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Theaterstück über Helmut Kohl : Peinlich, plump und selbstgerecht

Quälende zweieinhalb Stunden dauert es, bis „Der Elefantengeist“ verraucht ist. Bild: dpa

Ein Jahr nach Helmut Kohls Tod bringt Lukas Bärfuss ihn in Mannheim auf die Bühne. In quälenden zweieinhalb Stunden erleben die Zuschauer ein schäbiges Machwerk.

          3 Min.

          Hannelore Kohl hatte eine Dolmetscherschule besucht und die Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin für Englisch und Französisch absolviert. Sie wusste, was Hypothesen sind und wie man das Wort schreibt. Es ist daher nicht nur ein billiger, sondern ein falscher Lacher, wenn in der Mannheimer Uraufführung des Theaterstücks „Der Elefantengeist“ von Lukas Bärfuss die im rosa Hannelore-Kohl-Kostüm mit toupierter Hannelore-Kohl-Frisur herumhampelnde Schauspielerin Johanna Eiworth sich verspricht und statt „Hypothesen“ zunächst „Hypotheten“ sagt. So schäbig wie dieser Einfall ist das ganze vom neuen Mannheimer Intendanten Christian Holtzhauer in Auftrag gegebene Machwerk.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Schweizer Dramatiker Bärfuss will Hypothesen unters deutsche Volk bringen, und nach seiner Aussage waren sie der Grund dafür, dass er ein Stück über Helmut Kohl geschrieben hat. In schriftlicher Zusammenfassung ergäben sie einen Artikel, der eine Lesezeit von zwei Minuten in Anspruch nähme. Das Stück mit witzlos zusammengezimmerter Science-Fiction-Rahmenhandlung dauert inklusive Pause quälende zweieinhalb Stunden. Soll das der Ernst von Bärfuss, Holtzhauer und der Regisseurin Sandra Strunz sein: dass das kurpfälzische Publikum stellvertretend für den schon zu Lebzeiten für keine Beugehaftdrohung erreichbaren Landsmann in der Hölle der Langeweile schmoren muss? Verdammt zum Aussitzen?

          Die Hypothesen von Bärfuss haben keinen Neuigkeitswert. Es gibt sie im Artikelformat schon, ebenso als Buch, Fernsehfilm und Andeutung von Wolfgang Schäuble. Bärfuss übernimmt sie von Journalisten, die sich mit Investigativ-Dienstmarke ausweisen und ihr Indizienbeweismaterial zu einem plausiblen Bild arrangiert haben. Demnach soll es die von Kohl mit seinem Ehrenwort beschirmten Privatspender nie gegeben haben; die Geldscheine, die dem Parteivorsitzenden und Bundeskanzler nach seinen Angaben zugesteckt wurden wie dem braven Enkel von der sparsamen Großmutter, seien in Wahrheit Zinserträge gewesen aus den von der Familie Flick und deren Bevollmächtigten gefüllten illegalen Kassen.

          Dieser Lear ist gar keiner: Matthias Breitenbach als Expeditionsleiter Dr. Matthias in „Der Elefantengeist“
          Dieser Lear ist gar keiner: Matthias Breitenbach als Expeditionsleiter Dr. Matthias in „Der Elefantengeist“ : Bild: Christian Kleiner

          Friedrich Flick optimierte seine Ertragslage durch den Einsatz von Zwangsarbeitern und wurde als Kriegsverbrecher verurteilt. Damit erklärt das Stück, dass erst unter Kohls Nachfolger im Kanzleramt eine Abmachung über die Entschädigung von Zwangsarbeitern zustande kam. Und das eheliche Unglück von Hannelore Kohl, deren Vater vor 1945 als Rüstungsmanager Karriere machte, erscheint als gerechte Strafe für die hypothetische Alimentation der CDU aus bandenmäßigem Raubmord. In beiden Punkten wird der Schuldzusammenhang melodramatisch behauptet, nicht dramatisch entwickelt.

          Die Möglichkeiten des Theaters, eine plausible Geschichte plausibler zu machen, nutzt Bärfuss nicht. Keine der Zusatzannahmen über Charakter und Motivation, welche die Hypothese vom Komplott erforderlich macht, hat den Autor zur Erfindung von Szenen inspiriert, an denen sich prüfen ließe, ob man sich den Gang der Dinge so vorstellen kann wie von den Hypothesenbildnern behauptet, als Folge von Handlungen. Das Werk fällt auch nicht ins Genre des dokumentarischen, aus den Akten gearbeiteten Theaters in der Nachfolge der „Ermittlung“ von Peter Weiss. Die Hypothesen werden in kompakter Form eingespeist, als vollendete Tatsachenreferate, mit der klassischen Dramentheorie gesprochen: durch das Mittel des Botenberichts.

          Da das Stück in der Zukunft spielt, kommt die Botschaft aus der Vergangenheit. Eine Expedition von Archäologen entdeckt am Bonner Rheinufer die Ruine des Kanzlerbungalows. Den Forschern fällt ein wurmstichiges Buch in die Hände: Helmut Kohls „Erinnerungen“ an die Jahre 1982 bis 1990. Allerdings stellt dieses Buch Kohls Kassenführung nicht im Sinne der Hypothesen von Bärfuss und seinen Gewährsleuten dar. Daher muss der Bericht auf telepathischem Wege komplettiert werden: Die Archäologen, die aus einer Zeit kommen, in der man den Verzehr von Fleisch für einen archaischen Brauch von Barbaren hält, kennen sich in der Regierungsgeschichte der versunkenen Bundesrepublik doch erstaunlich gut aus.

          Sepp Rufs Glashaus, im Bühnenbild von Sabine Kohlstedt durch ein Modell ohne das vorkragende Dach repräsentiert, wagen sie nicht zu betreten. Denn hier soll der Elefantengeist des Stücktitels hausen wie Barbarossa im Kyffhäuser, der Ungeist des letzten Bewohners, der mit einer Sammlung von Elefantenfiguren den Besuchern zu verstehen gab, dass er nichts vergaß. Doch was hinter den grau verhängten Scheiben wirklich sein Unwesen treibt, was den Schauspielern in die Glieder fährt und den Zuschauern aufs Gemüt schlägt, ist etwas viel Grauenhafteres: der Geist des Kabaretts der achtziger Jahre.

          Gegenüber dem bei Hartmann und Stauffacher verlegten Textbuch hat sich in der Uraufführungsfassung der Anteil der Paraphrasen und Zitate aus den zeitgeschichtlichen Quellen stark vermehrt. Die mutmaßliche Absicht, Kohl nur schemenhaft zu beschwören, mit Überlieferungsfragmenten vom Müllhaufen der Geschichte, und stattdessen an den Fraktionskämpfen der Forschergruppe die Gesetze von Kohls Welt nach den Regeln der Fabel zu demonstrieren, ließ sich offenbar nicht durchhalten. Die Schauspieler verwandeln sich in Kohl und die Gang, mit dicken Brillen, dicken Bäuchen und blauen Anzügen. Als der Expeditionsleiter (als wäre Kohl ein verschollener Bruder von Joachim Fest gewesen: Matthias Breitenbach) aus den Memoiren des Kanzlers vorträgt, muss er sofort ins Imitieren von Kohls Stimme verfallen, wie im Jugendradio anno 1983. Das konnte man wenigstens leiser drehen. Hier wird ununterbrochen gebrüllt.

          Dieser Theaterabend ist peinlich, plump und selbstgerecht, taktlos, maßlos und formlos: eine einzige endlose Gewalthaberei. Und nichts davon geht aufs Konto von Helmut Kohl.

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