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Lucerne Festival : Spielspaß mit geballten Fäusten

  • -Aktualisiert am

Es geht auch ohne Schuhe: Die Perkussionistin Marianna Bednarska in Luzern. Bild: Patrick Huerlimann

Wo Nebensachen im Mittelpunkt erstrahlen: Beim Lucerne Festival glänzt Igor Levit mit Beethoven, Marianna Bednarska begeistert als Pantomimin und am Marimbaphon.

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          Donnerstagmittag, Viertel nach zwölf: nicht gerade die Zeit, wo das werktätige oder lernende Volk sich davonmachen kann, um eben mal zwischendrin Musik zu hören. Das ist im schönen Luzern nicht anders, als es in Bochum oder Wolfsburg wäre. Trotzdem ist die Lukaskirche am Rand der historischen Altstadt komplett gefüllt – der gegebenen Lage folgend nun vorwiegend mit Semestern, die schon ein Stück Leben gesehen haben und sich trotzdem lustvoll auf ein Programm stürzen, das in jedem Avantgarde-Festival bestehen könnte: Xenakis, Aperghis, Mantovani und noch weitere fünf Kompositionen jüngerer Zeit; die jüngste, „Cinderella“ von Mayke Nas, ist gerade erst vor einigen Monaten frisch geschlüpft.

          Ihr Gegenstand sind zwei knallrote High Heels, mit denen die polnische Perkussionistin Marianna Bednarska, eben erst Mitte zwanzig, am Boden kniend eine gleichermaßen lasziv klackende wie dennoch anmutige Pantomime aufführt. Was da wohl in der Partitur stehen mag, die vor ihr auf den Dielen liegt? Jedenfalls zeigt die junge Polin ein mitreißendes Talent darin, in einem umfassenden Sinne nicht nur ihren Kosmos von Schlegeln, Klöppeln, Fellen und Metallröhren, sondern auch den eigenen Körper zuzüglich (in Aperghis’ „Le corps à corps“) einer schnatternden und babbelnden Vokalisen-Kunstsprache einzusetzen. Bei alldem ist sie keine priesterlich ernste Verkünderin irgendwelcher Botschaften, sondern eine charmant verschmitzte Klangartistin, der man nicht nur bei ihren ziselierten Girlanden am Marimbaphon, sondern auch noch, wenn sie mit flachen Händen oder geballten Fäusten auf die große Trommel losgeht, den elementaren Spielspaß abhört und ansieht.

          Helle Begeisterung, gefolgt von der Überreichung eines Nachwuchs-Solistenpreises der Credit Suisse durch Festivalchef Michael Haefliger. Mit einem ähnlichen Präsent startete vor fünfzehn Jahren die Cellistin Sol Gabetta von Luzern aus ihre Weltkarriere. Ohne das Wirken derart finanzgewichtiger Sponsoren (die Bank ist mittlerweile schon fast zwei Jahrzehnte dabei) würfe das Musikfest allenfalls einen blassen Schatten seiner aktuellen Opulenz, was freilich über die Jahre hin nicht nur positive Reflexe ausgelöst hat. Womöglich ist dem einerseits recht weit greifenden und andererseits sehr handfesten diesjährigen Leitmotto „Macht“ auch ein Stück (selbst)kritischer Reflexion eingewachsen, zumal strukturelle Änderungen angekündigt sind.

          Eine Nebensache, die fast zum Mittelpunkt wird

          Für diesmal jedenfalls kann man konstatieren, dass die Franken den richtigen Weg an die richtige Stelle gefunden haben. Auch sonst ist aktuelle Musik mittlerweile prägender Bestandteil des Luzerner Geschehens. Selbst Wolfgang Rihms Kompositionskurs steht offen und findet über den eingeladenen Teilnehmerkreis hinaus raumfüllenden Zuspruch durch ein kundiges Auditorium, das sich umso mehr zum Mitmachen eingeladen fühlt, als schon die Stammrunde hierarchiefrei auf gleicher Ebene sitzt und diskutiert.

          Aus den vorgestellten Partituren und Aufnahmen, ihren zwischen Gregorianik und Elektronik praktisch grenzenlosen Material-Wahlmöglichkeiten und entsprechend immer neu abmischbaren ästhetischen Orientierungen ergeben sich für Komponisten wie Gäste von ganz allein lebhafte Dispute; keine letztgültigen Weisheiten irgendwelcher Art, sondern ein empathisches oder kritisches Eingehen auf die Zielrichtungen der Macher selbst und ihr Funktionieren in der Hörpraxis. Die Erfahreneren, Rihm voran, sind dabei weniger Lehrende als Moderatoren, bis hinein in scheinbar Peripheres wie die Betitelung der Stücke oder ihr unterschiedliches Wirken an verschiedenen Orten mit je speziellem Publikum.

          Aber was wäre das Periphere überhaupt? Erfahrene Pizza-Gourmets schärfen ihre Sinne oft nicht zuerst am bunten Belag, sondern an den knusprigen Rändern. Auch das Wesen eines Kulturfestes ist sicher nicht am schlechtesten von seinen scheinbaren Satelliten und Nebenereignissen her zu fassen.

          Wenn dann im großen Saal des KKL, wo einen Abend später über hundert Musiker versammelt sein werden, der Pianist Igor Levit allein agiert, ist auch das noch eine Art Zwischen- und Übergangsform. Nun ist dieser Künstler ja keiner, der den Disput scheut, nicht zuletzt in seinen politischen Stellungnahmen, die sich dem Thema der „Macht“ oft in prononcierter Weise widmen. So wird ihm auch ein mächtiger Vier-Ränge-Raum zum Forum öffentlicher Rede, die hier in Gänze Ludwig van Beethoven gewidmet ist: Start eines Gesamtzyklus mit dessen sämtlichen zweiunddreißig Sonaten im Vorschein auf das kommende Jubiläumsjahr.

          Levit spielt alle schnellen Sätze rigoros drängend und scharf geschnitten, kühn und kühl zugleich, Privatheit und Reflexion nur in wenigen langsamen Abschnitten. Wobei dann freilich auch das tiefe Durchatmen und visionäre Aufleuchten, wie es zum Beispiel am Ende des Seitenthemas im Kopfsatz der „Waldstein“-Sonate möglich wäre, allenfalls als schlagwortartige Parole, nicht als sinnlich erlebte Erfüllung anklingt. Die findet sich, ganz gegen alles Erwarten, gerade nicht in den großen Bekenntnissätzen, sondern in der heiter-nostalgischen Kinder-Traumwelt der kleinen G-Dur-Sonatine Opus 79. Noch eine Nebensache, die plötzlich fast zum Mittelpunkt wird.

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