https://www.faz.net/-gqz-12ib4

Mahler-Zyklus in New York : Noch ein letztes Mal fortissimo!

  • -Aktualisiert am

Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin in der New Yorker Carnegie Hall Bild: AP

Die Berliner Staatskapelle, Daniel Barenboim und Pierre Boulez begeistern mit ihrem Zyklus aller Mahler-Symphonien in der Carnegie Hall das musikverwöhnte New Yorker Publikum.

          Sie sind natürlich sehr europäisch, daran muss man sich erst gewöhnen", raunt ein Konzertbesucher seinem Sitznachbarn zu, um Minuten später, offenkundig schier zerschmettert von der stoischen Wucht, die Pierre Boulez dem Kopfsatz der Sechsten Symphonie von Gustav Mahler verleiht, mit beinahe vorwurfsvoller Emphase auszurufen: "Aber es steckt so viel Charakter in ihrem Spiel!" Ein Mahler-Fan und besessener Plattensammler gesteht nach der Aufführung der monumentalen Achten drei Tage später, es seien ihm unwillkürlich die Tränen aus den Augen gestürzt, gleichsam "ohne erst die Seele zu befragen", wie Adorno es über die Wirkung von Schuberts Musik behauptet hat.

          Der im Wechsel von Daniel Barenboim und Boulez dirigierte Mahler-Zyklus der Berliner Staatskapelle provoziert in New York Reaktionen, die einem inmitten der brodelnden Hektik Manhattans das sonderbare Gefühl vermitteln, exotischer Bestandteil einer untergehenden Welt zu sein, die hier bloß mehr nostalgisch, doch umso begieriger erinnert werde. Während die New Yorker Musikkritik sich am spezifisch dunklen Klang der Staatskapelle stößt, in dem sie, geschult an der blankgeputzten Perfektion großer amerikanischer Orchester, vornehmlich technische Defizite meint ausmachen zu können, lässt sich das Publikum bereitwilligst von längst verschüttet geglaubten Gefühlsregionen überwältigen.

          Wo Mahler noch selbst dirigiert hat

          Um diese Erfahrung machen zu können, strömen Musikbesessene auch aus den entfernteren Bundesstaaten herbei und zahlen knappe tausend Dollar für den kompletten Zyklus aller Symphonien und Orchesterlieder. Einen solchen hat es, trotz der legendären Mahler-Tradition des Hauses, an der Carnegie Hall zuletzt 1976 mit den New York Philharmonic unter James Levine, Erich Leinsdorf und Pierre Boulez gegeben. Zuvor leitete hier Leonard Bernstein mit den New York Philharmonic die Mahler-Renaissance ein, bevor er 1967 die erste Gesamteinspielung der Symphonien herausbrachte. Schließlich dirigierte natürlich von 1909 an auch Mahler selber einen Teil seiner Symphonien an diesem Ort. Seine letzten Konzerte gab er im Januar und Februar des Todesjahres 1911 mit der Vierten Symphonie.

          Eine Bildhauerin ist extra aus Israel angereist, um die zehn Abende in dem bis auf den zweitausendachthundertvierten Platz ausverkauften Isaac Stern Auditorium besuchen zu können. Sie staunt, wie hellsichtig Mahler schon Anfang des Jahrhunderts, frappierend in der Fünften und der Sechsten Symphonie, die sich zuspitzende Pogromstimmung eingefangen habe. Daniel Barenboim freilich würde von solchen Deutungen nichts wissen wollen, war es doch schon zu Ostern vor zwei Jahren, als er den Zyklus in der Berliner Philharmonie präsentierte, ein Hauptanliegen seines exemplarischen Unternehmens, Mahler jenseits aller semantischen Etikettierungen als genuin kompositorisches Genie zu seinem Recht kommen zu lassen (siehe F.A.Z. vom 14.04.2007).

          Von Wagner zu Schönberg

          "Wenn Mahler länger gelebt hätte, hätten wir keinen Schönberg gebraucht", lautet seine These. Zugleich möchte er den Bogen zurück zu Wagner spannen, dessen harmonische Ambiguität Mahler weitergetrieben habe. Beides, die auch dynamisch differenzierte Orchesterpolyphonie wie die harmonischen Doppelsinnigkeiten, macht er aufs Luzideste hörbar: im berstenden C-Dur des Finales der Siebten beispielsweise, das in rasantem Tempo mit gleißender Klangschärfung voranstürmt, in den überirdisch schwebenden Suspensionsphasen des Kopfsatzes dieser Symphonie oder in den als physiologisch registrierte Fieberträume vorbeihuschenden Nachtstücken der Mittelsätze.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Johnson in Paris : Der eiserne Herr Macron

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Alaa S. am Donnerstag vor Gericht in Dresden

          Messerattacke auf Daniel H. : Lange Haftstrafe im Chemnitz-Prozess

          Im Prozess um den gewaltsamen Tod des 35-jährigen Daniel H. hat das Landgericht Chemnitz den Angeklagten Alaa S. zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Prozess fand aus Sicherheitsgründen in Dresden statt.

          Disney-Schauspieler in Kritik : Echte Menschen sind anstrengend

          Walt Disney macht aus Zeichentrick-Klassikern erfolgreich Realfilme. Mit der Auswahl der Schauspieler geben sich manche Zuschauer nie zufrieden. Aber wie sollen Menschen denn je einer Zeichentrickfigur entsprechen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.