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Maren Kroymann im Gespräch : Muss Leistung schön sein?

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

Maren Kroymann, Expertin für den Unterschied, weiß, was Frauen und Männer trennt: Ein Gespräch über Schlager und Selbstvermarktung, Frauenfußball, Männerbeine in Pumps und den aufrechten Gang.

          Maren Kroymann radelt vor die Paris-Bar und lacht: „Hier wurde ich früher öfter abgewiesen!“ Seit der Pleite und Neueröffnung des berühmten Berliner Künstlerlokals, scherzen wir, hätten jetzt wohl auch Frauen unkompliziert Zutritt. Und die Kellner sind ausgesprochen nett.

          Frau Kroymann, durch Ihre Shows und Kolumnen und sonstigen Wortmeldungen gelten Sie als Expertin im Geschlechterkampf. Was ist denn nun wirklich der Unterschied zwischen Männern und Frauen?

          Schwer in einem Satz zu sagen, es gibt ja so viele Frauen und so viele Männer . . . Im Durchschnitt finde ich Männer immer noch selbstbewusster als Frauen. Obwohl es sich ändert, es gibt jetzt auch unverfrorene Frauen oder Frauen mit Größenwahn, aber seltener als Männer. Ich glaube, der Geltungsdrang ist bei Männern stärker. Frauen sind häufig pragmatischer und bescheidener, aber nicht, weil sie kein Konzept hätten, sondern weil sie sich eine Zeitlang auch in ein Team einfügen können. Männer, vor allem Führungsgestalten wie Regisseure oder Politiker, haben offenbar oft das Gefühl, dass sie immer der Gewinner, immer der Beste sein müssen, Motto: „Ich bin hier der Einzige, der weiß, wie’s geht.“ Dieses zwanghafte Erfolgs- und Dominanzstreben haben Frauen meines Erachtens weniger.

          Maren Kroymanns nächstes Konzertprogramm heißt „In my Sixties”

          Ihr nächstes Konzertprogramm heißt „In my Sixties“ und enthält unter anderem ein Lied von den gewiss wenig frauenbewegten Rolling Stones. Wie passt das zusammen?

          Ich werde „It’s all over now“ in einer Version bringen, in der die Stones wie die betagten Herren singen, die sie inzwischen ja sind. Der Geist und auch das Fleisch sind willig, aber die Kraft lässt nach. Ich lege meine Stimme tiefer und gebe mich halbwegs kurzatmig, wie’s halt im Alter kommen kann. Mick Jagger will ich gar nicht persiflieren, der ist ja super, aber in meiner Darstellung soll er etwas von einem Zausel kriegen, der sich ein bisschen darüber beschwert, dass die Frauen ziemlich unnett zu ihm sind.

          Macht es besonderen Spaß, die Posen und das Gehabe von männlichen Rockstars zu parodieren?

          Spaß macht es natürlich, aber eigentlich parodiere ich gar nicht so viel. Meine Interpretationen sind wahrscheinlich eher eine Mischung aus Verehrung und Durchschauen. Ich war nicht umsonst zehn Jahre Mitglied im Berliner Hanns-Eisler-Chor, um den Gestus eines Songs zu suchen und nicht einer äußerlich detailgenauen Imitation zu huldigen. Zum Beispiel singe ich auch „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers. Ich kann gar nicht so tief singen wie die mit ihren Baritonen, aber ich tu einfach so, als ob ich es könnte, indem ich den Gestus von Tieftraurigkeit herausdestilliere, den dieses Lied hat: Je trauriger die Geschichte wird, desto tiefer sinkt die Stimme. Als pubertierendes Mädchen ging mir diese Mischung aus Form und Botschaft wahnsinnig zu Herzen. So können nur Männer singen. Das nehme ich mir jetzt auch vor.

          Gerade Gesangsstimmen transportieren doch auch viel Erotik, oder?

          Und wie, denken Sie an Dean Martin. Er hatte eine Stimme, die Frauen bis heute anmacht, und er hatte dieses wunderbare Vibrato! Das setzte er hemmungslos ein und schlunzte dermaßen vor sich hin, das ist unfassbar. Bei den Filmhelden ist vielleicht Clark Gable sein Pendant, auch so ein Verführer und Frauen-in-sich-verliebt-Macher. Ich finde Dean Martin lustig und sympathisch, weil er eine souveräne Distanz zu seiner Anmacherotik hatte und sie so vorspielte, dass völlig kenntlich wurde, was er da trieb. Es ist wunderbar, ihn zu parodieren. Außerdem hatte er immer etwas leicht Besoffenes und war auch dadurch ein bisschen unseriös. Ich glaube, mich hat das Unseriöse sowieso immer stark angezogen.

          Ist das der naheliegende Ausbruchsversuch einer höheren Tochter aus einem Tübinger Professorenhaushalt, die im Kirchenchor sang und beinahe Lehrerin geworden wäre?

