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Festival in Manchester : Wenn Worte von Atomen getragen würden

Jubelnd am Ort der Ahnen: Patrice Naiambana als Stammesweiser in „Tree“ von Idris Elba und Kwame Kwei-Armah Bild: Marc Brenner

Auf dem Manchester International Festival wird die koloniale Vergangenheit des Britischen Empire theatral verarbeitet und mathematische Theorie in Szene gesetzt.

          Je tiefer man gräbt, desto komplizierter wird es. So ist es Idris Elba ergangen, als er sich bei den Dreharbeiten für „Der lange Weg in die Freiheit“, die Verfilmung von Nelson Mandelas Autobiographie, in der er den ehemaligen Freiheitskämpfer verkörperte, näher mit Südafrika beschäftigte und erfuhr, dass die Versöhnungspolitik seines Helden von vielen im eigenen Land als Ausverkauf an die alte Elite empfunden wird. So ist es dem Darsteller des Londoner Polizisten in der Krimi-Serie „Luther“ ergangen, als sein geliebter Vater wenig später starb und er Dinge über ihn erfuhr, die „nicht schmeichelhaft“ waren. Und so ergeht es Kaelo bei der Suche nach den eigenen Wurzeln in „Tree“, dem aus der Verarbeitung seiner Gefühle über die beiden Vaterfiguren hervorgegangenen Stück, das Elba mit dem Regisseur Kwame Kwei-Armah für das Manchester International Festival konzipiert hat. Darin wird viel gegraben, sowohl metaphorisch als auch buchstäblich in der staubigen roten Erde Südafrikas, in der Kaelos Vorfahren bestattet sind.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In der Tradition des als Schaukasten für innovative, experimentelle Auftragswerke aus aller Welt gegründeten Festivals in Manchester findet die Uraufführung in einem umgewidmeten Funktionsbau der ehemaligen Industriehochburg statt, die als neues, das Nord-Süd-Gefälle auch mit Hilfe der Kultur ausgleichendes Machtzentrum des Nordens gefördert wird. Beim Betreten der spätviktorianischen Markthalle meint man zuerst, sich in eine Technoparty verirrt zu haben: Flirrende Leuchtstreifen jagen über die Wand, laute Diskjockey-Ansagen peitschen tanzende Menschen zur Ekstase. Doch dann beginnt auf der nur leicht erhobenen Rundbühne mit einem ins umstehende Publikum hinausragenden Laufsteg Kaelo durch Wort, Tanz und Musik von seiner Reise zu den Ahnen zu erzählen. Ihre Geister haben ihm den Schlaf geraubt. Sie locken das uneheliche Kind einer weißen Großgrundbesitzertochter und eines schwarzen Landarbeiters mit dem Ruf, dass die Toten gefunden werden wollen, und begleiten seine in traumartigen Rückblenden rekonstruierte Vorgeschichte wie ein Chor im antiken Theater. Die dramatische Erzählung wandelt sich bald zu einer Allegorie der politischen Lage. Über der Bühne hängt ein gigantischer Ring mit einem korbgeflochtenen Band, das als Projektionsfläche für das Geschehen untermalende Lichteffekte dient: Pixellierte Bilder beschwören Flugzeuge, Flammenmeere und die gleißende Hitze Südafrikas.

          Poetische Symbiose aus Choreographie, Klang und Ausstattung

          Kaelos Mutter hat ihm aufgetragen, ihre Asche auf dem Grab seines Vaters zu streuen, doch will ihm keiner verraten, wo er bestattet ist. Seine Großmutter, die ihr Anwesen gegen die Forderungen nach der entschädigungslosen Enteignung weißer Landbesitzer verteidigt, hat sich einen scheinbar undurchdringlichen Schutzpanzer zugelegt. Sinéad Cusack spielt sie als verhärmte und verschwiegene alte Kolonialherrin, die nicht begreift, weshalb sich die schwarze Bevölkerung gegen sie aufbäumt. Sie traut sich nicht, ihre Gefühle zu zeigen, aus Angst, dass ihr wackeliges Gerüst der Lebenslüge zusammenbrechen könnte. Nach und nach kitzelt der arglose Enkel gemischter Herkunft die Wahrheit aus der temperamentvoll rappenden Halbschwester Joan Iyiolas heraus, die sich mit den linksradikalen Kämpfern für wirtschaftliche Freiheit als rechtmäßige Besitzerin des Grund und Bodens empfindet. Der alte Gärtner, den Patrice Naiambana als Inbegriff des Stammesweisen spielt, zeigt ihm den Ort, wo seine Urahnen liegen.

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