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Mailänder Scala : Edelkehlen im Loch Ness

  • -Aktualisiert am

„La Donna del Lago“ in der Mailänder Scala: vor allem Dank inspirierter Supersolisten ein Genuss Bild: Teatro alla Scala

Gioachino Rossinis Partien sind Traum und Albtraum jeder Operndiva. Die Mailänder Scala präsentiert wieder einmal „La Donna del Lago“ - leider nur stimmlich ein Hochgenuss.

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          Kaum ein anderer Komponist verstand so viel vom Schöngesang wie Gioachino Rossini. Selber zum Stimmsolisten ausgebildet, schrieb er in der Glanzzeit des Belcanto schon als Junggenie im Kehlenmekka Neapel für seine Gefährtin Isabella Colbran fließende, schwelgende, betörende, sauschwere Partien, die bis heute Traum und Albtraum jeder Operndiva geblieben sind.

          „La Donna del Lago", ein gerade wegen seiner Schwierigkeiten selten gespieltes Glanzstück aus dem Jahr 1819, steht mit der Dreierkonstellation aus Sopran-Sensibelchen, Testosteron-Tenor und Hosenrollen-Lover für die denkbar unrealistische Stilisierung humaner Leidenschaften zur Lebensmelodie - für reinsten Belcanto also. Dass die Mailänder Scala im Verein mit den Opernhäusern in Paris und London dieses große Kleinod wieder einmal präsentiert, ist für sich bereits ein Wurf.

          Für die heikel zu besetzende Rolle des Edeltenors - „tenore di grazia" im Fachjargon - steht wohlhabenderen Häusern heute immerhin der Glücksfall eines Juan Diego Flórez für die Königs- und (hier ausnahmsweise unglückliche) Liebhaberrolle zur Verfügung. Die scheinbare Mühelosigkeit des Peruaners im hohen Register, sein ganz leicht näselndes und daher unverwechselbares Timbre, seine elegante, wie mit Stahlgriffel gezogene Linienführung durch die allerheikelsten Oktavsprünge machen jede Sekunde seiner Arien zum Hochgenuss.

          Geschieht das im Duett mit Joyce DiDonato, die der zeittypisch an Männerdominanz leidenden Titelheldin Elena wundervolle Injektionen emanzipatorischer Stimmdynamik mitgab, darf man solch erotisches In-, Um- und Miteinander zweier technisch perfekter Edelkehlen als begnadete Augenblicke bezeichnen. Es gibt tatsächlich Momente, in denen der warm untermauerte Cowgirl-Sopran der DiDonato an die wehe Grundierung der Callas erinnert. Wundervoll!

          Elfenhaft trällernde Koloraturen

          Als wäre das nicht genug, ist auch Daniela Barcellona mit der virilen Hosenrolle des Lovers Malcolm nahezu perfekt besetzt. Bis auf einige kleine Forcierungen im tiefen Register bewältigt dieser vorzügliche Alt den Spagat, mit elfenhaft trällernden Koloraturen die Hormone eines Lovers zum Schwingen zu bringen.

          So wichtig war jenen paar Jahrzehnten italienischer Stimmenschwelgerei der Gleichklang rhythmisierter Melodieführung, dass auch ein Bellini seinen Romeo, dass eigentlich alle Komponisten die hingebungsvollsten Liebhaber mit Frauen besetzen mussten. Eigentlich ein Wunder, dass diese himmlische Unwahrscheinlichkeit nach zweihundert Jahren Naturalismus und Anti-Romantik immer noch oder heute wieder beim Publikum ankommt.

          Juan Diego Flórez, Joyce DiDonato in Gioachino Rossinis „La Donna del Lago“ Bilderstrecke

          Der gefürchtete Loggione in den oberen (meist kundigeren) Rängen der Scala kam jedenfalls zu Recht aus dem Jubel über immer neue Akrobazien und Variationen der hörbar gut aufgelegten Trias nicht heraus. Das war auch bitter nötig, denn außer Ausnahmestimmen - zugegeben: der wichtigsten Zutat - gab es an dieser opulenten Produktion sonst nichts zu bewundern.

          Lluis Pasqual hatte sich von Ezio Frigerio für den edlen Zusammenstoß dreier Schicksale eine aufklappbaren Riesengalerie mit Säulenordnungen und Balkonen errichten lassen, in welcher dann aber reinweg gar nichts passierte. Rossini bediente im Gefolge des Schauerromanciers Walter Scott die damalige Schottland-Manie - wie später Donizetti mit seiner „Lucia di Lammermoor" - und arbeitete mit horntönenden Wald- und Jägerpanoramen, ließ Highland-Stürme durchs Orchester brausen und das Wasser von Loch Ness im Orchestergraben brodeln - was Roberto Abbados betuliches Dirigat freilich bei weitem nicht auszukosten vermochte.

          Supersolisten in szenischem Fiasko

          Bei Pasquals fast schon zynischer Arbeitsverweigerung kulminieren all diese Leidenschaften von Mensch und Natur in ausdruckslosem Rampengesang, in beamtenhaften Auf- und Abgängen, kommentiert von einem müden Chor im - warum nur? - Frack. Wenn die Konfrontation von klassizistischer Großbürgerästhetik, ein paar disparaten Landschaftsprospekten im Hintergrund und märchenhaft kitschigen Ritterrüstungen eine Verfremdung der vielen Sängerpassionen, all der gesungenen Lebensdramen, ins Opernhafte bedeuten sollte, dann hat diese Regie einen winzigen Einfall ins Hirnrissige überdehnt und die Chance verpasst, drei inspirierten Supersolisten des heutigen Schöngesangs einen passenden Rahmen für ihre Kunst zu bieten.

          Und Rossini? Nein, er hätte wohl nicht geweint wegen dieses szenischen Fiaskos. Er, dessen geistreicher Belcanto jede Geistlosigkeit adelt, schrieb ja für Stimmen, nicht für Pappmaché. Und außerdem bekannte er, zum letzten Mal wegen eines getrüffelten Truthahns geweint zu haben, der beim Picknick während einer Bootsfahrt ins Wasser gefallen war.

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