          Na ja, sinnlich passierte in meinem protestantischen Umfeld und während der Schulzeit im humanistischen Gymnasium wirklich nicht viel. Wenn dann so ein Schlager- oder Rocksänger wie Elvis Presley kam und mit frecher Direktheit seine Sexualität und sein Begehren geäußert hat, war das schon toll. Daheim war die Hochkultur – also suchte ich mir draußen das Triviale. Daheim gab es immer gesundes Essen. Also ging ich manchmal heimlich auf den Marktplatz zur einzigen Tübinger Imbissbude, wo immer die Alkoholiker und, wie man früher sagte, die Asozialen herumstanden. Dort aß ich eine Wurst und dachte mir: Wahnsinn! Das ist Großstadt!

          Ihre Eltern wären wohl nicht ganz zufrieden mit Ihrer Karriere?

          Mein Vater ist leider so früh gestorben, dass er sie nicht mitgekriegt hat. Aber meine Mutter hat bei meinem ersten Bühnenprogramm festgestellt, dass es gut ist, und dann hat sie mich sehr bestärkt. Im Prinzip jedoch war Unterhaltung, war Fernsehen in einer Familie wie der unseren degoutant. In Stuttgart entdeckte ich irgendwann die Puffgegend und schaute mich neugierig um. Wie gesagt, alles, was nicht akzeptiert war, hat mich natürlich interessiert. Schlager und Fernsehunterhaltung waren von der damaligen bildungsbürgerlichen Warte her im Grunde auch wie Puff. Ekelhaft! Das Letzte! Tja, und was tue ich heute? Ich singe Schlager und mache Fernsehen.

          Um es mit dem Wiener Bohemien Peter Altenberg zu sagen: „Es ist traurig, eine Ausnahme zu sein. Aber noch viel trauriger ist es, keine zu sein.“

          Also, ein „Anderssein“ in der Unterhaltungsbranche kann man immer auch als Unprofessionalität deuten. Zum Beispiel bin ich manchmal unprofessionell, weil ich in Talkshows gehe, um eine Produktion, bei der ich mitwirke, zu promoten, und dann vergesse ich aber, Werbung zu machen, weil ich zu sehr in das Thema eingestiegen bin. Oft bin ich in einer Sendung auch die Einzige, die nichts zu promoten hat, weil ich nur wegen des Themas da bin. Das macht man eigentlich nicht. Aber ich hab gemerkt, dass die Zuschauer darauf sehr positiv reagieren – und die Redaktionen freuen sich natürlich auch, wenn sie nicht immer dieselben abgelaberten Selbst-Lobbyisten dabeihaben. Ich verstoße also gegen die Regeln der Selbstvermarktung und besetze dadurch eine Marktlücke. Absurder Vorgang, oder? Aber so kann ich meine Gedanken in die Welt setzen und muss nicht Geschichten aus meinem Privatleben preisgeben. Außerdem bin ich sowieso überzeugt davon, dass man nicht alles vermarkten muss.

          Ihre Comedy-Show „Nachtschwester Kroymann“, die 1993 in der ARD begann, wurde 1997 nach nur neunzehn Folgen sang- und klanglos abgesetzt. Warum?

          Offen geredet hat mit mir darüber niemand. Aber die ARD-Chefs standen nicht zu dieser Sendung, das habe ich dann gemerkt. Da konnte mir selbst meine mutige Redaktion bei Radio Bremen nicht helfen. Auch Doris Dörrie musste noch 2010 im ZDF hart um ihre Miniserie „Klimawechsel“ kämpfen, die eine Satire zwar über Frauen, aber eben aus weiblicher Sicht ist. Gedanklich eigenständige Frauen kommen im Fernsehen bis heute eher selten vor. Und ihr Humor, gerade wenn er scharf und frech ist und die allgemein zugestandene Schmunzelebene verlässt, erst recht nicht. Zur Zeit von „Nachtschwester Kroymann“ hatte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine andere Frau eine eigene Sendung – bis auf die Volksmusikszene natürlich. Dagegen gab es so einen Trend zu Sendungen von Travestiekünstlern wie Lilo Wanders oder Dame Edna. Besonders populär war Mary ohne Gordy. Der gängige Kommentar lautete: „Mensch, die hat ja schönere Beine als jede Frau!“ Mary zeigte das, was Frauen zu jener Zeit nicht mehr ungebrochen präsentieren wollten und konnten: Pumps, Beine, Po, falsche Wimpern, Big Hair. Männer, die Frauen spielten, waren eine willkommene Alternative zu den anstrengenden emanzipierten Frauen.

          Wurde durch die übertragenen Spiele der Frauenfußball-WM die Deutungshoheit des Fernsehens über das Äußere von Frauen ein wenig gebrochen?

