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Mäzene und Corona : Wie Gemeinsinn aus der Not der Künstler wächst

  • -Aktualisiert am

Musiker spielen am 19. Februar auf dem Münchner Odeonsplatz und bitten um Spenden. Bild: Picture-Alliance

Der Staat kommt nicht hinterher, freischaffenden Musikern in der Not der Pandemie zu helfen. Private Förderer versuchen nun, die Lücken zu schließen. Mit Erfolg?

          5 Min.

          Angela Merkel hört zu, erklärt, zeigt Perspektiven auf. In dem Live-Format „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“ berichten vierzehn Kunst- und Kulturschaffende von ihrer Not in der Pandemie. Die Regierungschefin pariert faktensicher jede noch so kleinteilige Kritik: Überbrückungshilfen, Hygienekonzepte, Inzidenzwerte. Es ist bekannte Kanzlerinnen-Routine. Doch als eine freie Musikerin aus Köln an der Reihe ist, bekommt sie heftigen Gegenwind. „Ich muss Ihnen da doch deutlich widersprechen, dass diese Wirtschaftshilfen dort ankommen, wo sie hätten ankommen sollen“, kritisiert die Musikerin. Die Hilfen gingen an vielen Freischaffenden vorbei, und „der Soloselbständige hat, im Falle eines Musikers, kaum die Möglichkeit, eine Kompensation zu erlangen“. Eine Lösung? Der Kanzlerin bleibt nur, auf die Grundsicherung hinzuweisen, deren Grundanspruch bei 446 Euro liegt. „Ansonsten kann ich uns allen nur die Daumen drücken, dass es ein schnelles Ende findet.“ Daumen drücken also als politische Strategie?

          Die Szene offenbart zumindest: Mehr als ein Jahr nach Beginn der Pandemie fallen viele freischaffende Musiker, Schauspielerinnen und andere Künstler noch immer durch das staatliche Sicherungsnetz. Sie müssen Soforthilfen komplett zurückbezahlen, weil diese an Betriebskosten gebunden sind, die bei freischaffenden Künstlern meist kaum anfallen. Die November- und Dezemberhilfen stockten und wurden teilweise erst im März ausgezahlt oder überhaupt nicht. Wer die seit Mitte Februar dieses Jahres greifende Neustarthilfe für Soloselbständige beantragt hat, erhält von Januar an bis Juni immerhin 1250 Euro im Monat, muss davon allerdings nicht nur leben, sondern womöglich auch angehäufte Schulden begleichen. Doch es gibt auch Zeichen der Zuversicht.

          Denn wo staatliche Hilfen für die Kulturszene fehlen, haben sich private Stiftungen und Förderer im zurückliegenden Corona-Jahr mit besonderer Hingabe engagiert. Das Geld kommt nicht nur häufig schneller und unbürokratischer dort an, wo es dringend gebraucht wird. Es ist auch weitaus mehr als in den Vorjahren. Wie jüngste Zahlen des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DIZ) zeigen, lag das Spendenvolumen von privaten Haushalten im vergangenen Jahr allein für Kultur- und Denkmalpflege bei 328 Millionen Euro – und damit satte 65 Millionen Euro über der Summe des Vorjahres. Auch der Deutsche Spendenrat bestätigt diese positive Tendenz. Weil Groß- und Unternehmensspenden in der Statistik des Deutschen Spendenrats keine Rolle spielen, fällt deren Zahl zwar etwas niedriger aus. Sie darf aber dennoch optimistisch stimmen: Mehr als 151 Millionen Euro gaben Bürgerinnen und Bürger laut deren Sonderauswertung für Kultur- und Denkmalpflege aus. Das waren rund 23 Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

          Über ein Drittel der Gelder floss laut Spendenrat in lokale Projekte, die Kulturschaffende unterstützten. „In der Szene ist eine Menge Arbeit geleistet worden. Es gab sehr viele Organisationen, die Corona-Hilfsfonds aufgelegt haben“, sagt Max Mälzer, Geschäftsführer des Deutschen Spendenrats.

          Was sind das für private Organisationen, die dort einspringen, wo die Corona-Pandemie die lokale Kulturszene gefährdet? Es sind beispielsweise die rund 410 Bürgerstiftungen in Deutschland, in denen sich Menschen zusammentun, um sich zu engagieren und private „Fördertöpfe“ aufzusetzen. Weil sie die Kulturszene vor Ort kennen, können sie gezielt helfen.

          Privater Corona-Fördertopf

          Ein Beispiel ist die Bürgerstiftung Tübingen. Rückblick: Es ist der 24. März 2020. Seit zwei Tagen gilt wie überall in Deutschland auch hier der erste Lockdown. Constanze Schemann-Grupp spaziert über den Marktplatz der Universitätsstadt, die Menschen halten Abstand zueinander, doch plötzlich halten viele Leute mitten auf dem Platz inne. Ein Opernsänger hat einen Hut vor sich niedergelegt und intoniert eine „der schönsten Verdi-Arien“, erinnert sich Schemann-Grupp an jenen Tag. „Es war so traurig, dass jemand, der sonst in großen Häusern auftritt, auf diese Weise seine schwierige Lage zeigen musste“, sagt die Tübingerin. Gleichzeitig schoss ihr das Motto der Bürgerstiftung Tübingen in den Sinn, deren Vorsitzende sie ist: „Gemeinsam sind wir stark“. In der Folge gründete die Stiftung einen Corona-Fördertopf, aus dem sofort und unbürokratisch Hilfe für einzelne Künstlerinnen und Künstler fließen sollten. Zusammen mit einem Spendenaufruf des Schwäbischen Tagblatts konnten insgesamt 300 000 Euro für die Kunst- und Kulturszene gesammelt werden. Außerdem gründete die Stiftung bereits vor vier Jahren einen Freundeskreis: Zwanzig Förderer, darunter Privatpersonen und Firmen, verpflichten sich für fünf Jahre zu einer Unterstützung, die unter anderem Kulturschaffenden hilft. Gemeinsam entscheiden der Stiftungsrat aus dreizehn Personen und der Vorstand, wer von den Antragstellenden eine Förderung bekommt. „Das läuft unkomplizierter ab, als es sich vielleicht anhört. Wer als Einzelperson Hilfe benötigt, muss im Grunde nur seine Einkommensverhältnisse nachweisen“, sagt die Stiftungs-Vorsitzende. Mehr als dreißig Kulturschaffende und einzelne Kulturvereine bekommen nun eine Förderung, die sie von staatlicher Seite nicht erhalten hätten.

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