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Festival „Laus Polyphoniae“ : So klingt es, wenn der Heilige Geist von der Jungfrau empfangen wird

  • -Aktualisiert am

Dreiklang: Beim Festival Laus Polyphoniae Bild: Javier Hidalgo Romero

Spitzenkunst in Flandern: Beim Festival „Laus Polyphoniae“ werden Marienmessen der Renaissance gesungen. Dabei finden zugleich Kunst und Forschung zueinander.

          Ungezählte Male ist die biblische Verkündigungsszene in der bildenden Kunst dargestellt worden. Das Spätmittelalter erfasste vorzugsweise jenen Moment, in dem Maria die bestürzende Botschaft des Engels aus freien Stücken akzeptiert: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“, und der Heilige Geist auf sie herniederkommt. In genau diesem Moment vollzieht sich nach theologischer Lehre das Heilsereignis der Menschwerdung Gottes.

          Wir stehen vor den Bildern eines Jan van Eyck oder Rogier van der Weyden und blicken durch den Rahmen in einen Raum, in dem sich dieses dramatische Geschehen in äußerster Stille zeigt. Im dreizehnten Jahrhundert konnten solche Bilder lebendig werden. In der Tradition der goldenen Messe (Missa Aurea) am Mittwoch vor dem vierten Adventssonntag begann man das Evangelium des Lukas nicht nur zu lesen, sondern zu vergegenwärtigen: Chorknaben in Kostümen übernahmen die Rolle von Engel und Maria. Später wurden solche Aufführungen szenisch ausgebaut. 1439 zeichnete kein Geringerer als Filippo Brunelleschi für die Maschinerie eines von den Medici gesponserten Events verantwortlich, mit Donnergrollen und einem unter pyrotechnischen Effekten davonfliegenden Engel.

          Einer, der dies damals miterlebt haben könnte, war Guillaume Du Fay, der größte Komponist seiner Generation. Die Missa „Ecce ancilla Domini“ (Siehe, ich bin die Magd des Herrn), die Du Fay ein Vierteljahrhundert später, vermutlich im Frühjahr 1464, komponierte, bildet das klingende Gegenstück zu den Verkündigungsszenen seiner malenden Zeitgenossen. Sie weist direkte Bezüge zu zwei gleichnamigen und wohl auch gleichzeitigen Werken etwas jüngerer Meister auf, Johannes Ockeghem und Johannes Regis. Beiden war Du Fay persönlich verbunden; die Werke teilen kompositionstechnische Verfahren und sind durch Zitate verknüpft.

          Die Idee hatte eine Musikwissenschaftlerin

          Das klingende Triptychon dieser drei Messen war der Schwerpunkt am ersten Wochenende des Festivals „Laus Polyphoniae“ (Lob der Vielstimmigkeit) in Antwerpen, einem Teil des Festivals van Vlaanderen. Die drei Abende demonstrierten auch eine Polyphonie künstlerischer Ansätze: Zuerst eine lebhafte, gespannte, eher auf einzelne Linien als den Gesamtklang fokussierte Darbietung der Du-Fay-Messe durch die Cappella Pratensis aus Leuven, dann der transparente Klang der tschechischen Cappella Mariana, der Ockeghems strahlend schöne Messe zum Leuchten brachte, zuletzt legte das englische Ensemble Stile antico die überdichte Textur der Regis-Messe in schönem und statischem Wohlklang still.

          Die Idee zu diesem Missa-Aurea-Triptychon stammt von der amerikanischen Musikwissenschaftlerin M. Jennifer Bloxam. In Abendvorträgen und einer kleinen wissenschaftlichen Konferenz demonstrierte Bloxam, wie vor allem Du Fay und Regis durch die Wahl und Plazierung der zugrundeliegenden Choralmelodien theologische Aussagen transportierten – hinter dem Klang verbirgt sich Symbolik ganz ebenso wie hinter den Lilien, die sich wie zufällig auf jedem niederländischen Verkündigungs-Gemälde finden.

          Laus Polyphoniae, das zum 26. Mal in Antwerpen stattfindet und von dem Musikzentrum AMUZ in der säkularisierten Augustinus-Kirche ausgerichtet wird, hat diesmal Maria von Burgund (1457 bis 1482) zum Thema, Tochter des letzten burgundischen Herzogs und erste Ehefrau Kaiser Maximilians I., die mit nur 25 Jahren nach einem Reitunfall starb. Das 2014 in Basel gegründete Ensemble Il Solazzo, das das Eröffnungskonzert mit Werken aus Marias Umfeld bestritt, hat in Kennerkreisen längst Sensation gemacht, und das zu Recht: mit einem in allen Nuancen höchst differenzierten Ansatz, der erstaunlich spontan, fast wie von der Inspiration des Augenblicks getragen wird und doch die komplexen Koordinationsaufgaben der raffinierten Mehrstimmigkeit eines Gilles Binchois, Du Fay oder Heinrich Isaac bewältigt. Il Solazzo hat soeben die erste CD einer geplanten Gesamtaufnahme des Leuven Chansonniers vorgelegt, eines vor zwei Jahren aufgetauchten, bis dahin völlig unbekannten Büchleins weltlicher Mehrstimmigkeit von zirka 1470/75.

          Nur in Belgien, genauer gesagt: in dessen flandrischem Teil, wo viel Kultur gefördert wird, scheint ein solches Festival möglich, mit Ensembles aus ganz Europa, unter Anwendung neuester Forschung zur Aufführungspraxis und zum kulturellen Kontext der Musik und in vielfältigen, manchmal auch eher experimentellen Settings. Diese Konstellation verdankt sich dem umtriebigen Leiter des Festivals und von AMUZ, Bart Demuyt. Demuyt ist zugleich Direktor der Alamire Foundation an der nahe gelegenen Katholischen Universität in Leuven, einer Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Erforschung der reichen Musikgeschichte Belgiens. Die Kooperation mit deren Hausensemble Cappella Pratensis wird dadurch erleichtert, dass Demuyt jahrelang in diesem Ensemble gesungen und es auch künstlerisch geleitet hat; heute versteht er sich als „Künstler, der Forschung und Organisation verbindet“. Dass er zugleich Vorsitzender der Kunstkommission der flandrischen Regierung ist, schadet da nicht.

          Bart Demuyt ist es gelungen, eine jährliche staatliche Förderung von achthunderttausend Euro für die Alamire-Stiftung zu erwirken, um sie weiter auszubauen. Zugleich hat er begonnen, mit dem Festival Laus Polyphoniae auf Reisen zu gehen: Italien, England, Vereinigte Staaten, demnächst vielleicht Deutschland. Falls die frankoflämische Musik des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts eines Tages im Konzertleben ebenso präsent werden sollte wie Monteverdi oder Rameau, ist das nicht zuletzt ein Verdienst von energisch durchgeführten, gut finanzierten Initiativen wie dieser.

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