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„Hänsel und Gretel“ in der Oper Frankfurt : Auf dem Weg zur nächsten Elternversammlung

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Nur noch zehn Wochen bis Weihnachten: In Frankfurt ist der Tannenbaum für Hänsel und Gretel jetzt schon geschmückt. Bild: Monika Rittershaus

Der Regisseur als Entwicklungspsychologe: Keith Warner führt Humperdincks „Hänsel und Gretel“ an der Oper Frankfurt vom Traumspiel in die Wirklichkeit. Sieht deshalb das Hexenhaus nun wie ein Betonbunker aus?

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          Schon seit den Zeiten Michael Gielens und Klaus Zeheleins läuft an der Frankfurter Oper die Dramaturgie auf Hochtouren. Alles wird wohlbedacht, Werkgestalt, Aufführungsgeschichte, Zeithistorisches, Psychologie und Psychoanalyse, vor allem die Musik. Das jeweilige Programmbuch legt von den intellektuellen Ambitionen jeweils wortreich und beredt Zeugnis ab. Natürlich ist es nicht von Schaden, über die Kunstform Oper und deren Inhalte intensiver nachzudenken - zumal sich viele Opernproduktionen landauf, landab energisch gegen jedes Nachdenken sträuben.

          An der Oper Frankfurt fand jetzt eine populäre Märchenoper die gebührende höhere Aufmerksamkeit: Engelbert Humperdincks Märchenspiel in drei Bildern „Hänsel und Gretel“, vom britischen Regisseur Keith Warner inszeniert, vom Generalmusikdirektor Sebastian Weigle dirigiert und vom kundigen Dramaturgen Norbert Abels in ihren vielfältigen „Aspekten“ ausführlich durchleuchtet.

          Die „ersten Jahre der Kindheit sind die wichtigste Entwicklungsphase, die das Leben uns bereitet“, sagt Warner. Er inszeniert folglich kein Weihnachtsmärchen, er betätigt sich vielmehr als ein Tiefenpsychologe der Kinderseele. Die Kinder beginnen, sich die Welt, die sie umgibt, auf eigene Art und Weise anzueignen, gleichsam sich eine eigene Vorstellung von Welt zu imaginieren. Für Keith Warner fällt das zugleich mit den Verfahrensweisen der Psychoanalyse zusammen. Auf dem Theater entsteht durch die Zusammenführung beider Motive eine eigene, unverwechselbare Magie, ein Traumspiel der Verwandlungen, wobei die Kinder als Hauptdarsteller auftreten: Für Hänsel und Gretel vollzieht sich eine Art Initiationsritus, sie treten nach allerhand bösen und schwierigen Geschehnissen endlich in das eigene Leben ein. In diesen Akt der Befreiung werden zum Schluss alle von der Hexe verzauberten Kinder mit einbezogen.

          Bildkräftige Poesie

          Warner ist kein Regisseur der knalligen Effekte, wie, zum Beispiel, sein Landsmann Richard Jones, von dem eine an vielen Bühnen gezeigte „Hänsel und Gretel“-Grusical-Inszenierung stammt. Wie ein theatralischer Seelenarzt breitet Warner die Geschichte der beiden Kinder aus. Als Puppenspieler beobachten sie aus einer mobilen Spielkiste sich selbst: wie sie in einem ärmlichen Waisenhaus leben; wie der Hunger sie quält - nicht nur der physische Hunger, auch die dunkle Sehnsucht, das wirkliche Leben zu ergreifen. Im Traum umstehen weißgeschminkte Figuren, Persönlichkeiten wie die Brüder Grimm, die Schlummernden - eine wunderbar magische Sequenz, die den Blick über den Anlass hinaus auch auf alle anderen Märchenzauber lenkt. Hier erreicht die Inszenierung, unterstützt von den suggestiven Bühnenbildern Jason Southgates, der Lichtgestaltung von John Bishop, den Kostümen Julia Müers eine atmosphärisch starke und bildkräftige Poesie, in der die tiefere Bedeutung wie von selbst erkennbar wird.

          Etwas vordergründiger wirkt dann das Hexenhaus. Es ist nicht aus Lebkuchen gefertigt, sondern ein modernes Einfamiliengebäude aus Betonwänden, mit Kirmeslichtspiel garniert. Hänsel und Gretel treten in unsere Wirklichkeit ein - so könnte man es deuten. Der Ofen, in den die Hexe dann märchengemäß von Gretel hineingeschubst wird, erfüllt die bekannte Aufgabe: Das Böse wird verbrannt. Auch dies nimmt die Regie aber auch ein wenig ironisch: Die Hexe wird im offenen Sarg zur Bestattung auf die Bühne geschoben. Der anschließende kollektive Kinderjubel wirkt leicht plakativ - wie ein Koreferat zum Ungebornenchor in der „Frau ohne Schatten“ von Strauss und Hofmannsthal.

          Für den Dirigenten Sebastian Weigle ist Humperdincks Märchenoper eine Herzensangelegenheit. Das spürt und hört man in jedem Takt. Das Frankfurter Opernorchester präsentiert sich in bester Verfassung, es wird durchwegs klangvoll, farbenreich musiziert. Aber die liedhaften Nummern erklingen mit einer schönen Leichtigkeit, Anmut, Innigkeit. Und Weigle gelingt es, diese Leichtigkeit mit etwas Wagner-Schwere so zu kombinieren, dass Humperdincks Partitur wie eine geschlossene Einheit erscheint.

          Sprung aus der Kindheit

          Von Frankfurts Oper erwartet man, dass stets auch eine qualifizierte Besetzung der zentralen Partien aufwartet. Da die Aufführung in den kommenden Wochen sehr häufig im Spielplan erscheinen wird, sind für viele der Figuren mehrere Sänger verpflichtet. In der Premiere sangen Katharina Magiera den Hänsel und Louise Alder das Gretel: Letztere mit feiner, musikalisch geführter Stimme, die nach anfänglicher Zurückhaltung immer leuchtender aufblühte. Magieras Hänsel kehrte in Stimme und Spiel das Jungenhafte lebendig heraus, ebenso den Sprung aus der Kindheit in den sich abzeichnenden „Jungen Mann“ - auch solche differenzierten Abbildungen gehören zu Warners sensibler Menschenbeobachtung.

          Mit Alejandro Marco-Burmester und Heidi Melton war das Holzfäller-Ehepaar vokal und darstellerisch bestens besetzt. Auch diese Erwachsenen vollziehen den Weg aus dem Märchen in unsere Gegenwart: ein zeittypisches Erzieherduo auf dem Weg zur nächsten Elternversammlung. Und Peter Marsh als schwarz gewandete Knusperhexe demonstrierte schlagend, dass der Komponist Humperdinck beim Entwurf der Figur wohl besonders intensiv an Wagners Zwerg Mime gedacht haben muss: „Als zullendes Kind/zog ich dich auf“ - dies singt der zu Siegfried, um diesem dessen Herkunft zu erklären. Auch das wäre so ein Märchenthema, das sich gut in diese von starkem, wenn auch etwas kürzerem Beifall des Frankfurter Premierenpublikums bedachte Aufführung einfügen ließe.

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