          Ich glaube schon, denn dadurch konnten viele Zuschauer mitverfolgen, wie Frauen in Männerberufen die gleiche oder eine ähnliche Leistung erbringen müssen und können und dass es angesichts dessen nicht gerechtfertigt ist, immer nur die Hübschen zu fotografieren. Ich kenne ganz normale fußballbegeisterte Männer, die auf einmal darauf bestanden haben, dass es um Leistung gehen sollte und darum, wer gut kickt, und nicht ums Aussehen. Sie waren an der Sache, am Sport interessiert, nicht an der Verpackung: Man sollte diejenige zeigen, die das Tor geschossen oder die entscheidende Flanke geschlagen hatte. Ich habe im Gegensatz dazu bereits öfter von „Abbildungskarrieren“ gesprochen: Frauen müssen schön sein, um medial wahrgenommen zu werden. In Wahrheit muss eine Politikerin oder eine Fußballerin aber nicht schön sein, um gute Arbeit zu leisten. Die Vorteile, die Frauen haben, wenn sie im herkömmlichen Sinne gut aussehen, verfälschen das wirkliche weibliche Leistungspotential. Denn die, die nicht so gut aussehen, aber klug sind, werden einfach übersehen und kommen nicht vor.

          Sind auch Männer von dieser Entwicklung, nur mit fotogenem Aussehen etwas erreichen zu können, betroffen?

          Ja, ganz klar. Die haben von den Frauen bald gelernt, dass man mit gutem Aussehen überdimensional schnell weiterkommen kann. Es gibt bestimmte Männer, die sehen einfach wie Fernsehmoderatoren aus und die gibt es nur im Fernsehen, da machen sie Karriere. Im Alltagsleben habe ich solche noch nie getroffen. Demgegenüber fand ich es immer gut, dass durchschnittlich aussehende Männer wie Ulrich Wickert oder Günther Jauch Moderatoren sein können – schließlich soll es nach Leistung, nach Hirn, nach Witz gehen. Es lebe die Vielfalt, auch im Fernsehen! Ich schaue gern jemandem wie Uwe Seeler oder Berti Vogts zu. Das Individuelle ist doch schön.

          Für heterosexuelle Frauen und homosexuelle Männer ist der Prozess des Alterns am schwersten, haben Sie einmal gesagt, weil sie sich am meisten durch ihre Körperlichkeit definieren. Sie haben sich 1993 selbst im „Stern“ als lesbisch geoutet.

          Eigentlich sollten an dieser Geschichte noch andere prominente Frauen beteiligt sein. Die sprangen jedoch ab, und ich blieb übrig. Aber das war in Ordnung so, ich habe es nie bereut. Ich bin eine Mittlerin, scheint mir: Ich kann ganz gut etwas, das zu einer Minderheit gehört, der breiten Mehrheit verständlich machen. Und ich habe eine Schwäche für den aufrechten Gang. Ich hänge an der Idee der politisch denkenden Intellektuellen, wie es sie in der Zeit von Willy Brandt gab, ohne mich gleich zu ihnen zählen zu wollen.

          Lässt Sie deshalb das Jahrzehnt der „Sixties“, in dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eine vernehmliche Zivilgesellschaft zu formieren begann, nicht los?

          Ja, vielleicht auch, aber in erster Linie ist es eine Art emotionaler Archäologie: Es ist schließlich die Zeit, die mich am meisten beeinflusst hat. Man ist als Kind und in der Pubertät am empfindungsfähigsten. Schlager sind immer Entwicklungshelfer. Nur in diesem Alter treffen sie einen bis ins Herz. Viele Künstler bleiben deshalb thematisch in ihrer Kindheit, weil damals alles neu war und die Sensibilität so fein ausgebildet. Da ging einem alles gleich direkt unter die Haut. Als erwachsener Mensch kann man die Dinge dann relativieren, ich mache das ja selbst nicht anders. Und wenn einen ein Kummer oder ein Schicksalsschlag trifft, tut es natürlich immer noch schrecklich weh und ist schwierig, aber ich kann solche Situationen mit meinen Erfahrungen und meinem Wissen heute leichter ertragen. Es schmerzt nicht mehr so, dass ich deswegen sofort tot umfallen möchte. Das ist überhaupt das Gute am Älterwerden. Je näher man dem Sterben kommt, desto weniger werden die Situationen, in denen man unbedingt sterben will. Komisch, nicht?

          Zur Person

          Die 1949 geborene Schauspielerin Maren Kroymann wächst mit vier Brüdern in Tübingen auf. Sie studiert Anglistik, Amerikanistik und Romanistik in Tübingen, Paris und Berlin, wo sie das Staatsexamen für das höhere Lehramt ablegt.

          In ihrem Soloprogramm „Auf du und du mit dem Stöckelschuh“ versöhnt sie 1982 den Schlager mit dem Feminismus.

          Dann sieht man sie in Fernsehserien wie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ oder „Vera Wesskamp“.

          Mit ihrer Satiresendung „Nachtschwester Kroymann“ bereichert sie die ARD von 1993 an in neunzehn Folgen um tabulos-anarchistischen Humor aus frauenbewegter Sicht.

          Sie spielt in preisgekrönten Filmen wie „Verfolgt“ (Regie: Angelina Maccarone) oder der Fernsehserie „Klimawechsel“ (Regie: Doris Dörrie).

          Nach „Gebrauchte Lieder“ (2000) folgt nun „In my Sixties“, ein neuer Konzertabend mit den Schlagern ihrer Jugend. Premiere hat er am 27. September in der Berliner Bar jeder Vernunft.

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