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Madrider Bühnen in der Eurokrise : Bringen Sie Ihr Stück gleich mit!

Im Madrider „Casa de la Portera“-Theater schießen Alberto Puraenvidio und José Martret in „Iván-off“ nicht auf Tschechow, aber auf die Krise Bild: Casa de la Portera

Spanien ächzt und stöhnt unter seiner finanziellen Schieflage, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Da hilft kein Jammern. Da hilft Theater. Tolle Abende in Madrid.

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          Am Ende der Straße sieht es ganz so aus, als hätten wir uns in der Adresse geirrt. Gleich neben der Eckkneipe in dieser engen Gasse der Madrider Altstadt, das muss die Nummer 24 sein. Aber nichts deutet auf ein Theater hin. Jemand hat mit roter Farbe ungelenk die Hausnummer an die Wand gesprüht, die zerkratzte grüne Holztür daneben ist geschlossen. Später begreift man, dass hier alles auf höchstpersönliche Weise geschieht. Wer das Glück hat, für das begehrteste Theaterstück des Sommers, das bis in den Juli hinein ausverkauft ist, ein Ticket ergattert zu haben, wird um halb neun Uhr abends ins Haus gerufen. Fünfundzwanzig Zuschauer, mehr passen nicht hinein. Sie tappen durch einen Flur, in dem surreale Ölbilder hängen, und kommen in ein mittelgroßes Zimmer. Auf einer stoffbezogenen Holzbank, die an den vier Wänden entlangläuft, nehmen sie Platz. In der Mitte, zum Greifen nah, sitzt ein junger Mann in einem Ohrensessel, ein Buch auf dem Schoß. Er wirkt nicht so, als hätte er auf uns gewartet. Iwanow wartet auf niemanden.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Es hat seinen tieferen Sinn, dass eine spanische Tschechow-Inszenierung dem Theaterpublikum eine Ahnung von Endzeit einhaucht. Während im Kulturbetrieb weiträumig Budgets gekappt, Projekte zusammengestrichen und Leute entlassen werden, hat eine Gruppe professioneller Schauspieler und Bühnenkünstler die „Casa de la Portera“ gegründet, um zu beweisen, dass man für gutes Theater nicht mehr braucht als die richtigen Menschen und eine Handvoll Requisiten. „Vor drei Monaten haben wir die Wohnung gemietet, alles renoviert und den Betrieb aufgenommen“, erzählt Alberto Puraenvidia, der das Theater zusammen mit José Martret leitet. Das heißt, dass die beiden Kompagnons auch als Kartenabreißer und Platzanweiser fungieren.

          Dem Irrsinn entkommen

          “Iván-off“ wurde von José Martret inszeniert und ist so nahe an Tschechows Drama „Iwanow“, wie der Titel vermuten lässt. Vom Euro ist die Rede statt von Rubel; Anna Petrowna hat um Iwanows willen nicht den jüdischen, sondern den muslimischen Glauben abgelegt; aber ansonsten schmiegt sich die alterslose Tschechow-Hülle wie eine zweite Haut an die neueste spanische Wirklichkeit, die ja auch von den letzten und größten Fragen handelt: Wie dem Irrenhaus des täglichen Lebens entkommen? Wo ein bisschen Sinn zusammenkratzen, wenn alles rutscht, stürzt, verfällt?

          Der allgemeinen Depressionsstimmung im Kulturleben begegnet die „Casa de la portera“ mit atemraubender Spielfreude und Präsenz. Neun Akteure spielen für uns zwei Stunden lang, und jedem Satz hört man an, dass sie Tschechow nicht verformen, sondern zum Leuchten bringen wollen. Sie sind gut, sie sind ernsthaft, sie gleiten hinein und hinaus, tänzeln gleichsam durch den engen Raum und schaffen es tatsächlich, nicht über die Beine der Zuschauer zu stolpern. Der Platz ist so eng, dass die Bühne zu körperlicher Nähe zwingt. Gleich neben meinem linken Arm vergießt die junge Sascha authentische Tränen.

          Schauspieler mit Leidenschaft: Der Enthusiasmus auf Madrids Bühnen ist in der Stadt zu spüren
          Schauspieler mit Leidenschaft: Der Enthusiasmus auf Madrids Bühnen ist in der Stadt zu spüren : Bild: dapd

          Keinen Meter von uns entfernt nervt Borkin seinen Verwandten Iwanow mit angeblich todsicheren Geschäftsideen. Worin die spanische Gesellschaft der russischen von damals ähneln mag, ist nicht nur das Gefühl, in der Familienfalle zu sitzen, sondern auch der Hang zur großen rhetorischen Geste, das entschlossene Anplappern gegen die Langeweile. Nirgendwo ist Langeweile aufregender als bei Tschechow.

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