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„Maria Magdalena“ am Burgtheater : Hebbels Klara im Gespensterkampf

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Haltsuche in einer schrägen, dunklen Welt: Tilo Nest (Meister Anton), Sarah Viktoria Frick (Klara) und Regina Fritsch (Mutter) Bild: Georg Soulek

Die unverheiratete Klara ist schwanger und stürzt sich in den Brunnen: In Hebbels „Maria Magdalena“ ist das ein kleinbürgerliches Trauerspiel. In Michael Thalheimers Wiener Inszenierung ist es eine große Schlacht gegen den Tod.

          Was kostet der Tod? Womöglich nicht mehr als ein Lächeln. Das sehr junge Mädchen Klara jedenfalls hat als Münze, mit der sie für ihren Tod bezahlt, ein kleines, inniges, kindliches Strahlen in ihrem Charaktergeldbeutel, als den sie ihr Gesicht präsentiert. Mit kleinen hellen Halbschuhen, dunklen Strümpfen unterm hellen, kurzen, steifweiten Kleid steht sie in ihrer zu zierlichen Schneckenwülsten geflochtenen Frisur auf der Bühne des Wiener Burgtheaters: wie ein süß patentes Püppchen. Klein, gedrungen, gesund. Ein Ausbund an kreglem Leben.

          Ihr ungeliebter Verlobter Leonhard hat sie geschwängert und verlassen, um eine andere zu schwängern. Ihr Vater würde sich, sagt er, „wegrasieren“, wenn sie „in Schande“ wäre. Ihre Mutter fällt tot um, als man Klaras Bruder fälschlicherweise des Juwelendiebstahls bezichtigt. Der geliebte Jugendfreund, ein Sekretär namens Friedrich, der Klara wiederliebt, kann aber „über das nicht hinweg“ (die Schande, die Schwängerei) und duelliert sich mit dem Schwängerer.

          Wobei beide draufgehen. Klara springt in den Brunnen. Ihr Vater, der Tischlermeister Anton, „versteht die Welt nicht mehr“. So das berühmte Schlusswort des Dramas „Maria Magdalena“ von Friedrich Hebbel - das die Welt so gut versteht, dass es ihm jede Ausflucht ins Freie, Luftige, Uneindeutige, Zweifelnde versperrt.

          Bittere Lust am Untergang

          Hebbel, der Dramatiker der Untergänge, hat sich gerühmt, dass er 1844, mitten im neunzehnten Fortschrittsjahrhundert, in seiner „Maria Magdalena“ alle „Mauslöcher verstopft“, jeden Ausweg und Ausgang zugewuchtet habe. So dass den Figuren wie unter einer gigantischen Käseglocke die Tragödienluft abgesogen werde. Und sie am Schicksalssauerstoffmangel verendeten. Es herrscht in Hebbels Unausweichlichkeitsspielen eine große, bittere Lust am Untergang und am Unglücklichsein.

          Der Dramatiker, der sich aus ärmster Hungerleiderei und Frauenausnutzerei mühsam nach oben arbeitete, war als armer Kerl im wahren Leben ein wahrer Leidenskrösus. Seine dramatischen Opfergaben ans große schwarze Weltvernichtungsmonster namens „Leben“ auf der Bühne aber sind immer: Frauen. Die kleine Klara ist sein berühmtestes und berührendstes Opferlamm. Das er aber mit besonderer Lust schlachtet.

          So, wie Sarah Viktoria Frick die Klara in Wien spielt, scheint sie aber ganz und gar unschlachtbar. Ein Lebenspunkt. Unter lauter Toten. Über ihr eine bühnenhohe, schmale, schwarze, enge Gruft, eine Art Riesensarg, den der Bühnenbildner Olaf Altmann auf die Szene gewuchtet hat; ganz weit oben ein einsames, kaltes, leeres Kreuz. Sonst nur Schwärze, durchschwirrt und durchsirrt von seltsam girrenden Tönen und vom Gekrächz von Totenvögeln, die aus Bert Wredes Zirp-Musik hervorstechen.

          Das kleine, puppenartig rotbäckige Mädchen gehört hier eigentlich nicht her. Zumal ihre Mutter, die bei Hebbel als Todkranke noch einmal ihr Hochzeitskleid anprobiert, schon lange nur noch als Untote, als Gespenst zu spuken scheint: kalkweißen Gesichts, mit hochtoupiertem Gespensterhaar, eine Geistererscheinung in langer Schleppe, die Regina Fritsch als bös-schartige Jenseitszicke herraunzt, die ihre Tochter Mores lehrt und sie schon auch einmal herrisch abküsst.

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