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„Mahagonny“ in Kopenhagen : Kunst und Kapitalismus sind gute Komplizen

Dreieinigkeitsmoses (Sten Byriel, rechts) zeigt keine Gnade mit Jimmy Mahoney (Michael Kristensen): Szene aus „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Kurt Weill und Bertolt Brecht am Königlichen Opernhaus Kopenhagen. Bild: Thomas Petri

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ war von Bertolt Brecht und Kurt Weill als Kritik an der „kulinarischen Oper“ gedacht. Graham Vick zeigt nun in Kopenhagen, wie das Stück längst Teil des kritisierten Systems ist.

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          Witwe Begbick macht kurzen Prozess: „Bleiben wir doch einfach hier“, sagt sie, irgendwo im Parkett links sitzend, gleich am Anfang des Stücks. „Hier“ meint die Oper in Kopenhagen im wörtlichen Sinn. „Hier“ meint nicht „dort“: in irgendeiner Vergangenheit oder Zukunft, in einem fernen Land oder im Reich der Kunst als der besseren Welt. „Hier“ meint mitten unter uns. Man kann auf „hier“ nicht mit dem Finger zeigen und von sich selbst weg weisen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Regisseur Graham Vick, ein Schwergewicht seines Faches, macht in „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill die Oper selbst mit ihrem jeweils aktuellen Publikum zur urbanen Hure des Kapitalismus. Es gibt keine wahre Welt jenseits der Warenwelt mehr. Brecht hatte das 1930 - zur Uraufführung - schon ungut geahnt, als er beschrieb, dass die Kopfarbeit der Opernautoren Lieferantencharakter trüge und einen Apparat bediene, der nur auf Erneuerung, nicht aber auf Veränderung aus sei. Doch der Dichter dünkte sich ein Fünkchen schlauer als sein Gegner und wollte weiland noch zum Angriff blasen - das hat sich nun wohl erledigt. Der Kapitalismus konnte auch ihn demobilisieren durch Eingliederung ins Angebotssortiment.

          Neu ist diese Erkenntnis nicht; auch in Augsburg, in Brechts Geburtsstadt, wurde „Mahagonny“ im Jahr 2011 schon so gezeigt, dass Bühne und Publikumsraum ganz ähnlich aussahen. Aber diese Spiegelungen, die im Theater höchst beliebt sind, zeigen immer noch mit dem Finger auf das Publikum, also weg von der Kunst, als sei sie „das Andere“ zum Verblendungszusammenhang. Vick geht in Kopenhagen einen Schritt weiter. Die Geschichte von Jimmy Mahoney wird gar als Einführungsvortrag inszeniert: Publikumspädagogik als Teil des Dienstleistungssektors in der Konsumgesellschaft.

          Kein Zynismus

          Nun gönnt sich Vick aber nicht, wie Frank Castorf meistens, die Pose des Durchblickers und Zynikers, der den Verrat am Idealismus der Kunst als erotisch empfindet. So mies und alternativlos die Verhältnisse auch sein mögen - Empathie mit jenen, die unter ihnen leiden, will sich Vick nicht abgewöhnen lassen. Das Duett zwischen Jimmy und Jenny, in dem sie sich liebeshandelseinig werden, und das wiederkehrt, wenn sie sich trennen, darf in seiner ganzen Traurigkeit ans Herz rühren. Sine Bundgaard zeichnet in ihrer Jenny den Weg vom manipulativen Flittchen zu einer Frau am Rande des Kontrollverlusts souverän nach. Wir wohnen der Beschädigung eines Lebens hörend bei. Michael Kristensen gibt den Jimmy als herben Helden, der sich vom rauhbeinigen Kumpel zum armen Würstchen wandelt.

          Ein guter Mann steht an der Spitze der Königlichen Kapelle: Julien Salemkour, viele Jahre Assistent von Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper, also jemand mit umfassender Repertoire- und Metierkenntnis. Er trifft für die Musik von Kurt Weill - der hier wie ein Pfandfinder die Mülltonnen der Musikgeschichte von Johann Sebastian Bach bis zu den Admiralspalastrevuen durchwühlt hat - genau den richtigen Ton: Alles klingt billig, aber voll offensiver Sinnlichkeit, schnarrend und plärrend wie Konservenmusik, aber mit schwingender Eleganz im Rhythmus. Und Salemkour behält auch die Koordination im Griff, wenn der Opernchor, den André Kellinghaus hurrikanfest vorbereitet hat, hinter ihm, vom Publikumsraum aus singt. Denn Ron Howell hat sich für den Chor eine fulminante, raumgreifende Choreographie ausgedacht.

          In einer Oper, die ursprünglich „das Kulinarische“ des Genres kritisieren wollte, darf es als gute Pointe gelten, wenn die Figur des Jack O’Brien, der sich zu Tode frisst (indem er in Kopenhagen einem lebenden Mann die Eingeweide aus dem Bauch popelt und sich den Mund damit vollstopft), von einem schmelzend süßen Tenor wie Magnus Gislason gesungen wird. Die Mezzosopranistin Randi Stene macht als Witwe Begbick eine denkbar gute Figur: Sie ist im Jazz - man denke an die schöne ECM-Platte mit Liedern von Ketil Bjørnstad - genauso zu Hause wie in der Oper und kann deshalb zwischen beiden Stimmidiomen mit großer Geschmeidigkeit changieren, ohne dass es nach peinlicher Anbiederei klingt. Und Sten Byriel singt einen Dreieinigkeitsmoses von knarrender Erbarmungslosigkeit.

          Das größte Verbrechen ist, kein Geld zu haben

          Vom alten Schaustellergewerbe der Kapitalismuskritik mag auch Graham Vick nicht lassen, aber er schließt sich und uns selbst als Objekt in die Kritik ein - und zwar pointiert, unter virtuoser Bühnennutzung. Zur Fress-Szene im zweiten Akt blendet ein Nachrichtenbanner die Frage ein: „Welches dänische Restaurant erhielt im Jahr 2016 drei Michelinsterne?“ Dazu die Quellenangabe: „Einbürgerungstest“.

          Immer mehr Migranten fluten im Schlussbild die Bühne und fallen in einer Welt, wo es das größte Verbrechen ist, kein Geld zu haben, tot um. Derweilen sind die Witwe Begbick, Dreieinigkeitsmoses und der Banker Fatty (Jens Christian Tvilum) im Rollstuhl unterwegs. Für Jenny, die Hure, die nicht für Jimmy bezahlen wollte, der kein Geld mehr hatte und deshalb hingerichtet - also in die Mülltonne geworfen - wurde, reicht noch der Rollator. Wo alles auf Konsum und Selbstgenuss aus ist, fehlen am Ende die Kinder - im Leben wie in der Oper. Ökonomie und Demographie hängen nämlich zusammen.

          Aufführungen im November, Dezember und Januar

          Dienstag, 29. November, 20 Uhr

          Freitag, 2. Dezember, 20 Uhr

          Mittwoch, 4. Januar, 20 Uhr
          Sonntag, 8. Januar, 15 Uhr

          Donnerstag, 12. Januar, 20 Uhr
          Sonntag, 15. Januar, 15 Uhr

          Donnerstag, 19. Januar, 20 Uhr
          Sonntag, 22. Januar, 15 Uhr

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