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Maren Kroymann im Gespräch : Muss Leistung schön sein?

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Wurde durch die übertragenen Spiele der Frauenfußball-WM die Deutungshoheit des Fernsehens über das Äußere von Frauen ein wenig gebrochen?

Ich glaube schon, denn dadurch konnten viele Zuschauer mitverfolgen, wie Frauen in Männerberufen die gleiche oder eine ähnliche Leistung erbringen müssen und können und dass es angesichts dessen nicht gerechtfertigt ist, immer nur die Hübschen zu fotografieren. Ich kenne ganz normale fußballbegeisterte Männer, die auf einmal darauf bestanden haben, dass es um Leistung gehen sollte und darum, wer gut kickt, und nicht ums Aussehen. Sie waren an der Sache, am Sport interessiert, nicht an der Verpackung: Man sollte diejenige zeigen, die das Tor geschossen oder die entscheidende Flanke geschlagen hatte. Ich habe im Gegensatz dazu bereits öfter von „Abbildungskarrieren“ gesprochen: Frauen müssen schön sein, um medial wahrgenommen zu werden. In Wahrheit muss eine Politikerin oder eine Fußballerin aber nicht schön sein, um gute Arbeit zu leisten. Die Vorteile, die Frauen haben, wenn sie im herkömmlichen Sinne gut aussehen, verfälschen das wirkliche weibliche Leistungspotential. Denn die, die nicht so gut aussehen, aber klug sind, werden einfach übersehen und kommen nicht vor.

Sind auch Männer von dieser Entwicklung, nur mit fotogenem Aussehen etwas erreichen zu können, betroffen?

Ja, ganz klar. Die haben von den Frauen bald gelernt, dass man mit gutem Aussehen überdimensional schnell weiterkommen kann. Es gibt bestimmte Männer, die sehen einfach wie Fernsehmoderatoren aus und die gibt es nur im Fernsehen, da machen sie Karriere. Im Alltagsleben habe ich solche noch nie getroffen. Demgegenüber fand ich es immer gut, dass durchschnittlich aussehende Männer wie Ulrich Wickert oder Günther Jauch Moderatoren sein können – schließlich soll es nach Leistung, nach Hirn, nach Witz gehen. Es lebe die Vielfalt, auch im Fernsehen! Ich schaue gern jemandem wie Uwe Seeler oder Berti Vogts zu. Das Individuelle ist doch schön.

Für heterosexuelle Frauen und homosexuelle Männer ist der Prozess des Alterns am schwersten, haben Sie einmal gesagt, weil sie sich am meisten durch ihre Körperlichkeit definieren. Sie haben sich 1993 selbst im „Stern“ als lesbisch geoutet.

Eigentlich sollten an dieser Geschichte noch andere prominente Frauen beteiligt sein. Die sprangen jedoch ab, und ich blieb übrig. Aber das war in Ordnung so, ich habe es nie bereut. Ich bin eine Mittlerin, scheint mir: Ich kann ganz gut etwas, das zu einer Minderheit gehört, der breiten Mehrheit verständlich machen. Und ich habe eine Schwäche für den aufrechten Gang. Ich hänge an der Idee der politisch denkenden Intellektuellen, wie es sie in der Zeit von Willy Brandt gab, ohne mich gleich zu ihnen zählen zu wollen.

Lässt Sie deshalb das Jahrzehnt der „Sixties“, in dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eine vernehmliche Zivilgesellschaft zu formieren begann, nicht los?

Ja, vielleicht auch, aber in erster Linie ist es eine Art emotionaler Archäologie: Es ist schließlich die Zeit, die mich am meisten beeinflusst hat. Man ist als Kind und in der Pubertät am empfindungsfähigsten. Schlager sind immer Entwicklungshelfer. Nur in diesem Alter treffen sie einen bis ins Herz. Viele Künstler bleiben deshalb thematisch in ihrer Kindheit, weil damals alles neu war und die Sensibilität so fein ausgebildet. Da ging einem alles gleich direkt unter die Haut. Als erwachsener Mensch kann man die Dinge dann relativieren, ich mache das ja selbst nicht anders. Und wenn einen ein Kummer oder ein Schicksalsschlag trifft, tut es natürlich immer noch schrecklich weh und ist schwierig, aber ich kann solche Situationen mit meinen Erfahrungen und meinem Wissen heute leichter ertragen. Es schmerzt nicht mehr so, dass ich deswegen sofort tot umfallen möchte. Das ist überhaupt das Gute am Älterwerden. Je näher man dem Sterben kommt, desto weniger werden die Situationen, in denen man unbedingt sterben will. Komisch, nicht?

Zur Person

Die 1949 geborene Schauspielerin Maren Kroymann wächst mit vier Brüdern in Tübingen auf. Sie studiert Anglistik, Amerikanistik und Romanistik in Tübingen, Paris und Berlin, wo sie das Staatsexamen für das höhere Lehramt ablegt.

In ihrem Soloprogramm „Auf du und du mit dem Stöckelschuh“ versöhnt sie 1982 den Schlager mit dem Feminismus.

Dann sieht man sie in Fernsehserien wie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ oder „Vera Wesskamp“.

Mit ihrer Satiresendung „Nachtschwester Kroymann“ bereichert sie die ARD von 1993 an in neunzehn Folgen um tabulos-anarchistischen Humor aus frauenbewegter Sicht.

Sie spielt in preisgekrönten Filmen wie „Verfolgt“ (Regie: Angelina Maccarone) oder der Fernsehserie „Klimawechsel“ (Regie: Doris Dörrie).

Nach „Gebrauchte Lieder“ (2000) folgt nun „In my Sixties“, ein neuer Konzertabend mit den Schlagern ihrer Jugend. Premiere hat er am 27. September in der Berliner Bar jeder Vernunft.

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