienspaltenden Beschimpfung. In Meiningen wird es zum Opernprinzip: Jeder Moment gebiert ein neues Bildmotiv dank einer ausgefeilten Schnappschussdramaturgie von zahllos aneinandergereihten tableaux vivants.

          Aussichtsreiche Monate

          Entschlossen arbeitet Lüpertz in die Inszenierung seine Schelte auf das politisierte Kunstverständnis der Achtundsechziger ein, das er als folgenlose Episode in die Ecke schieben will. Mit Verlaub: Es ist biografisch vielleicht nachvollziehbar, dass man damals als Reaktionär galt, wenn man malen wollte, statt zu demonstrieren. Es war jedoch gerade der Anti-Reflex der Achtundsechziger-Generation, der die Kunstform Oper immer wieder aktualisierte. Das erst hat einen Markus Lüpertz, der die Requisite zum eigentlichen Opernhelden erhöht, als Opernregisseur möglich gemacht.

          Es sei zumindest für diese an Heiligabend in Paris beginnende Opernhandlung daran erinnert, dass der am 24. Dezember 1931 in Buenos Aires geborene Komponist Mauricio Kagel mit seiner szenischen Komposition „Staatstheater“, uraufgeführt 1971 in Hamburg, einen Requisitenreigen unter anderem mit nur Zylinder und Pickelhaube auf der Bühne minutiös durchdekliniert hat. Am Ende wurde bei Kagel alles wieder weiß getüncht. Bei Puccini/Lüpertz geht einfach das Licht aus: das Lebenslicht der Mimi (Beleuchtung: Rolf Schreiber).

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          Auch das seit November unter der Führung von Philipp Adlung stehende Theatermuseum widmet sich noch bis Ende Januar Markus Lüpertz. Für die dort ausgestellten historischen Bühnenräume schuf dieser kommentierende Skulpturen mythischer Sujets. Auch von Philipp Adlung ist viel zu erwarten. Er hat seinerzeit das Hallenser Händelhaus zu neuer Blüte geführt. Dirigent Philipp Bach und seine Meininger Hofkapelle gelingt das Kunststück, die triefend-pathetischen „schönen Stellen“ der Oper gebührend ergreifend in den transparenten Klangfluss zu integrieren. Alex Kim als Mimis Dichterliebe Rodolfo setzt seinen unbestechlichen Belcanto so sparsam wie nötig ein – große Gesangskunst, die mit den vielen Vorbildern gerade dieser Partie sehr gut mithalten kann.

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