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Mailänder Scala : Doppelt wachgeküßt aus dem Dornröschenschlaf

Endlich klingt die Scala so gut, wie sie aussieht Bild:

Zur glanzvollen Wiedereröffnung der Mailänder Scala rettet Riccardo Muti Antonio Salieris Oper „Europa riconosciuta“.

          Scalarot leuchtet die Samtsesselreihe, die sich zum Schluß aus dem Schnürboden senkt. Während sich die hohen Herrschaften aus der griechischen Mythologie - Europa und Asterio, Semele und Isseo - darauf niederlassen zu einem finalen Rundgesang über das aufgeklärte Glück der Vernunft, gehen die Lämpchen auch in den Logen des frisch mit scalaroter Mischseide tapezierten Zuschauerrunds an.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          So feiert Mailands Gesellschaft sich selbst und ihren Glanz. Nur 60,5 Millionen Euro soll der Umbau des Teatro alla Scala gekostet haben. 912 Sonnentage lang wurde geschuftet bei knapp dreijähriger Schließzeit - das ist nicht viel, gemessen am Resultat.

          Endlich klingt die Scala so gut, wie sie aussieht

          Denn fast alles ist nun neu. Beinahe komplett entkernt wurde der alte Bau, 1776 entworfen von Giuseppe Piermarini als größtes und schönstes Theater Italiens, dann 1946 schnell und schlampig wieder aufgebaut nach der Bombenzerstörung. Schimmel saß in den Wänden, die Akustik war des zugeschütteten Bombentrichters halber beklagenswert, die Bühnentechnik veraltet, allerhand Einbauten waren ein feuerpolizeilicher Witz.

          Nun verfügt das Haus über einen um vier Meter erhöhten Bühnenturm mit Maschinerien auf dem neuesten Stand der Technik einerseits, einen als elegantes Oval proportionierten, von Architekt Mario Botta entworfenen Aufsatz auf dem Verwaltungsbau andererseits, der, entfernt an Erich Wonders Götterburg Walhall erinnernd, sich entgegen dem Argwohn protestierender Bürger nun, da er fertig ist, bestens ins Stadtbild fügt. Wichtiger aber als dies, noch bedeutender als die Restauration der alten Marmorböden und Tapeten und die neue Untertitelungsanlage in der Rücklehne der Sitze ist auf jeden Fall das schwimmende Eichenparkett, das der katalanische Akustiker Higini Arau eingezogen hat über einem aus nicht weniger als acht Schichten aufgebauten Resonanzraum. Endlich klingt die Scala so gut, wie sie aussieht! Das kann man nicht von jeder Diva sagen. Kein Wunder, daß die ganze Stadt, das halbe Land im Festrausch liegen.

          Zerrissen von produktiven Widersprüchen

          Nicht weniger als sechs große Ausstellungen flankieren die Wiedereröffnungspremiere, zu der sich sogar Berlusconi nach achtzehn Jahren Opernenthaltsamkeit aufraffte nebst Giorgio Armani, Sophia Loren und jeder Menge Stars und Sternchen, so daß die Paparazzi alle Hände voll zu tun haben vor und während des Spektakels. Es wird live übertragen auf Straßen und Plätzen und sogar in fast sämtliche Theater der Lombardei - selbst die Gefängnisinsassen von San Vittorio genießen an diesem Abend nolens volens eine Opernfreizeit. Schon am Nachmittag, als im Haus selbst noch in hysterischer Eile Leitungen unter Putz verschwinden und Glühbirnen eingeschraubt werden, drängelt das Volk schon jenseits der weiträumigen Absperrungen und lauscht in der Galleria dem Maestro Riccardo Muti, der von der Leinwand herunter erklärt, warum Europa gar nicht vom Stier geraubt worden ist und weshalb strenggenommen eigentlich der Tenor an der Reihe ist, statt dessen aber nur koloraturfähige Mezzosoprane auftreten. Tatsächlich muß man ein paar Extra-Worte über das Stück verlieren, das der traditionsbewußte Muti zur „Inaugurazione“ wieder wachküssen wollte nach einem durchaus nicht ungerechten Dornröschenschlaf von 226 Jahren Dauer.

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